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Der Schnee von morgen

Der Winter ist auch nicht mehr das, was er mal war – und das wird wohl so bleiben, sagt eine sächsische Klimastudie. Was bedeutet das für den Tourismus?

„Schnee musst du machen, wenn du ihn machen kannst“, sagt Stefan Uhlmann von der Skiarena Eibenstock. Jetzt macht ihm Corona einen Strich durch die Rechnung.
„Schnee musst du machen, wenn du ihn machen kannst“, sagt Stefan Uhlmann von der Skiarena Eibenstock. Jetzt macht ihm Corona einen Strich durch die Rechnung. © Uwe Mann

Der Winter hat seinen weißen Mantel über das Vogtland geworfen. Raureif schmückt die Tannen, Eiskristalle glitzern in der Sonne, unter den Füßen knirscht und knarzt das Eis. Genauso hatte sich Organisationschefin Kathrin Hager den Auftakt zum Deutschen Winterwandertag vorgestellt. Es ist die vierte Auflage dieses Ereignisses, zum ersten Mal darf das sächsische Schöneck als Gastgeber die Wanderfreunde aus der ganzen Bundesrepublik empfangen. Nur eine Kleinigkeit trübte damals, im Januar 2020, die allgemeine Freude: „Die Skitouren und die Fahrten mit dem Pferdeschlitten mussten wir leider absagen“, erinnert sich Kathrin Hager. Die Schneedecke war einfach zu dünn.

Im Nachhinein können die Organisatoren von Glück reden, dass sie ihre Heimat überhaupt in winterlicher Kulisse präsentieren konnten. Denn Schnee wird immer mehr zum raren Gut – sogar im schneeverwöhnten Vogtland. Seit den 1970er-Jahren sinkt hier die natürliche Schneemenge, die man für Wintersport benötigt, kontinuierlich. Und nicht nur hier, wie das Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie (SMUL) in einer Studie zur „Schneeklimatokolie“ feststellt.

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Die Corona-Schutzimpfung ist gestartet. Zunächst allerdings nur für Menschen, die zur Gruppe der höchsten Priorität gehören.

Schneesicherheit nimmt in allen Skigebieten ab

Die Fachleute hatten dafür die Klimadaten der letzten 45 Jahre ausgewertet und Voraussagen für die nächsten 30 Jahre gewagt – und zwar für alle 28 sächsischen Skigebiete. SMUL-Sprecherin Karin Bernhardt fasst das Ergebnis so zusammen: „Die Schneesicherheit hat in allen sächsischen Skigebieten abgenommen, und dieser Trend wird sich fortsetzen.“ Ursache Nummer eins: die Temperaturentwicklung. Deshalb werde es im Winter künftig eher regnen als schneien.

Leute wie Stefan Uhlmann könnten angesichts solcher Prognosen Trübsal blasen. „Aber das bringt uns auch nicht weiter“, sagt der 41-Jährige, der gemeinsam mit seinem Vater die Skiarena Eibenstock betreibt. Also trommelte er am letzten Wochenende im November, als der Wetterbericht Temperaturen nahe der Null-Grad-Marke ankündigte, ein paar Leute zusammen. „Schnee musst du machen, wenn du ihn machen kannst.“ 48 Stunden lang liefen die Kanonen im Dauerbetrieb, danach glich der Hang am Adlerfelsen einem Winterwunderland. Mehr als große Augen können die Skifahrer zurzeit allerdings nicht machen. Wegen Corona stehen die Lifte still, niemand darf in der Skiarena hinabwedeln.

Wozu dann aber der ganze Aufwand? „Das Schlimmste wäre, wenn wir am 10. Januar öffnen dürfen und das Wetter dann keine Beschneiung erlaubt“, erklärt der Chef. Dass die weiße Pracht bis dahin schmelzen könnte, schließt er aus. Kunstschnee habe eine ganz andere Konsistenz als natürlicher Schnee, erklärt er, um sogleich hinzuzufügen, dass daran nichts Künstliches sei: „Alles nur Wasser und Luft.“ Die erste Schneekanone hatten sich die Uhlmanns noch geborgt. Dann kauften Vater und Sohn nach und nach eigene Technik, jede einzelne Kanone kostete „so viel wie ein Kleinwagen.“ Heute stehen zehn Stück auf dem Hang. „Wir haben zwar regelmäßig Winter, aber nicht immer Schnee. Was vom Himmel kommt, reicht einfach nicht.“

Beschneiung zunehmend unwirtschaftlich

Mit Schneekanonen gegen den Klimawandel: Diese Strategie ist nicht neu und auch keine sächsische Erfindung. Weltweit haben die Wintersportzentren aufgerüstet, um sich vom Wetter unabhängig zu machen und die Saison so weit wie möglich in die Länge zu ziehen. Doch auch das werde nicht unendlich so weitergehen, konstatiert die Studie des Landesumweltamtes: „Mit den veränderten klimatischen Verhältnissen werden sich auch die meteorologischen Bedingungen für eine Beschneiung mit Kunstschnee verschlechtern“, heißt es da. Schlimmer noch: Die Beschneiung könnte zunehmend unwirtschaftlich werden. Anders ausgedrückt: Liftbetreiber müssten draufzahlen. Besonders Skigebiete unterhalb von etwa 800 Metern wären davon betroffen.

Das Skigebiet Waltersdorf im Zittauer Gebirge ist so ein Kandidat. Es erstreckt sich auf einer Höhe von 532 bis 764 Metern. Hier hat man schon hautnah erfahren, was Wintersport ohne Schnee bedeutet. „Die ganze letzte Saison stand unser Lift still“, berichtet Tilo Knöbel, Präsident des Alpinen Skivereins Lausche e. V.. Heute sagt er: „Zum Glück hatten wir die Schneekanone nicht angeworfen und dem bereits eingestellten Personal rechtzeitig gekündigt.“ Andernfalls wäre der Verein noch tiefer in die Miesen geschlittert.

Kein Tag ohne Liftbetrieb, das gab’s noch nie in der 80-jährigen Geschichte des kleinen Skigebiets an der Lausche. Irgendwie angedeutet hatte es sich aber schon. Laut Klimastudie sind die Tage, in denen die Hänge des Zittauer Gebirges wirtschaftlich beschneit werden können, in den letzten Jahrzehnten um ein Viertel zurückgegangen. Bis 2030 könne sogar „die Grenze der Beschneibarkeit erreicht werden“, so die Prognose. Die Realität war schneller.

Stefan Uhlmann investiert aber nicht nur in Schneekanonen.
Stefan Uhlmann investiert aber nicht nur in Schneekanonen. © Uwe Mann

Für den Verein und seinen Präsidenten ist das noch lange kein Grund zum Aufgeben. In den vergangenen Wochen haben sie ihre Anlage wieder in Schuss gebracht, der Tüv gab grünes Licht. Das Geld – knapp 1.000 Euro – muss der Vorstand erst mal aus der eigenen Tasche vorschießen. Die Hoffnung, dass die beiden Lifte noch im Dezember in Betrieb gehen könnten, hat der neuerliche Corona-Lockdown zerstört. Jetzt wandern die Gedanken wie überall in den Januar.

„Wenn’s läuft, freuen sich alle“, sagt Tilo Knöbel. Auch die Tourismusverbände werben gern mit den tollen Wintersportangeboten im Dreiländereck. Aber wie so ein Verein ohne Einnahmen über die Runden kommt, danach hätte ihn noch nie jemand gefragt. Eine kleine Überbrückungshilfe – „nur geborgt, nicht geschenkt“ – wäre zumindest ein Rettungsanker. Denn eines, sagt Knöbel, sei jedenfalls klar: „Wenn der Verein weg ist, ist auch der Lift weg.“ Und dann sähe es wirklich finster aus im Zittauer Gebirge. Lediglich im benachbarten Oybiner Ortsteil Hain gibt es noch einen Schlepplift. Der stand die ganze vorige Saison ebenfalls still, diesmal wurde er erst gar nicht montiert, wie Betreiber Bernd Herfort sagt. „Wegen Corona.“

Was soll aber aus dem Wintertourismus werden, wenn es nicht mehr genügend Schnee gibt? „Mit der klimatischen Veränderung müssen sich auch die touristischen Angebote ändern“, fordert Sachsens Tourismusministerin Barbara Klepsch.

Neuer Trend zum Ganzjahrestourismus

Vater und Sohn Uhlmann in Eibenstock haben das schon viel früher erkannt. Sie investierten nicht nur in Schneekanonen. Aus der Skiarena ist „Wurzelrudis Erlebniswelt“ geworden – mit Allwetter-Bobbahn und Irrgarten, Spielplätzen und Haustierzoo, Murmelwald und Erlebnispfad, mit Dreirädern, auf denen man den Berg hinabsaust, und einem Schiff, das ganz oben auf dem Adlerfelsen gestrandet ist. „Die Gäste erwarten jedes Jahr etwas Neues“, sagt Stefan Uhlmann. Die Besucherzahlen verteilten sich inzwischen je zur Hälfte auf Frühjahr/Sommer und Herbst/Winter. Größte Investition war eine Sesselbahn, knapp zwei Millionen Euro hat sie gekostet. „Dafür muss sie sich das ganze Jahr drehen.“ Diese Bedingung gelte für jede neue Anschaffung, betont der Juniorchef.

Fachleute haben dafür das Schlagwort Ganzjahrestourismus geprägt. Förderprogramme würden dies bereits berücksichtigen, sagt Klepschs Sprecher Jörg Förster. Als Beispiel nennt er Schöneck im Vogtland – im Winter Ski-, im Sommer Bikewelt. Und wenn kein Schnee liegt, dann wird eben auch im Winter mit dem Fahrrad den Berg hinabgedüst. Hinauf geht es mit dem Sessellift; der wurde (wie in Eibenstock) so konzipiert, dass er auch Räder transportieren kann. „Es gibt viele Ideen“, sagt Peter Wollmann, Projektmanager beim Tourismusverband Vogtland, „aber letztlich hängt es von den Mitteln ab.“

Widerstand aus dem Umweltministerium

Manchmal ist es aber gar nicht das Geld, dass den Wandel ausbremst. In der kleinen Grenzstadt Sebnitz schmiedet Oberbürgermeister Mike Ruckh einen ganz großen Plan. Gemeinsam mit den Nachbargemeinden Neustadt und Dolni Poustevna in Tschechien will er einen grenzüberschreitenden Bikepark errichten, mit 150 Kilometern Trails, Verbindungswegen und einem Welcome Center. „Eine Studie bestätigt die Wirtschaftlichkeit“, betont Ruckh und verweist auf einen schönen Nebeneffekt: „Die Radwege im Nationalpark Sächsische Schweiz würden entlastet.“ Und der Skihang in Rugiswalde bekäme auch gleich noch eine alternative Nutzung. „Wir wissen, dass solche Projekte auch im Winter ohne Schnee angenommen werden“, sagt der OB.

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Er beruft sich dabei auch auf die schon erwähnte Tourismusstrategie; sie setzt auf eine grenzübergreifende Entwicklung Sachsens zu einer der führenden Mountainbike-Destinationen. Inzwischen hat der Ruckh viele Befürworter um sich geschart, auch Tourismusministerin Klepsch (CDU) unterstützt das Projekt. Widerstand kommt dagegen von Umweltminister Wolfram Günther (Grüne). Er teile zwar „das grundsätzliche Anliegen, ungeregelte wilde Mountainbike-Trails in geordnete Bahnen zu lenken“, lässt er auf Anfrage mitteilen. „Hochproblematisch“ sei aber, dass die Pläne Natura 2000-Schutzgebiete berührten. Seine Sorge dreht sich vor allem um „naturnah strukturierte und an Baumhöhlen reiche Laub- bzw. Mischbestände.“ Ein Spitzengespräch zwischen beiden Ministern Anfang Dezember brachte keine Einigung.

Solche Sorgen hat Kathrin Hager im Vogtland nicht. „Wandern kann man das ganze Jahr“, sagt sie. „Man braucht nur die passende Kleidung.“

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