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Experte warnt vor Finanzschock im Rentensystem

2025 sinkt das Rentenniveau und die Beiträge steigen, sagt Axel Börsch-Supan. Die Pläne der Sondierer werden für die Jungen teuer, auch die Aktienrente.

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Drei Senioren sitzen auf einer Bank an der Ostsee.
Drei Senioren sitzen auf einer Bank an der Ostsee. © Jens Büttner/dpa (Symbolbild)

Von Heike Jahberg

Keine Rentenkürzungen, keine Verlängerung der Lebensarbeitszeit: Die Rentenpläne von SPD, FDP und Grünen lassen bei der Rente im Prinzip alles beim alten. Mit einer Ausnahme: Ein Teil der Rentenbeiträge soll künftig am Kapitalmarkt angelegt werden. Axel Börsch-Supan sieht diese Pläne kritisch.

Der Rentenexperte warnt davor, wichtige Reformen immer weiter nach hinten zu schieben. Je länger man wartet, desto größer wird der Schock, sagt er. Schon 2025 wird es eng. Denn in drei, vier Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Drei Millionen neue Rentner wollen dann unterstützt sein.

Herr Börsch-Supan, Sie und Ihre Kollegen im wissenschaftlichen Beirat haben kürzlich vor „schockartig steigenden Finanzierungsproblemen“ gewarnt, wenn es keine umfassende Rentenreform gibt. Im Sondierungspapier von SPD, Grünen und FDP heißt es, dass es keine Rentenkürzungen geben soll und auch keine Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters. Steuert die Rentenversicherung auf einen Finanzkollaps zu?

Nein, nicht auf einen Finanzkollaps, aber auf einen Finanzschock. Weil die Beiträge und die Steuerzuschüsse zur Rente dann kräftig in die Höhe gehen müssen. In den nächsten drei, vier Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, das heißt, es kommen mehr als drei Millionen neue Rentner dazu. Wenn man alles beim alten lässt, muss das ja irgendwie finanziert werden.

Wie könnte das gehen?

Es gibt in der Rente zwei Finanzierungsquellen – die Beiträge und Steuern. Derzeit sind per Gesetz Haltelinien vorgegeben: Bis zum Jahr 2025 darf das Rentenniveau 48 Prozent nicht unterschreiten und der Beitragssatz darf 20 Prozent nicht überschreiten. Klar ist, dass die Pläne der möglichen Koalitionäre vor allem die Jungen treffen. Die Beitragszahler sind meist junge Leute, die Steuerzahler auch. Das Sondierungspapier ist eine klare Ansage: Wir schonen die Älteren und die Jungen müssen dafür zahlen.

Die Rente war im Wahlkampf von Olaf Scholz ein wichtiges Thema. Hat sich der Bundesfinanzminister mit Ihnen eigentlich vorher mal unterhalten?

Olaf Scholz hat im Wahlkampf ja eigentlich nur betont, dass die Rente stabil sein muss, ohne zu sagen, was er damit meint. Ich habe das nicht als ernsthafte Beschäftigung mit der Rente empfunden.

Scheut die Politik Reformen aus Angst vor den Rentnern?

Ja, natürlich hat man Angst vor den vielen Millionen Rentnern. Die gehen nämlich zur Wahl, anders als die jungen Leute, bei denen die Wahlbeteiligung niedrig ist.

Je länger man Probleme vor sich herschiebt, desto größer werden sie und umso einschneidender müssen dann die Maßnahmen sein.

Ja, so ist es. Das Sondierungspapier ist eine eindeutige Verlagerung der Zumutungen auf die Jungen. Aber warten wir mal ab, was am Ende im Koalitionsvertrag steht.

Welche Rentnergeneration muss sich besonders große Sorgen machen?

Derzeit wird alles angehalten. Durch die Haltelinien tut man so, als gäbe es keinen demographischen Wandel. Aber das endet 2025, dann kommt automatisch der Nachhaltigkeitsfaktor wieder ins Spiel.

Beim Nachhaltigkeitsfaktor spielt das Verhältnis von Beitragszahlern zu Rentnern eine Rolle für die Rentenanpassungen. Was heißt das?

2025 muss der Nachhaltigkeitsfaktor nachholen, welche demographischen Veränderungen es seit 2018 – also seit dem Aussetzen des Nachhaltigkeitsfaktors – gegeben hat. Er wird das Rentenniveau deutlich absenken und die Beiträge deutlich heraufsetzen. Das ist der Finanzschock, von dem wir sprechen.

Betrifft das alle Rentner?

Ja. Neue wie alte. Die Rente wird dann wahrscheinlich nicht mehr steigen oder nur noch sehr sanft.

Kann sie sinken?

Nein, Rentenkürzungen sind nach geltendem Recht ausgeschlossen. Insofern macht Olaf Scholz mit seinem Versprechen von stabilen Renten nichts anderes als das geltende Recht zu referieren. Allerdings können die Beiträge kräftig steigen. Auch hier ist es so: Es schadet den Jungen mehr als den Alten.

Es sei denn, man verlängert die Haltelinien über 2025 hinaus.

Aber das muss man finanzieren. Es müsste dann ein neuer Bundeszuschuss eingeführt werden. Und der müsste sehr stark ansteigen. Wir haben Modellrechnungen, wonach die Rente dann zunächst die Hälfte des Bundeshaushalts verschlingen würde und später sogar noch mehr. Das wäre absurd.