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„Haus in der Sonne“ ist verkauft

Hier wohnte einst Hitlers Halbschwester mit dem Architekten der Yenidze. Jetzt gehört es einem gebürtigen Radebeuler.

„Haus in der Sonne“ auf dem 12.000 Quadratmeter großen Grundstück an der Weinbergstraße gehört zu den geschichtsträchtigsten Villen der Stadt Radebeul.
„Haus in der Sonne“ auf dem 12.000 Quadratmeter großen Grundstück an der Weinbergstraße gehört zu den geschichtsträchtigsten Villen der Stadt Radebeul. © Norbert Millauer

Radebeul. Seit 2009 hatte sich der Radebeuler Immobilienhändler und Bauunternehmer Friedrich Kozka bemüht, sein Anwesen an der Weinbergstraße 44 zu veräußern. Für 4,5 Millionen Euro stand es auf der Sachsen/Radebeul-Seite des Nobelimmobilien-Anbieters Engel & Völkers ganz oben. Doch obwohl in Radebeul so manche Millionenvilla verkauft und gekauft wird - dieses Gebäude mit dem fantastischen Ausblick ins gesamte Elbtal und bis in die Sächsische Schweiz ist etwas Besonderes.

Den Namen „Haus in der Sonne“ hat dem Anwesen einst der Dresdner Architekturprofessor Martin Hammitzsch gegeben. Hammitzsch ist in Sachsen immer noch bekannt, weil er die Dresdner Yenidze, die als Moschee stilisierte ehemalige Zigarettenfabrik, entworfen hatte.

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Der Name Hammitzsch ist in Radebeul auch in den Geschichtsbüchern verzeichnet, weil der Architekt Anfang 1936 die früh verwitwete Angela Raubal, geborene Hitler, heiratete, die ihrem Halbbruder vorher acht Jahre lang den Haushalt geführt hatte. In den Radebeuler Weinbergen haben beide zusammen gewohnt.

Schon 1918 ist Hammitzsch nach Oberlößnitz gezogen. Hier erwarb er das für ein Herrenhaus recht bescheidene „Haus in der Sonne“, das 1770 als Landsitz des kurfürstlich sächsischen Münzfaktors Georg Christian Städter errichtet worden war, und ließ es 1920/21 nach eigenen Plänen ausbauen, schreibt Frank Andert, Autor des Radebeuler Stadtlexikons und Leiter des Weinbaumuseums in der Hoflößnitz.

Mit seinem achteckigen Mittelbau hat das „Haus in der Sonne“ gewisse Ähnlichkeit mit dem fast zeitgleich entstandenen Berghaus Neufriedstein. Das barocke Flair war für Hammitzsch, der sich vor allem als Schöpfer von Industriebauten und Pionier der Stahlbetonkonstruktion einen Namen machte, offenbar ein reizvoller Kontrast.

Nur für einen Besuch Hitlers selbst gibt es keinen Beleg, auch wenn das Gerücht umgeht, er sei zweimal inkognito auf dem Anwesen gleich neben dem Spitzhaus gewesen. Das könnte im Zusammenhang mit der Einweihung eines Autobahnabschnittes Dresden-Görlitz gewesen sein. Seine Halbschwester war die beste Freundin von Karl-May-Witwe Klara, doch die hatte jüdische Vorfahren.

Nazi-Besuch in Radebeul: Reichsminister Hermann Göring (Mitte) im Gespräch mit Martin Hammitzsch (rechts). Direkt hinter Göring ist Angela Hammitzsch, geborene Hitler, zu sehen.
Nazi-Besuch in Radebeul: Reichsminister Hermann Göring (Mitte) im Gespräch mit Martin Hammitzsch (rechts). Direkt hinter Göring ist Angela Hammitzsch, geborene Hitler, zu sehen. © privat

Belegt, auch im Foto (siehe oben) ist jedoch, dass Reichsminister und Luftwaffenchef Hermann Göring, in dessen Berliner Haus die zweite Ehe der Hammitzschs geschlossen worden war, der ranghöchste Gast im „Haus in der Sonne“ war.

Klar belegt ist auch, dass Hammitzsch das Haus schon 1938 an die NS-Einheitsgewerkschaft „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) verkaufte und nach Dresden zog. Bereits 1940 veräußerte die DAF „Haus in der Sonne“ weiter an eine Verwaltungsgesellschaft, der damalige Vorgänger der heutigen Radebeuler Besitzgesellschaft. Bürger aus Radebeul und Coswig erinnern sich, dass in dem Gebäude fünf Wohnungen waren.

Der seit Anfang der 1990er Jahre hier ansässige und aus München kommende Friedrich Kozka hat das 12.000 Quadratmeter große Grundstück samt Gebäude 1993 für damals 1,5 Millionen DM gekauft und daraus unter Aufsicht des Landesamtes für Denkmalpflege wieder ein Schmuckstück gemacht. Im Innern des Hauses sanierte er Wandmalereien. Das Treppenhaus hat unterhalb des Geländers zur Kühlung in den heißen Sommermonaten einen Wasserfluss, der wieder zum Funktionieren gebracht wurde. Das Dach musste Kozka komplett neu decken.

Der Bauunternehmer errichtete und sanierte in Radebeul weit über 50 Häuser. Dazu gehören die Stadtapotheke in der Bahnhofstraße, der Wohnpark oberhalb der Nizzastraße und das mit dem Bauherrenpreis ausgezeichnete Restaurant „Sonnenhof“ am Kötzschenbrodaer Dorfanger.

So zeigt sich „Haus in der Sonne“ von der Bergseite. Vom Hohlweg aus, der von der Weinbergstraße nach oben führt, ergibt sich diese Ansicht.
So zeigt sich „Haus in der Sonne“ von der Bergseite. Vom Hohlweg aus, der von der Weinbergstraße nach oben führt, ergibt sich diese Ansicht. © Norbert Millauer

Radebeuls OB Bert Wendsche (parteilos) sagte 2009 zu Friedrich Kozka, dessen Bauprojekte im Stadtrat wiederholt sehr kritisch diskutiert wurden: „Fakt ist allerdings, dass er ein ganzes Stück Radebeul wesentlich mitgestaltet hat, wozu die Rettung des ‚Hauses in der Sonne‘ auf jeden Fall gehört.“

Und jetzt hat Kozka nach fast 30 Jahren in seinem Besitz das Areal verkauft. Auf die Nachfrage der SZ an wen und zu welchem Preis, bleibt er allerdings kommentarlos. Kozka: „Ich bitte um Verständnis. Wir haben beide eine Verschwiegenheitserklärung unterschrieben und daran werde ich mich halten.“

Nach SZ-Recherchen ist der Käufer ein Einheimischer. Auch er wolle sich nicht mit Details zu dem Kauf äußern. Der Mann mittleren Alters ist ein erfolgreicher Unternehmensberater, welcher auch Firmen im Kreis Meißen betreut und betreut hat.

Von ihm ist zu erfahren, dass er in Radebeul geboren ist, hier lebt und sorgsam mit dem denkmalgeschützten Anwesen umgehen wolle. „Als hier geboren und hier lebend habe ich freilich eine besondere Beziehung zur Region“, sagt er, ohne seinen Namen in der Zeitung haben zu wollen. Der neue Besitzer wolle mit seiner Familie, seinen Kindern ins „Haus in der Sonne“ einziehen. Es müsse auch einiges saniert werden, sagt er. Etwa technische Leitungen im Haus. Vorerst, so Friedrich Kozka, wohne er noch in der Weinbergstraße 44.

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