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Langeweile, Blödsinn, Verständnis

Jugendliche haben es jetzt besonders schwer, sagen Psychologen. Andere sind genervt und rufen die Polizei wegen Ruhestörung und Schmierereien in Radebeul.

Die Mauer an der Friedenskirche - seit einigen Tagen ist sie mit Graffiti beschmiert.
Die Mauer an der Friedenskirche - seit einigen Tagen ist sie mit Graffiti beschmiert. © Arvid Müller

Radebeul. Was tun, wenn keine Party, kein Training im Fitnessstudio mehr möglich sind? Zum Beispiel abends abhängen im Holzhäuschen an der Elbsporthalle, trinken und besondere Zigaretten rauchen und reichlich Müll hinterlassen. Oder mit dem Auto Schleuderrunden auf der Festwiese drehen, bis die Reifen qualmen. Die Langeweile muss bekämpft werden. Die Energie muss raus.

An der Pfarrgasse runter zum Elberadweg neben der Friedenskirche ist gerade ein Graffito an die Mauer gesprüht worden. „Senioren oder Familien, die hier spazieren, waren das bestimmt nicht“, sagt einer im Vorbeigehen. Pfarrerin Annegret Fischer spricht dazu in einer Mischung aus Verständnis, Wut und Hoffnung. Das mit Dem-Mauer-Beschmieren gehe gar nicht, sagt sie entschlossen. „Ich war auch nicht brav als Jugendliche“, setzt sie dennoch hinzu.

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Kürzlich wurden bei einem Einbruch im Pfarrhaus - gerade während der Sanierungsarbeiten - Verwüstungen angerichtet, mit einem Schaden von mehreren Tausend Euro. „Aber ob das auch Jugendliche waren, wissen wir nicht“, sagt sie. Was sie weiß, ist, dass derzeit wenig Jugendarbeit möglich ist. Nicht in den fünf Pfadfindergruppen mit sonst 70 Teilnehmern, nicht in der Jungen Gemeinde, wo sich regelmäßig 30 bis 40 Jugendliche treffen, kein Musiktheater mit Kindern und Jugendlichen.

Immer nur per Internet reden, das ermüdet

Annegret Fischer: „Jeden Mittwochabend versuchen wir es mit Jugendgottesdiensten, die ja erlaubt sind. Da kommen immerhin etwa 20, teils mit Eltern.“ Auch einen Treff per Internet auf der Zoom-Plattform gibt es. 50 Konfirmanden und weitere Jugendliche schalten sich da zu. Aber immer nur per Internet, das ermüde mittlerweile. „Charakterbildung passiert im Kontakt, das fehlt derzeit besonders“, sagt die Pfarrerin.

Titus Reime, der Geschäftsführer für die Sportstätten von Radebeul, zu denen die Elbsporthalle mit dem Holzhäuschen in Kötzschenbroda gehört, sagt, dass er inzwischen hat aufräumen lassen. Der Müll im Holzhaus sei weggeräumt. Aber ob das wirke und die Jugendlichen wenigstens dazu bringe, ihre leeren Flaschen und Essenverpackungen wegzuräumen, wisse er eben auch nicht.

Reime: „Auch wir hängen in der Luft. Können so gut wie nichts anbieten für junge Leute. Die Schwimmhalle ist noch zu, das Krokofit und das Lößnitzstadion auch.“ Lediglich das Lößnitzbad werde aufgeschlossen für Angler. Angeln an der frischen Luft sei ja erlaubt - aber nur mit Angelschein. Immerhin, einige Jugendliche nutzen das.

Jugendsozialarbeiter Robert Kaiser ist Montag, Mittwoch und Freitag mit seinem VW-Bulli unterwegs, um mit Jugendlichen zu reden. Außerdem bieten er und sein Kollege Peter Heilsberg unter dem Titel „Radibulli“ eine kurze Sendung auf Facebook und Instagram
Jugendsozialarbeiter Robert Kaiser ist Montag, Mittwoch und Freitag mit seinem VW-Bulli unterwegs, um mit Jugendlichen zu reden. Außerdem bieten er und sein Kollege Peter Heilsberg unter dem Titel „Radibulli“ eine kurze Sendung auf Facebook und Instagram © Arvid Müller

Zwei, die für die Jugend in Radebeul zuständig sind, sind die Jugendsozialarbeiter Robert Kaiser und Peter Heilsberg, angestellt bei der für Coswig und Radebeul tätigen Juco Soziale Arbeit GmbH. In der Vorweihnachtszeit sind die beiden mit ihrem grünen VW-Bus zu den Treffs der jungen Leute gefahren. Der eine im normalen Outfit, der andere als Weihnachtsmann verkleidet. Sie haben zum einen für Heiterkeit, aber auch für Abwechslung gesorgt.

„Jetzt fahre ich Montag, Mittwoch und Freitag mit dem Bus rum und schaue, wo ich Jugendliche treffe“, sagt Robert Kaiser. Einfach reden. Über Schule, bevorstehende Prüfungen, was noch erlaubt sei und was grenzwertig. Dort, wo abends mit Bassboxen die Anwohner genervt werden, das seien Einzelne, bei denen die Gruppe noch nicht stark genug sei, sie nach 22 Uhr etwa davon abzuhalten, sagt Kaiser und setzt hinzu: „Jugendliche und Rentner haben derzeit mit den meisten Einschränkungen zu leben.“ Die offiziellen Jugendhäuser der Stadt, wie etwa das Weiße Haus, wo gerade gebaut wird, dürfen derzeit nur für Einzelgespräche geöffnet werden.“

Wie sich Jugendliche verhalten, zeigt eine Studie (Bild-Zeitung). Zwei Drittel (66 Prozent) verzichten demnach zurzeit bewusst auf Partys, um Familie und Freunde zu schützen. Lediglich acht Prozent geben an, dass sie dazu auf keinen Fall bereit seien. Rund ein Viertel (26 Prozent) antwortet mit „teils, teils“. 73 Prozent der Befragten ist es zudem wichtig, sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten und Masken zu tragen. Nur vier Prozent sagen hier „Nein“. Knapp ein Viertel (23 Prozent) ist unentschlossen.

OB: Die Jugend muss raus, sich bewegen, sich treffen

Jugendforscher und Mitautor der Studie, Professor Klaus Hurrelmann (76), sagt zu den Ergebnissen und aktuellen Befindlichkeiten der „Generation Greta“. „Wer heute unter 30 ist, weiß von Geburt an, dass man sich auf nichts mehr dauerhaft verlassen kann und keine eng getakteten Pläne machen darf.“

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie würden erst im Laufe des Jahres 2021 richtig sichtbar werden, erklärt der Experte. „Nach unseren Analysen ist es für etwa 30 Prozent der jungen Generation unausweichlich, dass sie teilweise erhebliche Schwierigkeiten beim Übergang in den Beruf bekommen werden“, so Hurrelmann.

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In Radebeul wolle dem die Stadtpolitik nicht untätig gegenüberstehen, so OB Bert Wendsche. „Die Jugend muss raus, sich bewegen, sich treffen. Dafür brauchen wir Räume in Radebeul, wie etwa den Waldpark oder das Elbufer, wo junge Leute so sein können, wie sie eben sind. Dafür müssen wir um Verständnis werben und etwas dafür tun“, sagt das Stadtoberhaupt.

Einer der Treffpunkte der Jugendlichen ist die Holzhütte an der Elbhalle in Kötzschenbroda.
Einer der Treffpunkte der Jugendlichen ist die Holzhütte an der Elbhalle in Kötzschenbroda. © Peter Redlich

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