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Debatte um Mohrenhaus und -straße entbrannt

Seit Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, ob das Wort „Mohr“ rassistisch sei. Nun hat die Diskussion Radebeul erreicht.

Das Ostportal der schlossartigen Villa des Mohrenhauses zieren neben einer Wappenkartusche zwei Mohrenfiguren. Ihre Darstellung folgt einem Stereotyp. Die Jünglinge aus Stein haben krauses Haar und dicke Lippen. Einer trägt sogar Ohrringe.
Das Ostportal der schlossartigen Villa des Mohrenhauses zieren neben einer Wappenkartusche zwei Mohrenfiguren. Ihre Darstellung folgt einem Stereotyp. Die Jünglinge aus Stein haben krauses Haar und dicke Lippen. Einer trägt sogar Ohrringe. © Arvid Müller

Radebeul. Die Initiative einer Schülergruppe zur Umbenennung der Mohrenstraße und des Mohrenhauses in Radebeul schlägt Wellen im weltweiten Netz und hat eine hitzige Debatte beispielsweise in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook ausgelöst. Bei letztgenannter Internetplattform gibt es allein 184 Kommentare zum jüngsten Artikel von sächsische.de zu dem Thema. Die Reaktionen reichen von Ablehnung des Vorstoßes der Jugendlichen bis hin zu deren Beleidigung. Es gibt aber auch Lob und Anerkennung für den Debattenvorstoß, ob der Begriff „Mohr“ rassistisch und nicht mehr zeitgemäß sei.

Von einer tollen Initiative junger Menschen schreibt beispielsweise der Radebeuler Stadtrat Martin Oehmichen (Bürgerforum/Grüne) bei Twitter. „In Radebeul engagieren sich SchülerInnen für eine Aufklärung über deutschen Kolonialismus und generellen Rassismus und bitten die Stadt hierbei um Unterstützung. Als symbolischen Anfang fordern sie die Umbenennung der Mohrenstraße.“

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Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Deutsche Kinderschutzbund Besitzer der stattlichen Villa und betreibt darin eine Kita und ein offenes Kinder- und Jugendhaus.
Seit Anfang der 1990er Jahre ist der Deutsche Kinderschutzbund Besitzer der stattlichen Villa und betreibt darin eine Kita und ein offenes Kinder- und Jugendhaus. © Arvid Müller

Aus der Landeshauptstadt mischte sich dagegen der dortige Stadtrat Jens Genschmar (Freie Wähler) in die Debatte bei Facebook ein. „Da merkt man, dass der fehlende Unterricht nicht förderlich ist. Die Verblödung wird immer schlimmer“, meint er das Ansinnen der Schüler abwertend.

Initiative von 13 Jugendlichen

Die Initiative zur Namensänderung geht von der Gruppe „Rassismus ist keine Alternative“, kurz Rika, aus. 13 Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahre haben sie nach eigenem Bekunden im vorigen Herbst gegründet. Sie verstehen sich selbst als antirassistische und antifaschistische Gruppe junger Menschen aus Radebeul und Umgebung. „Wir setzen uns für die Aufklärung der Kolonialgeschichte ein und sind gegen Rassismus in jeder Form“, schreiben sie in ihrem Grundsatzprogramm.

Die Gruppe hat Anfang dieses Jahres zwei Schreiben verfasst. Der eine Brief ging an den Stadtrat der Lößnitzstadt, worin sie einen neuen Namen für die Mohrenstraße fordert. Der andere war an den Ortsverband des Deutschen Kinderschutzbundes (DKSB) adressiert, der die Kindertagesstätte im Mohrenhaus betreibt. Die Schüler wünschen sich auch für die Kita einen neuen Namen. Denn ihrer Meinung nach werden mit der Bezeichnung „Mohr“ schwarze Menschen auf äußere Merkmale ihres Aussehens wie Hautfarbe und Frisur reduziert.

Unterschiedliche Meinungen zur Herkunft des Wortes

Ob Mohrenkopf, Mohren-Apotheke oder Mohrenstraße - schon seit einigen Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, ob das Wort eine rassistische und diskriminierende Bedeutung hat. „Mohr“ leitet sich vom Althochdeutschen „mor“ ab. Und über die Wurzeln des Begriffs, gibt es unterschiedliche Meinungen.

Laut den Literaturwissenschaftlerinnen Susan Arndt und Nadja Ofuatey-Alazard soll „mor“ begriffsgeschichtlich sowohl vom griechischen „moros“, was übersetzt „töricht“ und „dumm“ heißt, als auch vom lateinischen „maurus“, das für „schwarz“, „dunkel“ und „afrikanisch“ steht, herstammen. So informieren sie in ihrem Band „Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache“, worin sie 120 Alltagsvokabeln, die von Rassismus geprägt sind, besprechen, wie das österreichische Magazin „Die Presse“ berichtet.

In anderen Quellen wird „Mohr“ von „Maure“ abgeleitet. So wurde einst ein Bewohner Nordafrikas genannt, wegen seiner dunkleren Hautfarbe. Die Wurzeln für diese Bezeichnung sollen sowohl im griechischen „mauros“, „dunkel“, als auch im bereits erwähnten lateinischen „maurus“ liegen. Nicht zuletzt über die islamische Herrschaft auf der iberischen Halbinsel (711-1492) hatten die Mauren großen Einfluss auf Europa. Während der Blütezeit von al-Andalus wurden sie wegen ihrer hervorragenden Kenntnisse in Mathematik, Kunst und Literatur wertgeschätzt. Sie beeinflussten die Entwicklung der europäischen Heilkunde und Pharmazie, was sich als Ehrbezeigung im Namen „Mohren-Apotheke“ widerspiegeln soll.

Im Mittelalter wurde der Heilige Mauritius sehr verehrt

Der Radebeuler CDU-Stadtrat Sven Eppinger verweist auf einen christlichen Kontext, Danach soll Mohr sich vom Heiligen Mauritius herleiten. Die Legende besagt, dass Mauritius ein Kommandeur einer römischen Legion aus dem ägyptischen Theben war. Sie sollte zur Bekämpfung von Christen eingesetzt werden. Doch die thebäische Legion weigerte sich, ihre Glaubensbrüder zu töten. Für die Befehlsverweigerung wurde der Trupp so lange dezimiert, bis kein Mann mehr übrig war.

Im Mittelalter wurde der Heilige Mauritius sehr verehrt, war unter den Ottonen- und Stauferkaisern sogar Reichspatron. Mauritius war dunkler Hautfarbe und wurde so auch als Skulptur und in Bildern dargestellt. So ziert sein Kopf viele Wappen, so zum Beispiel das der Stadt Coburg. „Seine Darstellung steht für Toleranz und Völkerverständigung“, so Eppinger.

Nicht mehr Mohren-, sondern Familie-Roelke-Straße soll nach Wunsch der Jugendlichen auf dem Straßenschild stehen.
Nicht mehr Mohren-, sondern Familie-Roelke-Straße soll nach Wunsch der Jugendlichen auf dem Straßenschild stehen. © Norbert Millauer

In der Kunstgeschichte folgt die Abbildung eines Mohrs oft einem Stereotyp, weil Maler oder Plastiker wohl kaum einem Afrikaner selbst begegnet sind, sondern sich durch überlieferte Erzählungen inspirieren ließen. So tauchen als wiederkehrende Attribute dunkle Hautfarbe, dicke Lippen und krauses Haar auf. Zudem tragen sie oft einen großen Ring im Ohr. Durch diese Bilder wurden die Vorstellungen eines schwarzen Menschen im Volk geprägt.

Menschenzoos in der Kolonialzeit

Die Schülergruppe Rika verweist auf Völkerschauen während der Kolonialzeit. Sie waren im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Zirkussen und Zoos Mode. Dort wurden schwarze Menschen vorgeführt, mussten Kleidung und Schmuck tragen, die sie besonders wild und exotisch aussehen ließen. Für die Jugendlichen stellt dies eine Entmenschlichung und Demütigung schwarzer Menschen dar, weil sie zu bloßen Schauobjekten reduziert wurden. Zudem dienten derartige Menschenzoos, um die Überlegenheit der europäischen Zivilisation über barbarische Naturvölker zu demonstrieren.

Beim Radebeuler Mohrenhaus handelt es sich um eine schlossartige Villa. Zu Füßen ihres Parks beginnt die Mohrenstraße, die zur Sternwarte führt. Laut Stadtlexikon war das umgebende Land schon im 17. Jahrhundert als „die Mohrenköpfe“ bekannt. Zwei Hügel sollen, vom Elbtal aus gesehen, den Betrachter an Mohrenköpfe erinnert haben. Denn das auf den Kuppen wachsende Buschwerke wirkte wie krauses Haar. Über dem Portal der Villa sind zwei Mohren dargestellt in der tradierten Art und Weise - mit Kraushaar, dicken Lippen und großem Ohrring.

Vorschlag für neuen Straßennamen

Reingard Piel, Geschäftsführerin des DKSB-Ortsverbands, möchte zu gegebener Zeit das Gespräch mit den Jugendlichen suchen. Ihre Einrichtung habe bereits einen neuen Namen. „Sie heißt offenes Kinder- und Jugendhaus Blauer Elefant“, informiert sie.

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Für die Umbenennung der Mohrenstraße hat die Rika-Gruppe einen Vorschlag gemacht. Der Straßenzug soll den Namen der jüdischen Familie Roelke tragen. Diese lebte eins in der Lößnitzstadt und wurde Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns. Auf Antrag der Fraktion Bürgerforum/Gründe/SPD wird der Stadtrat über das Ansinnen der Jugendlichen beraten.

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