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Strategiepapier gegen Wohnquartiere

Die Stadt Radebeul sieht an der Fabrikstraße weiteres Potenzial für Gewerbebetriebe. Das Entwicklungsziel hat sie in einem Plan festgeschrieben. (SZ+)

In die Alten Molkerei(links) soll nach Wunsch der Stadt nur Gewerbe einziehen, so wie in den Gewerbehof Radebeul auf der gegenüberliegenden Straßen. Dort stehen jedoch einige Büros und Hallen leer.
In die Alten Molkerei(links) soll nach Wunsch der Stadt nur Gewerbe einziehen, so wie in den Gewerbehof Radebeul auf der gegenüberliegenden Straßen. Dort stehen jedoch einige Büros und Hallen leer. © Norbert Millauer

Radebeul. Für einen Spaziergang hat Radebeul sicher schönere Straßen zu bieten als die Fabrikstraße in Radebeul-West. Wer sie an der Ostseite betritt, sieht rechter Hand das hübsch gemachte Firmengelände von Metallbau Große. Dahinter und gegenüber auf der anderen Straßenseite stehen Mehrfamilienhäuser, die nach der deutschen Wiedervereinigung errichtet worden sind.

Nach den Wohnhäusern schließt sich zunächst auf der Südseite eine freie Kfz-Werkstatt, eine Lackiererei sowie eine Kfz-Prüfstelle an. Danach wird es in Höhe Emil-Schüller-Straße schmuddelig. Große Schilder ermahnen einen, das stark verwilderte Grundstück nicht zu betreten. Auf einem steht sogar, dass das Areal videoüberwacht wird. Beobachten die Kameras, wie die ruinöse Fabrikantenvilla der Greif-Chemie KG, später zu DDR-Zeiten Buna Chemiewerken und nach der Wende Wako GmbH, Autopflegemittel Leipzig, das versteckt steht, weiter verfällt? Oder ob sich die Zahl der dort abgestellten Schrottautos oder gestapelten Gummireifen weiter vermehrt? Genutzt scheinen noch die auf der Ostseite des Grundstücks befindlichen Garagen und Hallen. Der Großteil des Areals wuchert dagegen immer mehr zu.

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Beim Weitergehen kommt man zunächst am Tor der Kleingartenanlage Elbaue e.V. vorbei. Ihr folgt das weitläufige Unternehmensgelände des Transportunternehmens Hasse. An der Straße umschließt es ein Wohnhaus. Nach Hasse steht ein weiteres Wohngebäude und dann erstreckt sich der Gewerbehof Radebeul. Auch dieser Unternehmenskomplex hat schon bessere Zeiten gesehen. Etliche Gebäude und Hallen stehen leer. Momentan werden sieben Objekte zur Miete angeboten.

Unterschiedliche Nutzungen

Auf der gegenüberliegenden Seite steht die Alte Molkerei, die Künstler als Atelier nutzen. Auf dem Rückweg gen Emil-Schüller-Straße erstreckt sich auf der Nordseite der Fabrikstraße zunächst wieder eine Brache, dann Einfamilienhäuser und schließlich das Nudossi-Werk, der Netto-Supermarkt und der Gewerbehof Kötitzer Straße.

Was soeben geschildert wurde, hat die Stadtverwaltung wie folgt zusammengefasst: "Entlang der Fabrikstraße hat sich, aus unterschiedlichen Bedürfnissen heraus, eine heterogene Struktur aus Wohnen, Gewerbe und anderen Nutzungen entwickelt." Um diese zu ordnen und brach liegende Flächen zu entwickeln, hat der Bauausschuss auf seiner jüngsten Sitzung einen sogenannten städtebaulichen Rahmenplan für die Flächen links und rechts der Straße verabschiedet. Die Botschaft des knapp 30 Seiten umfassenden Papiers lautet: "Keinerlei Wohnbebauung mehr."

Die Brachfläche an der Fabrikstraße in Höhe Emil-Schüller-Straße wuchert immer mehr zu.
Die Brachfläche an der Fabrikstraße in Höhe Emil-Schüller-Straße wuchert immer mehr zu. © Arvid Müller

Brachflächen entwickeln

Das betrifft vor allem die derzeit nicht weiter genutzten Areale mit ehemaliger Molkerei und der Brache daneben sowie die Schmuddelecke in Höhe Emil-Schüller-Straße. Diese sollen zu Gewerbeflächen entwickelt werden. Grund: Die anderen Gewerbegebiete in Radebeul-Ost und in Naundorf sind ausgelastet und haben keine fünf Prozent mehr an freier Flächenreserve. Eine Erweiterung beider Gebiete ist nicht möglich. Die Bahntrasse und angrenzende Wohnbebauung setzen Grenzen.

Damit die Bewohner in den benachbarten Wohngebieten der Fabrikstraße, etwa an der Kötitzer Straße oder östlich der Emil-Schüller-Straße, nicht gestört werden, sollen die Brachflächen als eingeschränktes Gewerbegebiet entwickelt werden. Das heißt, es sollen sich nur Unternehmen ansiedeln dürfen, die keinen Krach weiter machen, wie in einem Mischgebiet. Welche Branchen beziehungsweise Gewerbearten hierfür infrage kommen, dazu trifft die Verwaltung in dem Strategiepapier keine konkreten Aussagen.

Rund 1.000 Arbeitsplätze vor Ort

Was man den klein- und mittelständischen Unternehmen entlang der Fabrikstraße trotz des teilweisen Leerstands im Gewerbehof auf der Südseite nicht ansieht, ist der Fakt, dass dort derzeit rund 1.000 Arbeitsplätze bestehen. Laut einer Befragung bei den Gewerbetreibenden steuern pro Tag rund 770 Pkws und 520 Lkws die Betriebe an. Durch das Beseitigen der Engstelle beim Lößnitzbad soll der Verkehr in Zukunft hauptsächlich über die Cossebauder Straße führen.

Den Standort der Kleingartensiedlung stellt die Stadt nicht infrage. Das Zusammenspiel zwischen dieser Nutzung und dem Gewerbe habe sich vor Ort etabliert, heißt es in dem Papier. Jedoch will die Lößnitzstadt perspektivisch die Parzellen an der Ostseite der Firma Hasse in Gewerbefläche umwandeln. Als Ausgleich soll der Kleingartenverein zusätzliche Fläche an der Uferstraße bekommen.

Bauvoranfrage zur Alten Molkerei zurückgezogen

Das Ansinnen, in der Alten Molkerei eine Kombination aus Wohnen im Dachgeschoss und Gewerbe- und Arbeitsbereichen im Erdgeschoss zu schaffen, ist vom Tisch. Die Bauvoranfrage wurde zurückgezogen, wie Baubürgermeister Jörg Müller (parteilos) informierte.

Das Vorhaben stieß von Anfang an auf keine Begeisterung im Rathaus, weil die Verwaltung auf dem Areal der einstigen Außenstelle von Pfunds Molkerei aus Dresden nur sogenanntes nicht störendes Gewerbe erlauben möchte. "Für bloße Büronutzung besteht aber kein Bedarf", sagt Immobilienmaklerin Katrin Beck, die die Bauvoranfrage gestellt hatte.

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"Das ist ein netter Rahmenplan. Denn kann man so machen, muss man aber nicht", meinte SPD-Stadtrat Thomas Gey. Das Fraktionsbündnis Bürgerforum/Grüne/SPD stimmte gegen das Strategiepapier. "Es kommt zu spät", sagte Gey. Vor fast drei Jahren gab es im Juni 2018 eine heftige Debatte im Stadtrat. Das Fraktionsbündnis unterstützte damals Pläne für ein Wohnquartier auf der Schmuddelfläche in Höhe Emil-Schüller-Straße.

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