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Wie Radebeul seine Bäume schützen will

Es liegen zwei Vorschläge zum Gehölzschutz vor. Der eine zielt ab, den jetzigen Bestand zu erhalten, der andere will diesen zudem mehren.

Wie der Blick vom Bismarckturm auf Radebeul zeigt, stehen viele Bäume in den Privatgärten und ihre Kronen zieren das Stadtbild.
Wie der Blick vom Bismarckturm auf Radebeul zeigt, stehen viele Bäume in den Privatgärten und ihre Kronen zieren das Stadtbild. © Daniel Schäfer

Radebeul. Bei Bäumen und Sträuchern herrscht bezüglich ihres Nutzens Einigkeit im Radebeuler Stadtrat. Ihre Kronen, Blattformen und die Laubfärbung, vor allem im Herbst, schmücken das Stadtbild. Als Schattenspender sind sie besonders an heißen Tagen begehrt, weil sie mit ihrem Blätterdach die Temperaturen mindern. Sie sorgen für eine gute Luft und Stadtklima. Mit ihren Wurzeln halten sie das Erdreich fest und schützen Hänge vor Erosion. Und sie sind Lebensraum für Tiere.

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Bislang konnten Hauseigentümer in ihrem Garten bei Bäumen unter einem Meter Stammdurchmesser - in einem Meter Höhe gemessen - die Säge ohne Genehmigung ansetzen. Erst wenn der Stammumfang an der Stelle mehr als einen Meter misst, ist ein Gehölz geschützt, und zum Fällen muss ein Okay im Rathaus eingeholt werden. Diese Regeln hätten in Radebeul einen übermäßigen Verlust an Bäumen und Sträuchern besonders in privaten Grundstücken mit sich gebracht. „Wir wollen die Gehölze besser Schützen“, sagte Eva Oehmichen, Fraktionschefin von Bürgerforum/Grüne/SPD.

Schutz ab einem Baumumfang von 60 Zentimetern

Deshalb brachte ihre Fraktion Änderungsvorschläge für die jetzige, aus dem Jahr 2011 stammende, Baumschutzsatzung ein. Um den Einsatz der Kettensäge zu erschweren und um künftig auch junge Bäume besser zu erhalten, soll sich folgendes ändern: Der Schutz eines Baumes und damit das Einholen einer Fällerlaubnis gilt künftig schon ab einem Stammdurchmesser beziehungsweise ab einem Stammumfang von 0,6 Metern. Es macht keinen Unterschied, ob das Gehölz auf einem bebauten oder unbebauten Grundstück steht. Unter Schutz stehen auch Nadelbäume. Wenn ein Baum dennoch gefällt werden muss, treten neue Regeln für Ausgleichspflanzungen in Kraft. Muss beispielsweise ein gesundes Gehölz mit einem 60 bis 100 Zentimeter Stammdurchmesser einem neuen Gebäude weichen, sind fünf Hochstämme als Ersatz zu pflanzen.

Die Freien Wähler von Radebeul stehen dieser Satzung skeptisch gegenüber. „Wir sind uns einig, den Baumbestand zu erhalten“, sagt Stadtrat Hans Kraske. Nur möchte seine Fraktion einen anderen Weg gehen. Und zwar schwebt ihm eine Satzung vor, die nicht nur sanktioniert und reglementiert, sondern den Baumbestand auch aktiv fördert. „In Bereichen, wo jetzt noch keine alten Bäume stehen, wollen wir welche hinbekommen“, so Kraske.

Sorge um Verkehrssicherheit

Die Stadtratsfraktion der Freien Wähler hat bei der Verwaltung einmal nachgefragt, wie viele Fällgenehmigungen auf der Grundlage der derzeitigen Gehölzschutzsatzung es in der Vergangenheit gab. „Demzufolge wurden in den zurückliegenden neun Jahren zwischen 2012 und 2020 durchschnittlich jährlich 84 Anträge auf Fällungen gestellt. Davon zu fast 75 Prozent mit der Begründung Herstellen der Verkehrssicherung und 25 Prozent aufgrund von Bauvorhaben“, informiert Stadtrat Kraske. Er hat hauptberuflich im Bereich Forst zu tun und die Zahlen haben ihn stutzig gemacht.

Mit einer Messkluppe werden die Maße eines Baumes genommen (kleines Bild), die entscheiden, ob ein Gehölz geschützt ist oder nicht.
Mit einer Messkluppe werden die Maße eines Baumes genommen (kleines Bild), die entscheiden, ob ein Gehölz geschützt ist oder nicht. © Arvid Müller

„Je größer und älter ein Baum wird, umso mehr sorgt sich sein Eigentümer um die Verkehrssicherheit“, meint Kraske. Einen Grundstücksbesitzer treibt die Sorge um, dass bei Sturm große Äste auf sein Haus oder auf die angrenzende Straße und dort parkende Autos fallen können und dabei Schaden anrichten oder Menschen verletzen. Deshalb werden mitunter schon heute als Vorbeugung große Äste sehr stark gestutzt oder gar der ganze Baum vorsorglich gefällt.

Kraske befürchtet, dass durch die angedachten neuen Regeln das Altern von Bäumen nicht gefördert wird. Im Gegenteil: Bevor ein Gehölz eine Größe und einen Stammumfang erreicht, ab der eine Fällgenehmigung erforderlich wird, kommt die Kettensäge zum Einsatz und man pflanzt wieder einen kleinen Baum. „Wir wollen aber alte Baumbestände im Stadtgebiet und schlagen daher eine Gehölzfördersatzung vor“, sagt Kraske.

Privatbäume ins städtische Kataster aufnehmen

Andere Städte, wie beispielsweise Gießen, Neustadt an der Weinstraße und Braunschweig haben es schon vorgemacht. „Diese nehmen alte und schützenswerte Bäume auch auf Privatgrundstücken in ihr Kataster auf“, informiert Kraske. Die Stadt lässt diese Gehölze regelmäßig auf ihre Gesundheit hin untersuchen und unternimmt entsprechende Pflegearbeiten, wie das Herausnehmen von abgestorbenen Ästen. „Der Eigentümer wird von einer Sorge entlastet“, so Kraske, und kann so die Bäume auf seinem Grundstück altern lassen.

Den Freien Wählern schwebt auch eine Gehölzberatung vor. Bürger sollen sich bei der Stadtverwaltung informieren können, welche Baumarten zum Beispiel angesichts der vergangenen drei Dürrejahre Hitze und Trockenheit gut vertragen oder welche Arten es noch gibt, die über das Baumarktsortiment hinausgehen und für die sich die Lage des Grundstücks und die dortigen Bodenverhältnisse als Standort anbietet. „Wir wollen so mehr Artenvielfalt erreichen“, sagt Eva-Maria Schindler, Stadtratsfraktionsvorsitzende der Freien Wähler. Schon jetzt beobachten auch ihre Fraktionskollegen, dass eher Nadelbäume als Linden, Eiche oder Buchen es in Vorgärten schaffen. Zudem wollen sie mit einer Gehölzfördersatzung nicht nur den Fokus auf Bäume, sondern stärker als bisher auch auf Hecken und Sträucher richten.

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