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Wer und warum nach Radebeul zieht

Die Stadt hat eine Befragung unter Zuzüglern gemacht - mit interessanten Ergebnissen. Neben Lob gibt es auch Kritik.

Von Silvio Kuhnert
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Mit den Weinbergen hat Radebeul eine zauberhafte und idyllische Landschaft zu bieten, die zu jeder Jahreszeit ihren besonderen Reiz hat.
Mit den Weinbergen hat Radebeul eine zauberhafte und idyllische Landschaft zu bieten, die zu jeder Jahreszeit ihren besonderen Reiz hat. © Norbert Millauer

Radebeul. Eingebettet zwischen Elbe und Weinbergen liegt Radebeul. Vor allem in den Villenvierteln hat die Lößnitzstadt großzügige Grundstücke mit reichlich Grün zu bieten. Dies ist ein Hauptgrund, warum Zuzügler Radebeul zu ihrem Lebensmittelpunkt küren. "Ruhiges Wohnen in ländlicher Idylle" sowie "Naturnähe" sind häufige Antworten einer Befragung unter Neu-Radebeulern. Gleichzeitig schätzen sie die Vorteile, die eine Stadt im Großraum Dresden bieten kann, wie eine gute Anbindung an Bus und Bahn.

Rund 1.600 Menschen ziehen jedes Jahr neu nach Radebeul. Allerdings verlassen mit 1.500 auch fast so viele die Stadt und schlagen woanders ihre Zelte auf. Durch den konstanten Überschuss an Zugezogenen bleibt die Einwohnerzahl relativ stabil. Aus welchen Beweggründen diese nach Radebeul kommen und wer sie sind, wollte nun die Stadtverwaltung wissen. Sie hat erstmals eine Umfrage unter den Neubürgern vorgenommen. "Wir haben Zuzügler aus dem Jahr 2018 befragt", informiert Daniela Bollmann, Amtsleiterin Zentrale Leitstelle im Rathaus. Denn diese wohnen schon drei Jahre hier, können somit einen gewissen Erfahrungsschatz bezüglich des Lebens und Alltags hier vorweisen.

Wenig Rückkehrer

Insgesamt 652 Personen hat die Verwaltung im Juni dieses Jahres angeschrieben. Befragt wurden vor allem Männer und Frauen über 18 Jahre sowie im erwerbsfähigen Alter. So gehören 57 Prozent derer, die den Umfragebogen beantwortet haben, der Altersgruppe 18 bis 39 Jahre an. Insgesamt schickten 160 Menschen den ausgefüllten Bogen zurück. Unter ihnen waren 62 Prozent Frauen. Damit ist das weibliche Geschlecht deutlich auskunftsfreudiger als Männer.

Der überwiegende Großteil der im Jahr 2018 Zugezogenen wohnt zum ersten Mal in Radebeul (93 Prozent). Nur sieben Prozent sind sogenannte Rückkehrer, die es nach der Schule zum Studium oder Berufsausbildung aus dem Elbtal hinaus verschlagen hat. Im Schnitt verlassen nach Schulabschluss jährlich rund ein Drittel der hier geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Lößnitzstadt. Diese bleiben ihrer alten Heimat auch im weiteren Berufsleben fern. Denn die Rückkehrer sind zumeist Rentner.

Nähe zu Dresden

Die große Mehrheit der Neu-Radebeuler stammen aus Sachsen (71 Prozent). Es folgen die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt (je sechs Prozent) sowie Bayern (drei Prozent). Aus dem europäischen Ausland stammen vier Prozent. Zudem sind über die Hälfte der Zuzügler Akademiker, haben einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss gemacht.

Für die "Neuen" ist Radebeul vor allem der Wohnort. Nur 22 Prozent der Befragten gaben an, hier auch einen Arbeitsplatz zu haben. Dagegen verlassen 59 Prozent werktags die Lößnitzstadt, um außerhalb ihrem Beruf nachzugehen. Unter den Pendlern sind mehr Männer als Frauen. Letztere arbeiten häufiger in Radebeul.

Wohin die Pendler täglich zum Arbeitsplatz unterwegs sind, lässt sich nicht nur zu den Stoßzeiten im Berufsverkehr auf der Meißner und Leipziger Straße erahnen. Bei den Hauptgründen für einen Umzug nach Radebeul wird mit 25 Prozent die Nähe zur Landeshauptstadt Dresden am häufigsten genannt. Es folgt der Arbeitsmarkt (17 Prozent), wobei Bollmann hier eine Ergänzung macht: "In Bezug auf die Einschätzung des Arbeitsmarktes ist davon auszugehen, dass die Befragten nicht zwischen Radebeul und Dresden unterschieden haben." Weitere Kriterien für die Wahl der Lößnitzstadt zum neuen Lebensmittelpunkt sind das Kulturangebot (zehn Prozent), die medizinische Versorgung (fünf Prozent), die Nähe zur Familie (fünf Prozent) für diejenigen, deren Kinder das Haus verlassen haben oder deren Eltern schon betagter sind, sowie die Angebote für Familien (vier Prozent), wie Kitas und Schulen.

Liste an Verbesserungswünschen

Die meisten Befragten empfinden Radebeul als kinder- und familienfreundlich. Für Jugendliche wünschen sie sich jedoch mehr Angebote. So stehen auf der Wunschliste unter anderem Skaterbahnen, Wände zum Besprühen mit Graffiti, Treffpunkte sowie für die Jüngeren Wasserspielplätze.

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Positiv beurteilt wurden Wanderwege und die kulturellen Möglichkeiten, die sich in der Stadt bieten. Häufig bewertet wurden auch die Spielplätze. 34 gibt es laut Bollmann im Stadtgebiet. Im Schnitt bekamen sie die Note drei. So wünschen sich vor allem junge Familien, dass die Stadt weitere Orte mit Spielangeboten schafft und die bestehenden Plätze mit neuen und modernen Spielgeräten ausstattet.

Die Liste der Verbesserungswünsche führen die Fußwege an. Deren Zustand stößt auf Kritik. Auch der dort zu findende Hundekot wurde bemängelt. Zu den Kritikpunkten zählen unter anderem die vielen Straßenbaustellen. Als die Befragung stattfand, waren beispielsweise die Meißner und Cossebauder Straße in Radebeul-West gesperrt. Vermisst werden Parkplätze, Radwege, ein Drogeriemarkt in West und öffentliche Toiletten. Auf der Wunschliste stehen unter anderem mehr Sauberkeit, Sitzbänke an Wanderwegen, Papierkörbe, mehr Kontrollen durch das Ordnungsamt, längere Grünphasen an Fußgängerampeln, vor allem an der Meißner Straße, einen noch engeren Takt bei Bus, S-Bahn und Straßenbahn nach Dresden sowie der Ausbau autofreier Zonen. Beklagt werden hohe Mieten.

Gründe für Wegzug

Die Befragung unter den Zuzüglern soll wiederholt werden, kündigt Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos) an. Auf diese Weise möchte seine Verwaltung herausfinden, welche kommunalen Themen die Menschen bewegen und wo die Stadt nachbessern oder verstärkt den Fokus legen kann. Zudem ist die Stadtverwaltung daran interessiert, aus welchen Gründen jährlich rund 1.500 Radebeuler ihrer Heimatstadt den Rücken kehren und von hier wegziehen. Derzeit wird eine diesbezügliche Umfrage ausgewertet.

Einen Grund hat das Stadtoberhaupt schon verraten: "Bei den Weggezogenen wird der Wohnungsmarkt ein gravierendes Thema sein." Die Frage nach bezahlbarem Wohnraum sowie der momentane Umstand, dass es mehr Nachfragen als freie Wohnungen gibt, spielte bei den Zuzüglern nicht so eine große Rolle. "Sie haben eine Wohnung gefunden", so Wendsche.