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Razzia und Festnahmen bei Lovoo

LKA und Staatsanwaltschaft haben am Mittwoch wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs Firmenräume des Dating-App-Anbieters und Wohnungen von Mitarbeitern in Dresden, Berlin und Nürnberg durchsucht.

© dpa

Dresden. Am Dienstagabend warben die Lovoo-Chefs noch in gemütlicher Runde im Innenhof des Dresdner Firmensitzes in der Prager Straße für andere Startups - am nächsten Morgen rückte die Polizei an und nahm Benjamin Bak (29) und Alexander Friede (38) fest. Später stellt sich dann Björn Bak (33), der ältere Bruder von Benjamin und dritte Chef des Online-Flirtportals.

Polizeieinsatz bei Lovoo in Dresden

Beim Dresdner Dating-App-Anbieter Lovoo hatte es am Mittwochmorgen eine Razzia gegeben. Das Landeskriminalamt (LKA) und die Staatsanwaltschaft ließen die Firmenräume sowie 16 Wohnungen in Dresden (13), Berlin (2) und Nürnberg (1) durchsuchen. Wie Staatsanwaltschaft und LKA gemeinsam mitteilten, wird insgesamt zwölf Beschuldigten im Alter zwischen 25 und 38 Jahren gewerbsmäßiger Betrug vorgeworfen. Im Visier der Ermittler stehen neben den drei Geschäftsführern auch neun Mitarbeiter.

Der Firmen-Website, auf der ein Untenehmens-Blog geführt wird, ist nichts über die Ereignisse des Tages zu entnehmen. Die Seite war seit dem frühen Nachmittag für mehrere Stunden offline.

Bei den Durchsuchungen wurden laut Staatsanwaltschaft zahlreiche „verfahrensrelevante Unterlagen, Computer- und Mobilfunktechnik, sowie eine größere Anzahl von Datenspeichern sichergestellt.“ Rund 200 Beamte waren im Einsatz.

Dem Unternehmen wird vorgeworfen, mit Fake-Profilen die Kunden der Dating-App betrogen zu haben. Die Fachzeitschrift „c’t“ schrieb bereits im vergangenen Jahr, dass das Unternehmen möglicherweise in großem Stil gefälschte weibliche Profile eingesetzt habe. Zahlungswillige männliche Kunden seien dadurch beim Versuch, Kontakt aufzunehmen, abgezockt worden. Das bestätigt nun auch die Staatsanwaltschaft. „Nutzer sollten veranlasst werden, mit den virtuellen Personen in Kontakt zu treten und dabei die kostenpflichtigen Funktionen der Dating-Plattform nutzen“, so Lorenz Haase, Oberstaatsanwalt und Pressesprecher der Dresdner Behörde.

Eine anonyme Quelle soll der „c‘t“ entsprechende Unterlagen zugespielt und so den Stein ins Rollen gebracht haben. Auch Mails aus der Führungsriege der Firma gehören dem Computermagazin zufolge dazu. In einem am 25. September veröffentlichten Beitrag werden Screenshots gezeigt, wonach offensichtlich führende Mitarbeiter die Fake-Profile als „Promote-Bitches“ (aus dem Englischen: Werbe-Schlampen) bezeichnen.

Lovoo wies die Vorwürfe damals zurück, ohne sie jedoch mit Beweisen zu entkräften. Auch wurden keine rechtlichen Schritte gegen die Veröffentlichungen bei der „c‘t“ eingeleitet, wie das Magazin auf Anfrage mitteilte.

Anfang 2016 wurde Lovoo bei der Abstimmung auf einem Job-Portal zum besten Arbeitgeber in Dresden gewählt. Im Zuge dessen besuchte die SZ Firmengründer Benjamin Bak. Den Skandal um die angeblich gefälschten Profile wollte er seinerzeit weder kommentieren noch dementieren. Durch den Einsatz der Fake-Profile soll ein Schaden von mehr als einer Million Euro entstanden sein.

Lovoo wurde Anfang 2012 von sieben jungen Leuten gegründet. In der Startup-Szene stieg das Unternehmen schnell auf zum gefeierten Star. Anfang diese Jahres zeichnete der Focus das Startup-Team als einen „Top-Arbeitgeber 2016“ in Deutschland aus. Lovoo wuchs rasant. Die Zahl der Nutzer soll nach Unternehmensangaben binnen vier Jahren auf 50 Millionen weltweit gestiegen sein, der Umsatz lag nach SZ-Informationen bereits 2014 bei knapp 19 Millionen Euro.

Die Lovoo-App lässt sich inzwischen in 15 verschiedenen Sprachen herunterladen. Nach eigenen Angaben nutzen weltweit über 50 Millionen Menschen den Dating-Service. (seb/fsc/stb/SZ)