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Geschäft mit einsamen Herzen

Absturz eines Dresdner Überfliegers? Der Dating-App-Anbieter Lovoo steht unter Betrugsverdacht.

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© Ronald Bonß

Von Alexander Schneider und Annette Binninger

Die Firmenräume in Lila, der heimelige Frühstücksraum mit stets frischem Obst auf den Tischen, gemütliche Sofas und Sessel locken kreative Köpfe zum Verweilen. Wie in einer Familie sollte es zugehen bei Lovoo. Alle miteinander, füreinander. Frühstück, Sushi und Suppe umsonst. Ein Startup mit amerikanischer Firmenkultur, jung, frech und kreativ, schnell hochgewachsen in den bunten Büros auf der Prager Straße in Dresden.

... Björn Bak (o.) und Alexander Friede (u.).
... Björn Bak (o.) und Alexander Friede (u.).

Polizeieinsatz bei Lovoo in Dresden

Polizeiautos stehen am Mittwochvormittag vor dem Lovoo-Firmensitz an der Prager Straße in Dresden.
Polizeiautos stehen am Mittwochvormittag vor dem Lovoo-Firmensitz an der Prager Straße in Dresden.
Hinter den Türen der Firma, die eine Dating-App betreibt, läuft eine Razzia.
Hinter den Türen der Firma, die eine Dating-App betreibt, läuft eine Razzia.
Polizisten durchsuchen die Büros der Firma in Dresden und Berlin.
Polizisten durchsuchen die Büros der Firma in Dresden und Berlin.
Polizisten tragen Kisten aus den Büros.
Polizisten tragen Kisten aus den Büros.
Die Geschäftsführer sollen festgenommen worden sein.
Die Geschäftsführer sollen festgenommen worden sein.
Frank Hannig, Rechtsanwalt eines Lovoo-Geschäftsführers, dementiert das am Morgen nicht.
Frank Hannig, Rechtsanwalt eines Lovoo-Geschäftsführers, dementiert das am Morgen nicht.
Benjamin Bak führt mit seinem Bruder Björn und Alexander Friede die Geschäfte beim Dating-App-Anbieter Lovoo.
Benjamin Bak führt mit seinem Bruder Björn und Alexander Friede die Geschäfte beim Dating-App-Anbieter Lovoo.

Mit einsamen Herzen wollten die beiden Brüder Bak, Benjamin und Björn, ganz nach oben im umkämpften Markt der Dating-Apps, in der sich so schnell Geld verdienen und verlieren lässt. Sie schienen es geschafft zu haben. Wachsende Umsätze, steigende Gewinne, tolles Image. Eine „Erfolgsgeschichte aus Dresden“, so hieß es.

Hatten die Brüder Bak vor einem Jahr offenbar noch darüber nachgedacht, einen Investor für die nächsten Wachstumspläne mit ins Boot zu holen, soll sich das in den vergangenen Monaten gewandelt haben. Am Dienstagabend saßen sie noch mit potenziellen Investoren für andere Startups gemütlich zusammen. Bei Nudelsalat, Tomaten-Mozarella-Spießchen und guten Gesprächen im Innenhof des Unternehmens. Auch an diesem Abend machte wieder die Runde, dass Lovoo selbst im nächsten Jahr zum Verkauf stehen könnte.

Diesen Gedanken dürfte die Dresdner Staatsanwaltschaft nur wenige Stunden später erst mal deutlich erschwert, wenn nicht gar zunichte gemacht haben. Seit Mittwochabend sitzen Benjamin Bak und Alexander Friede, der dritte Lovoo-Geschäftsführer, wegen Betrugsverdachts in Untersuchungshaft. Björn Bak, Benjamins älterer Bruder, hatte die Polizei vormittags nicht angetroffen. Er stellte sich nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Nachmittag freiwillig. Der Ermittlungsrichter hat seinen Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Das heißt, er bleibt auf freiem Fuß.

Der Dresdner Rechtsanwalt Frank Hannig, der einen der Firmenchefs vertritt, sagte in einem ersten Statement knapp, dass er vorerst keine weiteren Angaben zu den Vorwürfen und den laufenden Ermittlungen machen werde. Bereits vor der Veröffentlichung des Beitrags im Computer-Magazin c‘t waren mögliche Fake-Profile bei Lovoo – angestoßen durch Nutzer-Kommentare – immer wieder mal Thema. Und das bereits seit weit mehr als einem Jahr.

Gefragt nach zahlreichen Nutzer-Beschwerden antwortete Benjamin Bak im Juni 2015 in einem Interview des Magazins „Gründerszene“, dass auch Lovoo das „nicht komplett ausschließen“ könne. „Eine große Reichweite lockt schwarze Schafe an“, sagte er damals. Man gehe „aktiv“ gegen diese Fakes vor. Beziffern ließen sie sich nicht, sie lägen aber „im minimalen Bereich“.

„Promote-Bitches“ im Einsatz?

Doch die umfangreichen Recherchen des Computermagazins c’t hatten es in sich. Ein anonymer Informant hatte den Journalisten angeblich im Sommer vergangenen Jahres mehr als 50 Gigabyte Firmendaten zugespielt, hauptsächlich E-Mails, wie das Magazin im September 2015 berichtete. „Die Dokumente legen den Verdacht nahe, dass Lovoo systematisch Kunden hinters Licht führt, um sie zu kostenpflichtigen Aktionen auf der Plattform zu animieren“, schrieben die Redakteure.

Wochen vor der Veröffentlichung meldeten sich c’t-Mitarbeiter selbst bei Lovoo an, nahmen auch die Premium-Dienstleistungen wahr und überprüften so den schweren Verdacht des Whistleblowers: Vor allem Männer würden mit Hunderten virtuellen Flirtpartnern – sogenannte Fake-Profile attraktiver Damen („Promote-Bitches“ – „Werbeschlampen“) – gezielt zur Kontaktaufnahme und so zu kostenpflichtigen Zusatzfunktionen des Portals animiert. Mit der Zahlung sogenannter Credits kommen schnell mehrere Hundert Euro zusammen – ohne Gegenleistung.

Mehrere Stunden war die Online-Plattform gestern nicht mehr erreichbar – offenbar hatten Tausende Nutzer die Server überlastet. Die Polizei habe damit nichts zu tun, betonte Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt. Die Lovoo-Nutzer müssten vor „kriminellen Handlungen“ geschützt werden. Doch „das Kerngeschäft und damit die Arbeit der überwiegenden Mehrheit der Mitarbeiter“ sei „nicht kriminell“.