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Darum bleibt die Pappelallee bei Lorenzkirch stehen

Vor Kurzem hat ein Sturm mehrere Bäume an der Straße nach Zschepa umgeknickt. Doch vorsorglich gefällt werden dürfen sie nicht. Wegen intelligenter Vögel.

Von Jörg Richter
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Auf den ersten Bäumen der Pappelallee bei Lorenzkirch sind Nester zu erkennen. Hier brühten Saatkrähen.
Auf den ersten Bäumen der Pappelallee bei Lorenzkirch sind Nester zu erkennen. Hier brühten Saatkrähen. © Sebastian Schultz

Zeithain. Die Feuerwehrleute aus Lorenzkirch und ihre Kameraden aus den Nachbarfeuerwehren können sich noch sehr gut an das Sturmtief Ignaz erinnern. Dessen kräftiger Wind knickte vor gut einem Monat auf der Straße nach Zschepa gleich mehrere Bäume wie Streichhölzer um.

Dieser Vergleich ist sehr passend, waren doch, wie Einheimische berichten, die Pappeln zu DDR-Zeiten für die Herstellung von Riesaer Zündhölzern vorgesehen. Doch nach der Wende verlagerte sich die Produktion nach Polen. Die Bäume an der Kreisstraße zwischen Lorenzkirch und Zschepa blieben stehen. Und bei jedem Sturm warten die Feuerwehrleute darauf, dass wieder Pappeln auf die Straße fallen und von ihnen kleingesägt und zur Seite geräumt werden müssen.

Das erzeugt nicht nur Frust unter den Kameraden, sie sehen auch die Verkehrssicherheit entlang der Kreisstraße als bedenklich an. Während des Sturmes musste sie wegen der Gefahr, dass weitere Bäume umfallen oder größere Äste abbrechen, sogar gesperrt werden.

Während des Sturmes Ende Oktober musste die Feuerwehr ausrücken und an der Kreisstraße zwischen Lorenzkirch und Zschepa mehrere umgeknickte Pappeln zur Seite räumen.
Während des Sturmes Ende Oktober musste die Feuerwehr ausrücken und an der Kreisstraße zwischen Lorenzkirch und Zschepa mehrere umgeknickte Pappeln zur Seite räumen. © Christoph Scharf

Zuständig für die Kreisstraße ist das Landratsamt Meißen. Dort kennt man das Problem. Aber die rund 200 Bäume einfach so fällen, sei nicht möglich. "Die Pappelallee bildet das größte regionale Brutgebiet der Saatkrähe", sagt Pressesprecherin Anja Schmiedgen-Pietsch. Deshalb stimmt das Kreisstraßenbauamt mit der Unteren Naturschutzbehörde in diesen Bereich alle erforderlichen Maßnahmen ab. Entsprechend den geltenden gesetzlichen Vorschriften erfolge eine reguläre Kontrolle der Bäume auf Verkehrssicherheit. Im Anschluss an besondere Wetterereignisse, wie das Sturmtief Ignaz, würden darüber hinaus außerplanmäßige Kontrollen durchgeführt, so die Landkreissprecherin.

In Sachsen gibt es lediglich drei größere Brutvorkommen der Saatkrähe: der Leipziger Raum (185 Brutpaare), der Raum Riesa-Strehla (knapp 400) und das Zittauer Gebiet (600). Die Zahl der Brutpaare schwankt von Jahr zu Jahr teilweise erheblich. Das ist dem Buch „Brutvögel in Sachsen“, das vom Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie herausgebracht wurde, zu entnehmen.

Danach ist der Bestand der Saatkrähen in Sachsen innerhalb der letzten 25 Jahre zurückgegangen. "War noch beim Ergebnis der Kartierung 1993–96 mit einem Bestand zwischen 1.500 und 2.000 Brutpaaren von etwa der gleichen Größenordnung wie um 1980 auszugehen, wird nunmehr ein deutlicher Rückgang offensichtlich", so die Experten.

Eine harte Nuss zu knacken hat diese Saatkrähe. Kein Problem für diese Vogelart. Denn Saatkrähen sind als sehr intelligente Tiere bekannt. Sie fliegen mit Nüssen in die Luft und lassen sie auf Steine oder harte Böden fallen, damit sie aufbrechen.
Eine harte Nuss zu knacken hat diese Saatkrähe. Kein Problem für diese Vogelart. Denn Saatkrähen sind als sehr intelligente Tiere bekannt. Sie fliegen mit Nüssen in die Luft und lassen sie auf Steine oder harte Böden fallen, damit sie aufbrechen. © dpa

Die Nahrungsangebote für die Vögel seien stark zurückgegangen. Saatkrähen sind Allesfresser und mögen unter anderem Insekten, Sämereien, Feldfrüchte, Schnecken und Regenwürmer. Doch auf Agrarflächen mit hochgewachsenen Pflanzen wie Mais und Raps finden sie keine Insekten. Deshalb reißen sie junge Pflanzen auf Feldern heraus, was sie nicht gerade zu Freunden der Landwirte macht. Die Autoren des Buches kommen zu dem Fazit: "Der lang- wie kurzfristige Rückgang erfordert, die inzwischen nur noch mittelhäufige bis seltene Brutvogelart als gefährdet einzustufen."

Ganz Deutschland betrachtet gilt die Saatkrähe allerdings als eine "nicht gefährdete Vogelart". Zu dieser Einschätzung kommt immerhin der Naturschutzbund Deutschland e.V. (Nabu). Seit den 1980er-Jahren erholen sich die Bestände, weil die Saatkrähe mehr geschützt wird. Europaweit gibt es geschätzt zehn Millionen Brutpaare.

An der Kreisstraße zwischen Lorenzkirch und Zschepa sind auf nur wenigen Baumkronen die Nester der Saatkrähen zu erkennen. Meist an den Pappeln in der Nähe der Ortschaft. Auf den meisten der etwa 200 Pappeln brüten die als intelligente Tiere angesehenen Vögel, die leicht an ihren grauen Schnäbeln und dem schwarz glänzenden Gefieder zu erkennen sind, nicht.