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Haus mit Durchblick

Fast ein Jahr ist es her, dass sich ein Immobilienkauf für eine Familie als Debakel erwies. Die Sanierung hält Widrigkeiten bereit, aber auch Glücksgriffe.

Marcel Rosenfeld in dem Haus, das er künftig einmal mit seiner Familie bewohnen möchte. Zuletzt wurden die Decken rückgebaut, um sie neu zu arbeiten. Der aktuelle Zustand erlaubt den Durchblick vom Erdgeschoss bis unters Dach.
Marcel Rosenfeld in dem Haus, das er künftig einmal mit seiner Familie bewohnen möchte. Zuletzt wurden die Decken rückgebaut, um sie neu zu arbeiten. Der aktuelle Zustand erlaubt den Durchblick vom Erdgeschoss bis unters Dach. © Eric Weser

Riesa. Das künftige Zuhause seiner Familie kennt Marcel Rosenfeld genau. Es dürfte kaum eine Stelle geben, die der 29-Jährige in dem denkmalgeschützten Altbau an der Großenhainer Straße in Riesa noch nicht mit eigenen Händen angefasst hat. Nach unzähligen Arbeitsstunden vor Ort ist es kein Wunder, dass er den Durchblick auf der Baustelle hat. Allerdings nicht nur im übertragenen Sinne: Momentan kann Marcel Rosenfeld vom Erdgeschoss bis unters kürzlich neu gedeckte Dach schauen – ohne, dass Decken im Weg sind. Die alten Decken hat er kürzlich herausgebrochen.

Eigentlich war das nicht geplant. Wie auch die ganze Radikalsanierung der zwei Häuser in Altriesa nicht vorgesehen war, die Marcel Rosenfeld und seine Familie voriges Jahr kauften. Weil sich aber herausstellte, dass die Gebäude viel baufälliger sind, als es den Anschein hatte, und eine Rückabwicklung des Kaufs nicht erfolgversprechend erschien, blieb nichts anderes, als die Sanierung anzugehen. Weil sie sich überfordert sah, bat die Familie auch öffentlich um Hilfe. Tatsächlich kamen Spenden zusammen.

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Das ist inzwischen Monate her. Monate, in denen viel gearbeitet worden ist. Trotzdem sind die zwei miteinander verbundenen Häuser aber weiter eine einzige große Baustelle. Für die Bauherren hält der unfreiwillig zum Großprojekt mutierte Hausbau immer wieder aufs Neue Widrigkeiten und Ärger bereit. Und sei es, dass jemand heimlich einen alten Teppich in einem Bauschuttcontainer versteckt hatte – was die Entsorgungskosten mal eben mehr als verdreifachte.

Doch es gibt auch Glücksgriffe: Ein Mann, der vom Fall der Familie gelesen hatte, greift ihr unter die Arme, indem er Material für mehrere Tausend Euro bezahlt. Einfach so, weil er helfen möchte. Nur deswegen ist die Deckensanierung überhaupt in so großem Umfang möglich. Namentlich in Erscheinung treten möchte der freundliche Gönner nicht. Marcel Rosenfeld findet die Unterstützung aber einfach nur "super" und weiß ansonsten kaum, was er dazu sagen soll.

Daniela Lange (l.) und ihr Schwager Marcel Rosenfeld im anderen Haus, das einmal Daniela Lange mit ihrer Familie bewohnen möchte. Auch dort sieht es noch nach Baustelle aus. Später sollen hier einmal eine Stube und eine Küche Platz finden.
Daniela Lange (l.) und ihr Schwager Marcel Rosenfeld im anderen Haus, das einmal Daniela Lange mit ihrer Familie bewohnen möchte. Auch dort sieht es noch nach Baustelle aus. Später sollen hier einmal eine Stube und eine Küche Platz finden. © Eric Weser

Unterstützung erfährt die Familie aber auch auf andere Weise. Sei es durch den Statiker, der mit dem Dachdecker einen niedrigeren Stundensatz aushandelte, damit dessen Arbeiten günstiger wurden. Oder durch die Familie, Bekannte und Kollegen, die regelmäßig auf der Baustelle mit anpacken. Und auch Marcel Rosenfeld selbst hatte Glück, als er im Internet auf eine Anzeige stieß, dass jemand säckeweise Kalk verschenkt. Auch dieses Material hätte sonst hunderte Euro gekostet. So wird das Verputzen der Wände nun deutlich günstiger.

Doch insgesamt wird der Umbau teurer. "Wir hätten nicht gedacht, dass 100.000 Euro nicht reichen würden", sagt Marcel Rosenfeld, während er mit Schwägerin Daniela Langer über die Baustelle führt. Es seien einmal 100.000 Euro geplant gewesen, wobei Firmen die Arbeiten übernehmen sollten. Nun erledigt die Familie einen großen Teil der Arbeiten selbst oder mit Helfern – und dennoch wird es wohl teurer.

Zur Jahresmitte einzuziehen, wie es mal gedacht war, daran ist nicht zu denken. Ob sie zumindest Licht am Ende des Tunnels sehen? Daniela Lange greift zu Galgenhumor und sagt lachend: "Bei mir ist noch alles dunkel." Ihr Schwager wirkt da gelassener. Ein wirkliches Ziel will aber auch er nicht ausgeben. Er schaut auf das, was greifbar scheint. Nach dem Deckenbau, für den bald tonnenweise Lehm per Hand ins Haus geschafft werden muss, soll es mit Elektrik und Wasser weitergehen. Auch das wird die Familie selbst erledigen.

Die Gebäude mit der orangenen Fassade wirken von der Meißner Straße äußerlich schon fertig. Die Dächer wurden auch kürzlich saniert. Drinnen findet jedoch haben die neuen Eigentümer weiter viel Arbeit vor sich.
Die Gebäude mit der orangenen Fassade wirken von der Meißner Straße äußerlich schon fertig. Die Dächer wurden auch kürzlich saniert. Drinnen findet jedoch haben die neuen Eigentümer weiter viel Arbeit vor sich. © Eric Weser
Die Großenhainer Straße 42 (graue Fassade, neues Dach) soll einmal das Wohnhaus von Familie Rosenfeld werden.
Die Großenhainer Straße 42 (graue Fassade, neues Dach) soll einmal das Wohnhaus von Familie Rosenfeld werden. © Eric Weser

Viel Arbeit, während es finanziell nicht einfacher wird. Ab Ende dieses Monat muss der Kredit voll bedient werden, sagt Daniela Lange. Er wolle noch einmal bei der Bank nachfragen, ob sich da noch mal etwas machen lasse, so Marcel Rosenfeld.

Immerhin: Der Handwerker und seine im Dienstleistungssektor arbeitende Schwägerin stehen in Lohn und Brot, haben gut zu tun, wie sie sagen. In Corona-Zeiten keine Selbstverständlichkeit. Die Beanspruchung auf Arbeit führt aber auch dazu, dass weniger Zeit für die Hausbaustelle bleibt. Daniela Lange kann wenn, dann ohnehin nur sonntags dort etwas machen, erzählt sie. Und dann auch nur unter Anleitung. "Ich bin ja nicht vom Bau." Marcel Rosenfeld ist als Elektriker auch beruflich auf Baustellen zu Gange. Dass Arbeit und Hausbau ihn nicht überlasten, da versuche die Familie aufzupassen, sagt seine Schwägerin.

Die Familie gibt nicht auf. Die Häuser in Altriesa hat sie längst zu ihren gemacht. Am Computer hat Marcel Rosenfeld entworfen, wie es mal drinnen aussehen könnte, wenn einmal alles mal fertig ist. Die 2D- und 3D-Entwürfe sind Lichtblick, etwas, worauf es sich hinzuarbeiten lohnt. Auch wenn bis dahin noch unzählige weitere Stunden auf der Baustelle nötig sein werden. "Wird schon irgendwie", sagt Marcel Rosenfeld bei der Verabschiedung.

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