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Unangekündigtes Konzert am Krankenhaus

Im Wirtschaftshof erklingt plötzlich Livemusik. Mitarbeiter und Patienten schauen neugierig aus dem Fenster.

Ein ungewöhnlicher Rahmen für ein Posaunenkonzert: der Wirtschaftshof der Elblandkliniken in Riesa.
Ein ungewöhnlicher Rahmen für ein Posaunenkonzert: der Wirtschaftshof der Elblandkliniken in Riesa. © Klaus-Dieter Brühl

Riesa. Wie lange ist er schon her, der letzte Konzertbesuch? Seit Monaten legt Corona das kulturelle Leben still. Einen Lichtblick gab es am Mittwoch am Riesaer Krankenhaus. Dort macht sich kurz vor Zwölf ein Quintett im Wirtschaftshof bereit. Zwischen parkenden Autos werden Notenständer aufgestellt, Instrumente ausgepackt, Seiten umgeblättert.

Und dann geht es schon los: Während von der Trinitatiskirche die Glocken zum Mittag läuten, spielen fünf Posaunen einen Marsch von William Byrd. Der Wind droht, die mit Wäscheklammern festgesteckten Noten vom Ständer zu reißen, doch die Musik setzt sich durch und ist auch an den Fenstern des Krankenhaus-Gebäudes gegenüber gut zu hören.

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Dort versammeln sich auf den verschiedenen Etagen immer mehr Mitarbeiter in weißen und türkisen Kitteln an den Fenstern. Sie tragen genauso Mundschutz wie die Patientinnen im Bademantel. Da werden Handys zum Filmen gezückt, Finger geschnippt, im Takt die Hüften gewiegt.

Unten im Hof verteilen sich mit reichlich Abstand allenfalls ein Dutzend Zuhörer: Riesas OB Marco Müller (CDU) ist dabei, seine Vorgängerin Gerti Töpfer, der Krankenhaus-Verwaltungschef Peter Zeidler, weitere Mitarbeiter. Kaum jemand hatte zuvor vom Konzert der Elblandphilharmoniker gewusst: Es öffentlich anzukündigen, war unter Corona-Bedingungen strikt verboten. Schließlich soll sich keine Ansammlung bilden, weil sich endlich wieder die Gelegenheit für Livemusik ergibt.

Und so spielt das Quintett nun vor einer überschaubaren Zuschauerzahl eine Fanfare von Andrew C. Fox: ein Gruß auch an das Krankenhauspersonal, dessen Arbeit unter Corona-Bedingungen nicht einfacher ist. Und auch für die Musiker der Elbland-Philharmonie ist derzeit kaum etwas wie sonst. Orchesterproben gibt es derzeit wegen der hohen Infektionszahlen überhaupt nicht. "Die Probensitze in Riesa und Radebeul sind aktuell verstummt", sagt Elbland-Philharmonie-Sprecherin Julia Gläßer. "Dort, wo sich normalerweise musikalisch Beethoven, Mozart und Strauß begegnen, ist Stille."

Mitarbeiter und Patienten der Elblandkliniken lauschen von den Fenstern aus dem Auftritt im Hof.
Mitarbeiter und Patienten der Elblandkliniken lauschen von den Fenstern aus dem Auftritt im Hof. ©  Klaus-Dieter Brühl

Regelmäßig komme der ein oder andere Musiker vorbei, um in einem der Stimmzimmer zu üben. Die Verwaltungsmitarbeiter in Riesa arbeiten wie die Musiker in Kurzarbeit, teilweise im Homeoffice. Wie andere Eltern auch, sind viele mit der Betreuung ihrer Kinder beschäftigt.

Musik soll aber trotzdem zu hören sein: Und so haben kleinere Kammerensembles der Elbland-Philharmonie in der Weihnachtszeit vor Alten- und Pflegeheimen musiziert. "Mit Posaunen, Hörnern und Trompeten, Streichensembles sowie ungewöhnlicheren Instrumenten wie Marimbaphon und Vibraphon wurden über 77 kleine Konzerte im Kulturraum Meißen – Sächsische Schweiz-Osterzgebirge realisiert", sagt Julia Gläßer. Zu den Auftrittsorten gehörten Altenheime, Seniorenwohnanlagen und Pflegedienste etwa in Riesa, Coswig, Radebeul, Strehla oder Meißen. Dort im städtischen Adventskalender waren auch Musiker zu erleben, die mit der Sopranistin Antje Kahn einen Ausschnitt aus dem Märchen „Das tapfere Schneiderlein“ vertont haben. Und auch in Riesaer Wohngebieten gab es kleinere Konzerte.

Weil der Wind am Mittwoch in Riesa so stark blies, mussten Helferinnen die Noten der Posaunisten von der Elbland-Philharmonie festhalten.
Weil der Wind am Mittwoch in Riesa so stark blies, mussten Helferinnen die Noten der Posaunisten von der Elbland-Philharmonie festhalten. © Klaus-Dieter Brühl

Aktuell hielten sich die Musiker mit Üben am Instrument fit. "So kommt es, dass plötzlich ein Marimbaphon im Schlafzimmer eines Orchestermusikers steht", sagt Julia Gläßer. Und aktuell würden Kammerensembles die Zeit nutzen, um neue Programme zu erarbeiten. Und auch die Verwaltung bereitet sich auf die nächste Saison vor: Es gilt, Konzerte und Opernpremieren zu verschieben, sich ständig mit Kooperationspartnern, Kulturhäusern, Veranstaltern und Solisten auszutauschen.

Und schließlich werde die Zeit nun auch dafür genutzt, das umfangreiche Notenarchiv umzustrukturieren und zu aktualisieren. Auch an neuen Veranstaltungsformaten und Konzepten sitzen die Macher schon.

In Riesa vor dem Krankenhaus ernten die fünf Posaunisten unterdessen Applaus: Bei "Mein kleiner grüner Kaktus" sind etliche Zuhörer ins Wippen gekommen, "Yesterday" hat Erinnerungen geweckt, „Winter Wonderland" dagegen passte nicht ganz zum Wetter beim Auftritt, das mit seinen Windböen eher herbstlich wirkt.

Während sich Patienten und Krankenhausmitarbeiter über die Abwechslung zum Corona-Alltag freuen, gibt es auch für die Musiker selbst eine frohe Botschaft: Die Rotarier vom Club Riesa-Elbland spenden für den Auftritt 500 Euro an den Förderverein der Elbland-Philharmonie.

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