merken

Saatgut-Tausch macht unser Essen bunter

Eine regionale Initiative kämpft für mehr Abwechslung in den Gärten, auf dem Acker und auf unseren Tellern.

Milana Müller aus Tharandt gewinnt aus Bohnen, Kürbissen, Roten Beeten, Zwiebeln, Pastinaken und Sellerie Samen zum weiteren Anbau.
Milana Müller aus Tharandt gewinnt aus Bohnen, Kürbissen, Roten Beeten, Zwiebeln, Pastinaken und Sellerie Samen zum weiteren Anbau. © Ronald Bonß

Von Gabriele Fleischer

Aufgereiht in einem Regal steht Glas an Glas, gefüllt mit Samenkörnern – kleinen, größeren, ovalen, runden, tiefschwarzen, weißen und beigefarbenen. Mehr als 200 verschiedene Kulturpflanzen werden im Garten des ökologisch wirtschaftenden Landwirtschaftsbetriebes Johannishöhe in Tharandt angebaut: für die eigene Versorgung und, um daraus Samen zu gewinnen. Ein Teil geht in den Verkauf.

Anzeige
Badespaß und Erholung zugleich

Das Freizeitzentrum "Hains" ist für erholsame Stunden und schweißtreibende Sportangebote bekannt.

Einiges vom Saatgut wird auf Börsen in der Region unter Landwirten und Hobbygärtnern getauscht. Im Umweltbildungshaus Johannishöhe in Tharandt bewahrt Landwirtin Milana Müller das Saatgut auf, aus dem Möhren, Pastinaken, Sellerie, Zwiebeln und andere Gemüsesorten oder Kräuter wachsen – die meisten heißen nach ihren Züchtern oder auch nach dem Aussehen. Milana Müller zeigt Bergers Weiße Kugel, Dresdner Graugelber runder Mai und Dresdner Plattrunde. Und diese Namensliste soll erweitert werden. Ja, das ist sogar Müllers Wunsch. Wer mag, kann zu den Tauschbörsen auch Samen vom Lieblingsgemüse der Großeltern mitbringen. Je vielfältiger, umso besser. Einzige Bedingung: Das dort angebotene Saatgut muss samenfest sein. „Das ist eine Pflanzsorte dann, wenn aus ihrem Saatgut Pflanzen wachsen, die dieselben Eigenschaften wie ihre Elternpflanzen haben, also nur durch die Bestäubung durch Wind und Insekten vermehrt wird, um Kulturpflanzen zu bewahren und den sich ändernden Umweltbedingungen anzupassen.“ Genau dafür hat sich vor 13 Jahren auf Initiative von Milana Müller in Tharandt die Interessengemeinschaft „Lebendige Vielfalt – Netzwerk zur Erhaltung der Kulturpflanzen“ gegründet. 60 Privatpersonen und Organisationen haben sich dem Netzwerk inzwischen angeschlossen.

Sie halten Vorträge und organisieren Tauschbörsen – in diesem Jahr an 19 Orten in Sachsen. Damit, so Müller, könnten Kulturpflanzen erhalten und verbreitet werden. „Bis ins 20. Jahrhundert war es üblich, dass vor allem Gärtnerinnen und Bäuerinnen ihr eigenes Saatgut vermehrt und weitergegeben haben – bis sich die Lebensweise änderte und die Vielfalt verschwand“, ergänzt Christian Pein vom Ökologischen Anbauverband Gäa. Manche Sorten sind vom Aussterben bedroht. Wenige, aber immer größere Saatgutunternehmen setzten auf neue Züchtungen und Hochleistungssorten. Aber nicht nur der Erhalt alter Sorten aus der Region ist Müller und ihren Mitstreitern wichtig. Ihnen geht es um alle Nahrungspflanzen. Die meisten haben ihren Ursprung in südlichen Ländern, seien aber über Jahrtausende in Mitteleuropa kultiviert und weiterentwickelt worden. Daran sollten sich Hobbygärtner erinnern.

Weiterführende Artikel

Symbolbild verwandter Artikel

Hoher Preis für billiges Essen

Nutzwerk-Redakteurin Gabriele Fleischer über gesunde Pflanzenvielfalt

Symbolbild verwandter Artikel

„Vielfalt lässt uns weniger anfällig für Stress sein“

Für Starköchin Sarah Wiener sind Saatgut-Tauschbörsen eine Grundlage für gesundes Essen.

Viele Sorten sind verloren gegangen

„Durch die Auswahl anpassungsfähiger und geschmacklich herausragender Pflanzen für das Saatgut und deren Weitergabe entsteht wieder eine vielfältige Kulturpflanzenwelt“, so Müller. Es sei ein Weg auf gentechnisch veränderte Pflanzen und auf patentierte Sorten durch große Agrarmultis zu reagieren. Laut Weltagrarbericht würden drei Viertel der im Jahr 1900 noch verfügbaren Kulturpflanzensorten heute nicht mehr genutzt und seien teilweise verloren. „Aber zum Beispiel auch Trockenbohnen müssen nicht aus China kommen. Sie lassen sich hier anbauen“, sagt Müller und zeigt ein gefülltes Glas mit den Hülsenfrüchten. Diese alte Bohnensorte „Schwarze Kugel“ eignet sich für den Kleingarten und bereichert den Speiseplan im Winter zum Beispiel mit einer leckeren Bohnensuppe. Im Hausgartenbereich ist diese Bohnensorte heute kaum noch zu finden. „Das mag daran liegen, dass Ernte und Trocknung aufwendiger sind als bei anderen Bohnen“, erklärt Müller. Erntereif sind sie erst, wenn die Hülsen ganz trocken sind. Dann werden die Samen ausgelöst und einige Tage weitergetrocknet. So lassen sie sich über Jahre aufbewahren.

Milana Müller wünscht sich, dass Trockenbohnen auch in Kleingärten der Region wieder angebaut werden. Wenn Gärtner auf den Börsen die „Schwarze Kugel“ teilen, hat sie in Sachsen eine Zukunft.

Die nächsten Samentauschbörsen finden am 9. Februar in Tharandt, 14 bis 16 Uhr Kuppelhalle Pienner Straße, 10. Februar in Bautzen, 17. Februar in Kreba-Neudorf, 23. Februar in Görlitz und am 24. Februar in Weißwasser statt.

www.lebendige-vielfalt.org