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Abschied von der Abraumkante

Mühlrose ist das letzte Lausitzer Dorf, das der Braunkohle weicht. Ein Ort voll von Wehmut, Wut und Widerstand. Die meisten werden jetzt gehen – aber nicht alle.

So sah Mühlrose noch vor anderthalb Jahren aus. Nun soll das Dorf dem Braunkohletagebau Nochten weichen.
So sah Mühlrose noch vor anderthalb Jahren aus. Nun soll das Dorf dem Braunkohletagebau Nochten weichen. © dpa PA/Andreas Franke

Mühlrose. Der Sicherheitsdienst patrouilliert in Mühlrose. Immer wieder kreuzt das weiße Auto über den Nochtener Weg, vorbei am Gehöft mit dem Bauzaun. Ein Schild fordert: „Achtung. Betreten verboten. Lebensgefahr.“ Dahinter blüht im hohen Gras eine einzelne rosa Levkoje. Efeu hangelt sich am Haus hoch, aus dem Abrissgeräusche klingen. Gegenüber stehen Bagger und Container bereit. In wenigen Wochen wird der Hof verschwunden sein. Das Energieunternehmen LEAG hat mit dem Rückbau in Deutschlands letztem Dorf begonnen, das der Braunkohle weichen soll.

Ein Haus weiter stecken frischgepflanzte Birnenbäume in der Vorgartenerde. Ein Holztor versperrt den Blick in das Innere des Vierseithofes. Über dem gelben X an der verklinkerten Hauswand hängt ein Banner mit der Aufschrift „Keine Umsiedlung von Mühlrose!“ Die Bewohner des über hundertjährigen Hofs üben Widerstand: Sie wollen, dass alle Häuser bleiben und der Tagebau Nochten zugunsten des Erhalts des knapp 500 Jahre alten Dorfes verkleinert wird. „Wir bleiben hier. Für uns gibt es keine Alternative“, sagt Ramona Höhn im Namen ihrer Familie.

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Aufgerieben zwischen unterschiedlichen Interessen

Der Sicherheitsdienst kommt wieder vorbei. Unterstützung bekommen die Mühlrose-Verteidiger durch Politik und Umweltverbände. Die Grüne Liga ist darunter, auch die Lausitzer Abgeordnete der Linken, Antonia Mertsching. Sie bietet der LEAG an, ein leeres Haus zu kaufen. Sachsens grüner Klimaschutzminister Wolfram Günther sagt nach einem Ortsbesuch: „Mühlrose wird aufgerieben zwischen den unterschiedlichen Wünschen der Bewohner, dem verhandelten Kohleausstieg und den Interessen, die von außen auf den Ort einwirken.“ Sein Landesparteirat fordert Minister Martin Dulig auf, „die LEAG in ihre Schranken zu weisen“ mit der Begründung, dass es für den Abbau der Kohle „keine rechtliche Grundlage gibt und ein neuer Revierplan noch aussteht“.

Das ist Fakt wie der Umsiedlungsvertrag zwischen Bergbauunternehmen und der Gemeinde Trebendorf. Der sogenannte Mühlrose-Vertrag wurde im Beisein vieler Einwohner im März 2019 unterzeichnet. Sten Kowalick erinnert sich gut an den freudigen Tag – endlich mit Zukunft. Er bringt schnell seinen Sohn zum Fußballtraining nach Schleife, bevor er sich auf die Hollywood-Schaukel im Garten gegenüber der leergezogenen Gaststätte setzt. Der 40-Jährige wohnt mit drei Generationen auf dem Hof. Er ist der Vorsitzende des Beirats Umsiedlung. Das Team kümmert sich darum, das „neue Mühlrose so schön wie möglich zu gestalten, damit der Heimatverlust nicht so sehr schmerzt“. Hervorgegangen ist der Beirat aus einer Gruppe zum Erhalt Mühlroses. Das ist knapp 20 Jahre her.

Wenn man Neues anpackt, muss man Altes loslassen. Hier ist das neue Mühlrose“, sagt Bürgermeister Waldemar Locke.
Wenn man Neues anpackt, muss man Altes loslassen. Hier ist das neue Mühlrose“, sagt Bürgermeister Waldemar Locke. © Matthias Rietschel

Der Wind lässt die dicken Eicheln der alten Bäume prasselnd in Kowalicks Vorgarten fallen. Vielleicht hat einst Herrmann von Pückler-Muskau (1785–1871) die heutigen Giganten gepflanzt. Gern zog sich der „grüne Fürst“ in den Urwald und den Anbau des maroden Jagdschlosses zurück, um vom höfischen Leben in Muskau durchzuatmen, erzählen sich die Mühlroser. Der Pückler’sche Urwald ist längst in der Grube verschwunden. Über das „Schwarze Gold“ unter Mühlrose wird erstmals Mitte der 1950er-Jahre berichtet: „Zur Freimachung des Baufeldes ... und die Weiterführung des Tagebaus Nochten kommen im Jahr 1964 rund 40 Familien zur Umsiedlung, im Jahre 1971 etwa 25 Familien und ungefähr um 2010 die restlichen Familien zur Umsiedlung“, heißt es aus dem Braunkohlewerk „Frieden“ damals. Dem Vorstoß der Bagger müssen ab den 1960er-Jahren Teile des Dorfes weichen.

Die Mühlroser arrangieren sich mit dem Leben an der Abraumkante. Entlang des Dorfes poltert mehrfach täglich der Kohlezug, die Kohleverladestation ist bis 1997 mitten im Ort. Nach den ursprünglichen Abbaggerungsplänen in der DDR heißt es nach der Wende: Das Dorf darf bleiben. Durchatmen. Anfang der 2000er-Jahre geht es retour. Der Eigentümer des Tagebaus will nun wieder Braunkohle fördern. Es ist die Zeit, in der Sten Kowalick und viele andere um ihre Heimat kämpfen. „Wo waren da die Kohlegegner und Politiker, die jetzt ins Dorf kommen“, fragt er. 2004 stimmen 84 Prozent der Bürger für den Abschied vom Dorf. Doch es kommt wieder anders.

Schon 137 Orte abgebaggert

Unter den Verträgen zur Umsiedlung fehlen nur noch Unterschriften, als der schwedische Vattenfall-Konzern seine Braunkohlesparte 2016 verkauft. Auf solchen wackligen Schollen lässt sich keine Zukunft aufbauen, viele junge Leute gehen. „Von meinen sechs Mitschülern aus Mühlrose bin ich noch da“, sagt Sten Kowalick. Das Jahr 2019 bringt endlich eine planbare Zukunft mit dem Umsiedlungsvertrag, da ändern sich wieder die Rahmenbedingungen. Im Juli 2020 beschließt der Bundestag das Kohleausstiegsgesetz. Spätestens 2038 soll in Deutschland das letzte Kohlekraftwerk vom Netz. Im Freistaat Sachsen sitzen seit Dezember die Grünen in der Landesregierung.

Der sächsische Koalitionsvertrag sichert Pödelwitz im Revier bei Leipzig explizit den Erhalt zu. Für das Lausitzer Revier heißt es, es dürften „keine Flächen in Anspruch genommen werden (...), die für den Betrieb der Kraftwerke im Rahmen des Kohlekompromisses nicht benötigt werden“. Auf den Passus berufen sich nach der Ankündigung über den Abriss der beiden Häuser in Mühlrose unter anderem die Bündnisgrünen und andere Umweltorganisationen. Ihnen geht es um die Umwelt, echten Klimaschutz, Nachhaltigkeit, den Erhalt der Natur, der einzigartigen Faltenbogenlandschaft, die einst von der Eiszeit geformt wurde – und um Mühlrose. Schließlich haben die Lausitzer Tagebaue schon 137 Orte in sich begraben. Auch das ist eine Wahrheit.

Jeder hat seine Argumente in diesem September in Mühlrose. „Aber wer fragt eigentlich uns“, wettert eine Frau im blauen Pullover am Holztor zu ihrem Hof. Wie fast an jedem Gebäude in Mühlrose hat sie ein Schild aufgehängt: „Pro Mü! .... und zwar am neuen Standort in Schleife. Bitte keine Kaufangebote! Unser Haus geht, weil wir gehen, und steht somit einer Nachnutzung leider nicht zur Verfügung!!!“ Neulich habe sie ein Auto mit Berliner Kennzeichen im Dorf überholt. Aus dem Fahrzeug heraus hätten die Fremden sie gefragt, wie dumm man sein könne, sein Haus zu verkaufen. Was, fragt sie, was wüssten diese Menschen von ihnen?

Ein bisschen Hoffnung bei den Bleibewilligen

Etwa eine Handvoll Haushalte von knapp 200 Einwohnern will gern im alten Mühlrose bleiben. Bereits jetzt umklammert die Grube das Dorf von drei Seiten. Die alte Dame schaut dem Sicherheitsdienst hinterher. Er fährt im Auftrag der LEAG, das Bergbauunternehmen kennt Aktionen der Braunkohlegegner und sorgt vor. Sie öffnet ihr Holztor, ein paar Hühner laufen durch ein Gatter. Sie zeigt auf das Hof-Innere. „Da haben die Bohrer gestanden, mein Vater hat den Braunkohle-Erkundern mit dem Jauchewagen Wasser gebracht.“ Sie ist geboren auf diesem Bauernhof, die Eltern haben die Kollektivierung der Landwirtschaft genauso weggesteckt wie den Braunkohletagebau, der erst ihren Wald und dann ihre Felder aufgefressen hat. Wie schwer ein solcher Abschied ist, kann höchstwahrscheinlich nur jemand sagen, den es selbst betrifft.

Die Frau im blauen Pullover ist wieder ruhig: Ihre Eltern würden sich nach dem jahrzehntelangen Hin und Her freuen, dass sie im neuen Mühlrose ihren Frieden finden kann. Auch Kowalicks ein paar Häuser weiter werden in den Nachbarort ziehen – und wollen, dass ihr Haus nach dem Auszug abgetragen wird. Es ist eine Frage der Emotionen. Die Bauanzeige liegt beim Bauamt, der private Notarvertrag mit der LEAG über die Übergabe der Gebäude ist in Vorbereitung. Anfang 2021 will der zweifache Vater mit dem Bau beginnen. „Es gibt eine Mehrheitsentscheidung für den Umzug. Es gibt den Umsiedlungsvertrag. Wir müssen nach vorn schauen, ohne jegliche Einmischung von außen.“

Ramona Höhn und ihr Lebensgefährte Udo Zech sehen indes ihre Zukunft in Mühlrose. Ihre Hoffnung begründen sie unter anderem mit dem fehlenden angepassten Revierkonzept der LEAG, den nicht beantragten bergrechtlichen Verfahren für das Sonderfeld unter Mühlrose und einem Gutachten der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums. Nach dessen Berechnungen zieht der Kohleausstieg einen geringeren Bedarf an zu fördernder Kohle nach sich als die LEAG-Pläne von 2017 vorsehen. Das Minus entspricht in etwa jener Menge Kohle, die noch unter Mühlrose liegt – und ist damit für die Mühlrose-Verteidiger verzichtbar.

Ramona Höhn ist vorsichtig geworden, sie fühlt sich von manchen falsch verstanden. „Wer gehen will, soll gehen. Wir möchten aber hierbleiben, die alte Dorfstruktur erhalten, eine Chance für Mühlrose. Wem gehört der Ort?“, fragt sie. Mit ihrem Lebensgefährten soll der Hof der Schwiegereltern ausgebaut werden. „Ich bin hier doch aufgewachsen“, sagt der 56-Jährige. Er hat Ausbaumonteur beim Braunkohlekraftwerk „Glück auf“ gelernt, später wechselte er in den Gerüstbau im Tagebau. Man muss angstfrei sein, wenn man an der gut 80 Meter hohen Abraumförderbrücke F 60 bei Wind und Wetter steht. Es ist eine typische Lausitzer Biografie – die Kohle ist Segen und Fluch.

Umsiedler gießen erste Bodeplatten

Der ehrenamtliche Bürgermeister Waldemar Locke kennt diese Lebenswege. Mit Martin Klausch, LEAG-Abteilungsleiter Infrastruktur, und LEAG-Pressesprecher Thoralf Schirmer wartet der 57-Jährige an der Baustellentafel im neuen Mühlrose. 41 Bauplätze gibt es hier im vier Kilometer entfernten Schleife. Auf der Bauplanung sind Dorfgemeinschaftshaus, Kriegerdenkmal, Glockenturm, Schwimmbad wie im alten Dorf geplant. Die Erschließung ist abgeschlossen, Straßen sind bereits angelegt, Medien im Boden verschwunden. In den kommenden Tagen gießen die ersten Umsiedler die Bodenplatten. „Unser Ziel ist es, das alte Mühlrose so lange wie möglich zu erhalten und zugleich dem neuen Mühlrose einen neuen Anker zu geben“, sagt Martin Klausch.

Er rechnet mit dem Ende der Umsiedlung bis zum 31. Dezember 2024. Ein Jahr später wird die heutige Straße, die Mühlrose an den Rest der Welt anbindet, sogar noch nach dem alten Stand der Planungen verschwunden sein. Die Straße gehört zum Teilfeld Nochten 1, für das es eine bergbaurechtliche Genehmigung für die Abbaggerung gibt.

„Das neue Revierkonzept liegt bis Ende des Jahres vor und wird zeigen, dass wir die Kohle unter Mühlrose – etwa 145 Millionen Tonnen – für den Betrieb des Kraftwerks Boxberg brauchen. Wir schauen nicht rein rechnerisch auf die Kohle, müssen Logistik, Transportwege und Qualitäten in unsere Planungen einbeziehen“, sagt LEAG-Pressesprecher Thoralf Schirmer. Jeder hat seine Argumente.

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Martin Klausch stemmt die Baupläne für das neue Mühlrose gegen den Lausitzer Wind auseinander. „Wir sind und bleiben mit allen in Mühlrose im Gespräch. Wir halten uns an die Verträge“, sagt der 40-Jährige. Er schätzt, dass Mühlrose etwa um 2030 „bergtechnisch in Anspruch genommen werden könnte“, sprich nach allen Genehmigungen die Abbaggerung beginnt. Am neuen weißen Schild mit der Aufschrift „Mühlrose“ bleibt er mit Waldemar Locke stehen. „Wenn man Neues anpackt, muss man Altes loslassen. Hier ist das neue Mühlrose“, sagt der Bürgermeister. Auch für ihn bedeutet der Neuanfang den Abschied vom Ort seiner Vorfahren. Mit seiner Familie und den Bienenvölkern will er als letzter Umsiedler der alten Heimat den Rücken kehren.

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