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Bischof: Versäumnisse im Umgang mit sexualisierter Gewalt

Sachsens evangelischer Landesbischof räumt Fehler seiner Kirche ein. Man habe zu langsam reagiert und so Fälle im Erzgebirge für Betroffene noch verschlimmert.

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Tobias Bilz, evangelischer Landesbischof des evangelischen Landeskirche Sachsens.
Tobias Bilz, evangelischer Landesbischof des evangelischen Landeskirche Sachsens. © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild (Archiv)

Pobershau. Der evangelische Landesbischof Tobias Bilz hat Versäumnisse seiner Kirche im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Konkret geht es um Fälle in der Gemeinde Kühnhaide-Pobershau. "Wir haben lange gebraucht, bis wir als Landeskirche richtig handlungsfähig waren", sagte er am Freitagabend in Pobershau im Erzgebirge. "In dieser Zeit haben die betroffenen Frauen auch Erfahrungen gemacht, die sie retraumatisiert haben. Das tut mir außerordentlich leid." Schutzkonzepte und Strategien zur Intervention seien nicht klar genug und notwendige Schritte noch nicht festgelegt gewesen, sagte Bilz.

Im konkreten Fall soll sich ein ehrenamtlicher Kirchenmusiker in den 1990er Jahren mehreren Mädchen zwischen damals 11 und 15 Jahren sexuell genähert haben. Dies war 2019 bekannt geworden. Seit Anfang dieses Jahres werden nun in Pobershau und damit erstmals in einer Gemeinde der evangelischen Landeskirche Fälle sexualisierter Gewalt unabhängig aufgearbeitet.

Am Freitagabend stellte sich die vierköpfige Kommission im Ort vor und informierte über ihre Aufgaben. Dabei soll nicht nur das genaue Ausmaß der Vorfälle aufgearbeitet werden. Es gehe auch darum, Strukturen aufzudecken, die das Ganze ermöglicht und begünstigt hätten, hieß es. Die Arbeit ist auf ein Jahr angelegt, für September ist ein Zwischenbericht geplant.

Das Bekanntwerden der Vorfälle sei "ein Schock" gewesen, betonte der örtliche Kirchenvorstand in einer Erklärung. Man stehe trotz Widerständen und Konflikten zu der Entscheidung, den Betroffenen zu glauben und die Geschehnisse öffentlich zu machen. "Liebe Betroffene, wir möchten Euch um Entschuldigung bitten - dafür, wo wir gefehlt oder weggesehen haben, wo wir uns in so vielen Punkten unserer Verantwortung nicht bewusst waren oder ihr nicht gerecht wurden." Ob die Betroffenen dem Beschuldigten vergeben würden, sei allein ihre Entscheidung.

Vergebung und Neuanfang sind noch nicht dran

Auch Landesbischof Bilz warnte vor vorschnellen Reflexen. "Das, was im Dunkeln bleibt, übt von dort her seine unheilvolle Wirkung ungebrochen aus", betonte er. "Was aber ans Licht und in die Verarbeitung kommt, kann auch bewältigt werden." Deswegen sei es nötig, sich auch nach Jahrzehnten solchen Vorfällen zu stellen. Auch wenn sie strafrechtlich verjährt sein mögen, verjähre die individuelle Schuld nicht.

Zwar könne es Vergebung und einen Neuanfang geben. Das könne aber nicht am Anfang, sondern erst am Ende eines Weges stehen, sagte Bilz. Zugleich betonte er, dass auch Anerkennungsleistungen ein wichtiger Teil der Aufarbeitung seien. Er selbst empfinde bis heute Scham und Betroffenheit, dass in seiner Kirche solche Vorfälle möglich seien.

Die Fälle in Pobershau sind nicht die einzigen, die derzeit die evangelischen Christen in Sachsen aufwühlen. Erst im Dezember wurden Übergriffe eines früheren Jugendwarts aus Chemnitz aus den 1960er und 1970er Jahren öffentlich. Verantwortlichen der Landeskirche waren diese nach eigenen Angaben schon mindestens seit 2012 bekannt. Der 2013 Verstorbene soll gezielt Seelsorgegespräche genutzt haben, um junge Männer sexuell und geistlich zu missbrauchen, wie es hieß. Zu diesem Fall hat die Landeskirche eine wissenschaftliche Aufarbeitung angekündigt. (dpa)