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Wie die Stiftung Lichtblick einem Brandopfer in Sachsen hilft

André Schulze hat alles verloren, als ihm das Dach über dem Kopf wegbrannte. Die Stiftung Lichtblick hilft dem jungen Mann aus Bautzen.

Von Karin Großmann
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Feuerwehr und Rettungsdienste konnten das Schlimmste verhindern, als es Ende August im Bautzener Osten brannte. André Schulze wohnte direkt unterm Dach.
Feuerwehr und Rettungsdienste konnten das Schlimmste verhindern, als es Ende August im Bautzener Osten brannte. André Schulze wohnte direkt unterm Dach. © Feuerwehr Bautzen

Es brennt! Es brennt! Es brennt! Den Ruf kriegt André Schulze nicht aus dem Kopf. Früh um vier wird er von Nachbarn geweckt. Der Sicherheitsmann kommt von der Schicht, die Postfrau will zum Dienst, beide hören sie einen Knall. Sie entdecken Feuer im Dachstuhl. Es breitet sich eilig aus. Schulze wohnt direkt darunter. Er weckt die Freundin und den Freund, die bei ihm übernachtet haben. Zieht euch an, wir müssen raus! Er streift sich ein T-Shirt über, die Arbeitshose, steigt in die Sandalen im Flur und greift das Nächstbeste, was dort liegt, Handy und Zigaretten. Max entwischt ihm. Das ist der Kater. Panisch rennen sie die zwei Etagen hinunter und aus dem Haus. Nun riecht man den Brand auch. Man hört etwas klirren. Als Schulze hinauf zum Dach schaut und die Flammen sieht, bricht er zusammen.

Wenn der 35-Jährige heute darüber spricht, geht das nur stockend. „Das war so ein krasser Anblick“, sagt er, „das wünscht man noch nicht mal seinem schlimmsten Feind.“ Immer wieder stützt er den Kopf in die Hände. Vor jedem Satz holt er tief Luft. Erzählt, wie die Freundin noch mal hinauflief, um den Kater zu retten. Wie ein gehbehinderter Mann aus dem Haus getragen wurde. Wie Feuerwehr und Rettungsdienst das Schlimmste verhinderten. Seit jenem Freitag Ende August ist für André Schulze nichts mehr wie vorher. Das ist keine Floskel. Das ist so. Er hat alles verloren. Auch die innere Ruhe. Dabei hatte er sich doch gerade freigekämpft, hatte sich aufgerappelt, sich aufgerafft, wie immer man den neuen Anfang nach einem langen Tief nennen will. Ein Jahr lang war alles gut gegangen. Alle Zeichen standen auf Hoffnung.

Britt Witschel hat daran Anteil. Schulze ist ihr Klient. Sie kümmert sich als Sozialarbeiterin seit drei Jahren um ihn. Das Gespräch findet an ihrem Tisch bei der Arbeiterwohlfahrt in Bautzen statt. Der Unglücksort liegt nur zehn Minuten weit weg. Um das Haus steht ein hohes Gerüst. Eine Plane ersetzt das Dach. Ruß und Löschwasser zerstörten die alte Wohnung. Die neue sei noch zu chaotisch, sagt Schulze. Britt Witschel nickt. An jenem Morgen, sagt sie, war sie gerade auf dem Weg zur Arbeit. Im Autoradio hörte sie von einem Brand im Bautzener Osten. Es ist ein größeres Viertel, eine längere Straße, trotzdem rief sie an. Schulze ging auch gleich ran. Das war halb sieben. Sie drehte um und fuhr hin. Die DDV-Firma Postmodern von gegenüber hatte die Betroffenen kurzerhand aufgenommen. Der Arbeiter-Samariter-Bund versorgte sie mit Getränken und belegten Brötchen. Der Oberbürgermeister kam. Er lobte später die Einsatzkräfte, Helferinnen und Helfer. Zur Brandursache kann die zuständige Polizeidirektion Görlitz bis jetzt noch keine Angaben machen. Die Untersuchung dauert an, heißt es auf SZ-Anfrage. Die Ermittlungen würden in alle Richtungen fortgeführt, „technischer Defekt, fahrlässige oder vorsätzliche Begehungsweise“.

So können auch Sie Menschen in Not helfen

  • Die Stiftung Lichtblick hilft in Not geratenen Menschen in unserer Region, die keine andere Unterstützung finden.
  • Die Spenden können Sie online überweisen: www.lichtblick-sachsen.de/jetztspenden
  • Der Überweisungsbeleg gilt bis 300 Euro als Spendenquittung. Für größere Überweisungen senden wir bei Angabe einer Adresse eine Quittung.
  • Hilfesuchende wenden sich bitte an Sozialeinrichtungen ihrer Region wie Diakonie, Caritas, DRK, Volkssolidarität, Jugend- und Sozialämter.
  • Erreichbar ist Lichtblick telefonisch dienstags und donnerstags von 10 bis 15 Uhr unter 0351/4864 2846, [email protected]; Stiftung Lichtblick, 01055 Dresden. Mehr Informationen: www.lichtblick-sachsen.de
  • Konto-Nummer: Ostsächsische Sparkasse Dresden, BIC: OSDDDE81, IBAN: DE88 8505 0300 3120 0017 74

André Schulze kommt zunächst bei der Freundin unter. Doch die Last, die sie tragen, wird zur Belastung. Jeder hat mehr mit sich zu tun. Sie trennen sich. Er zieht zu seiner Mutter. Sie ist nach einem Radunfall krankgeschrieben. Acht Wochen lang schläft er im Wohnzimmer. Einmal darf er wie die anderen Mieter kurz in die alte Wohnung. Er holt Teller und Tassen heraus. Das Geschirr ist schwarz, doch es hat den Brand überstanden. Die Möbel sind nicht zu retten, genauso wenig wie Fernseher, Kaffeemaschine und Mikrowelle, Bettwäsche und Kleidungsstücke. Der Rußgestank geht nicht wieder raus. Bis die Wohnungsbaugesellschaft ihren Mietern eine neue Unterkunft vermittelt, vergeht die Zeit. „Ich sollte gegenüber einziehen“, sagt Schulze, „aber da hätte ich mein Unglück immer vor Augen gehabt.“ Er bekommt die Schlüssel für eine Wohnung eine Ecke weiter. Da ist es Anfang November. Die Vormieterin zog ins Betreute Wohnen und überließ ihm einige Möbel, sogar die Waschmaschine. Darüber sei er froh gewesen. Denn er kann nicht einfach losgehen und sich frisch eindecken mit allem, was man zum Leben braucht. André Schulze lebt von Bürgergeld. Allein der neue Brausekopf kostet siebzig Euro.

Das Jobcenter bewilligte einen Zuschuss für die Erstausstattung. Das reichte bei Weitem nicht. Britt Witschel von der Arbeiterwohlfahrt bat die Stiftung Lichtblick um Hilfe. „Die Zusage kam schnell und unbürokratisch.“ Mit dem gespendeten Geld konnte André Schulze eine Rollmatratze kaufen, eine gebrauchte Küche und ein Stück Schrankwand. Die Caritas und das Deutsche Rote Kreuz betreiben in Bautzen Sozialkaufhäuser für Bedürftige. „Ich bin dankbar für die Unterstützung“, sagt er. Das Geschirr sei nun gesäubert und eingeräumt. Ein neuer Anfang. Erst mal aber hat er sich schwer erkältet. Der Fototermin fällt aus.

Mit Aufhören und Anfangen hat André Schulze mehr Erfahrung als mancher andere in seinem Alter. Er erzählt, dass er mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche zu kämpfen hat und die Schule in der neunten Klasse verließ. Die berufsvorbereitende Ausbildung warf er nach einem halben Jahr hin, „jugendlicher Leichtsinn“, sagt er. Die Umschulung zum Stahl- und Gerüstbauer beendete das Arbeitsamt vorzeitig. Er sei dem Druck nicht gewachsen, hieß es. Zuletzt arbeitete er für eine Zeitfirma in der Kunststoffherstellung. Die Arbeit im Lager gefiel ihm. Der Alkohol gefiel ihm noch mehr. Ein Gläschen in Ehren … Bei Familienfeiern, Firmenempfängen, Freundesrunden, fast überall wird getrunken. Das gehört in der Gesellschaft zum guten Ton. Man darf nur nicht auffällig werden. Mit 22 ist André Schulze zu Hause ausgezogen und in eine Gruppe geraten, wo der Tag schon mit Bier begann. „Ich wollte ewig nicht wahrhaben, dass ich ein Problem habe“, sagt er. Britt Witschel half, das Problem zu erkennen – als eine Krankheit, die nicht wie ein Schnupfen von selbst verschwindet. „Nicht wenige greifen zur Flasche, um Stress zu bewältigen, um den Alltag auszublenden oder um sich zu trösten“, sagt sie. Inzwischen sei Drogenkonsum allerdings das größere Problem.

Dass André Schulze offen über seine Suchtkrankheit sprechen kann, sei ein Riesenschritt, sagt sie. Nach einer Entziehungskur war er das, was man trocken nennt. Ein reichliches Jahr lang trank er keinen Alkohol. Das Jobcenter vermittelte ihm eine Arbeit. Er lernte wieder, seinen Tag zu strukturieren, baute seine Schulden ab und nahm es hin, dass sein Freundeskreis kleiner wurde. „Wenn man nicht mittrinkt, gehört man irgendwie nicht mehr dazu.“ Er wollte nicht mit in die Kneipen gehen. Manchmal spazierte er eine halbe Nacht lang rauchend durchs Viertel. André Schulze hielt auch dann durch, als seine 17-jährige Tochter an einem Herzfehler starb. Als sein Vater an Krebs starb. „In solchen Situationen können selbst stabile Menschen ins Straucheln geraten“, sagt Britt Witschel.

Dann aber brennt ihm das Dach überm Kopf. Auf die erste Panik folgt Trostlosigkeit. Verzweiflung. Schulze weiß nicht, was wird. An einem dieser Tage geht er los. Kauft zwei Flaschen Schnaps. Danach fehlt ein Stück Film. Aber sobald er wieder klar denken kann, ruft er seine Betreuerin an. Er beichtet den Rückfall. Das, sagt Britt Witschel, rechnet sie ihm hoch an. „Die Unsicherheit hat mich wahnsinnig gemacht“, sagt er. „Ich habe nicht gewusst, wo ich anfangen soll, wo ich hin soll.“ Jetzt weiß er es. André Schulze lässt sich einweisen in eine Suchtklinik. Die Kur beginnt am 20. Dezember. In der Weihnachtszeit? Gerade deshalb, sagt er. Weihnachten sei für Leute wie ihn besonders gefährlich. Auf den Marktplätzen duftet der Glühwein.

Nach der Kur wird er in die neue Wohnung zurückkehren. Hoffentlich eine Arbeit finden. Es wird auch dann noch vieles fehlen für ein perfektes Zuhause. Aber Kater Max wird sich freuen. Bis dahin lebt er bei Freunden.