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Bekommt Ohorn die erste AfD-Bürgermeisterin?

Rund 40 sächsische Kommunen wählen neue Bürgermeister. Bereits am Sonntag könnte eine AfD-Kandidatin gewinnen - ein Novum in Deutschland.

Heike Lotze (links) könnte am Sonntag in Ohorn die erste gewählte Bürgermeisterin der AfD in Deutschland werden. Amtsinhaberin Sonja Kunze hält dagegen.
Heike Lotze (links) könnte am Sonntag in Ohorn die erste gewählte Bürgermeisterin der AfD in Deutschland werden. Amtsinhaberin Sonja Kunze hält dagegen. © Fotos (Montage): Matthias Schumann, René Plaul

Dresden. Für eine kurze Zeit durfte man in Sachsen schon einmal Rathausduft schnuppern. 2016 war das. Damals wechselte der Bürgermeister der vogtländischen Gemeinde Reuth von der DSU zur AfD, doch fünf Wochen später verlor der Ort seine Eigenständigkeit und die AfD ihren bis dahin einzigen Bürgermeisterposten. Immerhin 18 Monate währte die Regentschaft eines AfD-Bürgermeisters im schwäbischen Burladingen, der allerdings im Streit mit seinem Gemeinderat sein Amt vorzeitig aufgab.

Dann kam Görlitz. Als Ende Mai vorigen Jahres der Polizeikommissar Sebastian Wippel die erste Runde der Oberbürgermeisterwahl in der Neißestadt gewann, war das Ziel ganz nah: dass einer der AfD langfristig Platz nimmt auf dem Chefsessel eines Rathauses. Wippel scheiterte dann doch, im zweiten Durchgang unterstützen fast alle anderen Konkurrenten den siegreichen CDU-Mann Octavian Ursu

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Absolut chancenlos war der AfD-Kandidat fürs Oberbürgermeisteramt in Leipzig vor sieben Monaten. Sogar in Naunhof, wo man bei der Kommunalwahl 2019 stärkste Kraft geworden war, ging die Partei leer aus. Erst am vergangenen Sonntag zerplatzte der Rathaus-Traum in Hoyerswerda. Obwohl die AfD bei der Landtagswahl 2019 dort die meisten Direktstimmen gewann, landete ihr Kandidat im ersten Durchgang mit deutlichem Rückstand auf Rang drei. Und muss die Pressestelle der Partei in Berlin weiter lapidar feststellen: „Die AfD stellt zurzeit keinen Oberbürgermeister und Bürgermeister.“

Heike Lotze hat im Wahlkampf auch mit Flyern geworben.
Heike Lotze hat im Wahlkampf auch mit Flyern geworben. ©  PR

Am kommenden Sonntag schon könnte sich das ändern: Im kleinen Ohorn im Landkreis Bautzen tritt die parteilose Amtsinhaberin Sonja Kunze gegen die Anwältin Heike Lotze von der AfD an. Die Juristin hat gute Siegchancen. Die gebürtige Chemnitzerin ist bereits Kreisrätin, sie arbeitete in den 1990er-Jahren als Geschäftsführerin auf Schloss Albrechtsberg in Dresden und später in der Abteilung Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Görlitz. Seit 2006 ist sie selbstständig. Bei der Landtagwahl war ihre Partei im Ort die stärkste Kraft, auf Facebook hat Lotze 1.672 Likes gesammelt – bei 1.970 Wahlberechtigten. Ihre Rivalin hingegen ist in den sozialen Medien nicht unterwegs.

Dirk Neubauer ist einer der letzten SPD-Bürgermeister Sachsens. Er will das Rathaus in Augustusburg gegen die AfD verteidigen.
Dirk Neubauer ist einer der letzten SPD-Bürgermeister Sachsens. Er will das Rathaus in Augustusburg gegen die AfD verteidigen. © dpa

Auch im mittelsächsischen Augustusburg wird es spannend. Amtsinhaber Dirk Neubauer ist einer der wenigen Bürgermeister, die die SPD in Sachsen noch vorweisen kann. Im Wahlkampf unterstützten ihn der Landtagsabgeordnete Frank Richter und Wirtschaftsminister Martin Dulig. Auch sein ärgster Konkurrent, der Kfz-Mechaniker Mike Moncsek, holte Politprominenz in die Kleinstadt: AfD-Bundessprecher Tino Chrupalla war da, Sachsens Parteichef Jörg Urban und der EU-Abgeordnete Maximilian Krah. Moncsek war erst mit Ablauf der Einreichfrist für die Wahlunterlagen angetreten. Bei der Landtagswahl holte seine Partei fast ein Drittel der Direktstimmen in Augustusburg. Auf Facebook führt Moncsek knapp mit 995 Abonnenten vor Neubauer mit 909.

Mike Moncsek möchte als Bürgermeister ins Rathaus von Augustusburg einziehen.
Mike Moncsek möchte als Bürgermeister ins Rathaus von Augustusburg einziehen. © FP/Eckardt Mildner

Die sächsische AfD hat im Wahlherbst 2020 durchaus weitere Kastanien im Feuer. In Arnsdorf bei Dresden zum Beispiel. Dort kandidiert Detlef Oelsner für die AfD, obwohl er nicht einmal Parteimitglied ist. Dennoch hat der frühere CDU-Mann beste Siegaussichten. Vielleicht weil er zu jenen vier Männern gehörte, die 2016 einen psychisch kranken Flüchtling vor einem Supermarkt an einen Baum fesselten? Schon bei der Kommunalwahl Ende Mai 2019 holte kein anderer Kandidat im Ort so viele Stimmen wie er. Seine Konkurrenten kommen von der CDU und dem Bürgerforum. 

Beim Prozess um den gefesselten Flüchtling von Arnsdorf war auch Detlef Oelsner (2. v. r.) angeklagt. Das Verfahren wurde nach wenigen Stunden gleich am ersten Verhandlungstag eingestellt.
Beim Prozess um den gefesselten Flüchtling von Arnsdorf war auch Detlef Oelsner (2. v. r.) angeklagt. Das Verfahren wurde nach wenigen Stunden gleich am ersten Verhandlungstag eingestellt. © Archiv: Matthias Schumann

In Schleife im Landkreis Görlitz misst sich der CDU-Kandidat und derzeitige Amtsverweser Jörg Funda mit Zimmerermeister Matthias Lampe. Auch der hatte für die AfD bereits bei der Gemeinderatswahl die meisten Stimmen geholt. In Stauchitz im Landkreis Meißen will AfD-Bewerber Enrico Barth die Gemeindeverwaltung übernehmen. Eigene Kandidaten hat die AfD zudem in Steinigtwolmsdorf und in Cunewalde im Landkreis Bautzen sowie in Jöhstadt und Thum im Erzgebirgskreis. In Ottendorf-Okrilla fiel der zweite Wahlgang im März wegen Corona aus, deshalb muss nun Anfang Oktober neu gewählt werden. Der AfD-Bewerber war in der ersten Runde auf Rang drei gelandet. 

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme will in Chemnitz Oberbürgermeister werden.
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Ulrich Oehme will in Chemnitz Oberbürgermeister werden. ©  PR

In Chemnitz, wo um die Nachfolge der SPD-Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig gerungen wird, liegt AfD-Kandidat Ulrich Oehme der jüngsten Umfrage der Freien Presse zufolge auf Rang drei. Vor dem Versicherungsmakler und Bundestagsabgeordneten, der radikal tickt, rangieren derzeit CDU-Bewerberin Almut Patt und SPD-Finanzbürgermeister Sven Schulze. In einer Stichwahl könnte Oehme zumindest auf die Stimmen zählen, die zuvor an den rechtsextremen Kandidaten von Pro Chemnitz gegangen waren. Auch in Zwickau hört mit Pia Findeiß eine SPD-Oberbürgermeisterin auf. Anders als CDU und Linken gelang es den Sozialdemokraten dort allerdings nicht, einen eigenen Kandidaten aufzustellen. Für die AfD geht der Fraktionsgeschäftsführer Andreas Gerold ins Rennen. Ein vierter Bewerber kommt von der Gruppe Bürger für Zwickau.

Fast zwei Drittel der 419 sächsischen Bürgermeister waren Ende 2019 entweder als Einzelbewerber oder als Kandidat für die CDU angetreten.
Fast zwei Drittel der 419 sächsischen Bürgermeister waren Ende 2019 entweder als Einzelbewerber oder als Kandidat für die CDU angetreten. © Statistisches Landesamt

Zwischen dem 13. September und dem 1. November finden in Sachsen 37 Bürgermeisterwahlen statt. Die insgesamt 419 sächsischen Rathaus- und Gemeindechefs hatten ihre Posten bis Ende 2019 überwiegend als Einzelbewerber geholt. Auf Platz lagen die CDU-Inhaber mit 32,5 Prozent. Aus den Reihen kommunaler Wählervereinigungen kamen 24,1 Prozent. Nur 3,8 Prozent regierten auf dem Ticket der SPD, bei der FDP waren es 2,1 Prozent. Die einzige grüne Rathauschefin Sachsens sitzt im erzgebirgischen Schlettau. 

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Update vom 14.09.2020, 11:51 Uhr: In einer ersten Version hatten wir geschrieben: "Sogar in ihren Hochburgen Machern und Naunhof, wo man die Mehrheit im Stadtrat hat, ging die Partei leer aus." Das ist falsch. Zwar wurde die AfD bei der Kommunalwahl 2019 in Naunhof stärkste Kraft, sie hat deswegen aber keine Mehrheit im Parlament. In Machern landete sie nach der CDU sowie "Wir sind Machern" auf Rang drei. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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