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So leben die Imerlishvilis nach der Rückkehr in Pirna

Im Sommer wurde die Familie nach Georgien abgeschoben. Heute sind die Eltern und ihre Kinder zurück im alten Leben in Pirna. Geblieben ist die Angst.

Von Franziska Klemenz
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Hier wollen sie bleiben: Die Familie Imerlishvili ist zurück in Pirna.
Hier wollen sie bleiben: Die Familie Imerlishvili ist zurück in Pirna. © kairospress

Luka weiß, wie er die Ruhe vor dem Sturm am besten nutzt. Rare Stunden, in denen das Zimmer mal nur ihm gehört. Der Zehnjährige hockt vor dem Fernseher, zockt Autorennen auf der Spielkonsole. Stockbetten, Plüschzebras und Legosteine rahmen das Kinderzimmer in einer Pirnaer Altbauwohnung. Ansonsten nichts. Kein Rennen, kein Rufen, nur Ruhe.

Die ist vorbei, sobald die jüngeren Geschwister aus dem Hort kommen. Dann kehrt der Sturm, kehrt die Normalität zurück, die diesen Sommer vielen schmerzlich fehlte. Mehr als zwei Monate waren Ilia und Ilona Imerlishvili mit ihren sieben Kindern weg. Abgeschoben, nach Georgien. Nach acht Jahren in Pirna, wo fünf der sieben Kinder auf die Welt gekommen sind, die Älteste bald ihr erstes Gymnasiumszeugnis erhalten hätte. In der Nacht auf den 10. Juni klingelte die Polizei bei ihnen, brachte sie nach Leipzig, von wo ein Abschiebeflug in die georgische Hauptstadt Tiflis abhob.

Im Sommer wurde die neunköpfige Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Georgien abgeschoben.
Im Sommer wurde die neunköpfige Familie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion nach Georgien abgeschoben. © Franziska Klemenz

Den Asylantrag der Familie hatte die Ausländerbehörde abgelehnt, der Antrag auf einen Aufenthaltstitel wegen „nachhaltiger Integration“ lief zum Zeitpunkt der Abschiebung noch. Sachsens verantwortliche Behörden und das Innenministerium beharrten darauf, dass sie rechtmäßig gehandelt hätten, Ministerpräsident Michael Kretschmer sagte, ihm seien die Hände gebunden, wenn „Recht und Gesetz“ durchgesetzt würden.

Was folgte, waren Verzweiflung und Protest. Nachbarn kämpften so engagiert für die Rückkehr der Familie, dass sie den sächsischen Förderpreis für Demokratie erhielten. Am 13. August verkündete das Oberverwaltungsgericht Bautzen: Die Abschiebung war rechtswidrig. Es argumentierte, dass der noch laufende Antrag Erfolgschancen gehabt hätte, weil die zwei ältesten Geschwister Lika und Luka seit Jahren erfolgreich die Schule besucht hatten.

69 Tage blieb die Vier-Raum-Wohnung in Pirna still, wirkte mit Spielzeug, Hausaufgaben-Zetteln, Marienkäfer-Jacken aber, als galoppierte jeden Moment eine Kinderherde rein. Rechtzeitig zum Schuljahresbeginn kehrte die Familie zurück. Bei der Behörde läuft nun wieder der Antrag auf nachhaltige Integration. Die Imerlishvilis haben Lohnnachweise, Geburtsurkunden, Reisepässe eingereicht. „Es ist so, als wären wir nur im Urlaub gewesen“, sagt Ilona Imerlishvili. „Sie wollen, dass wir das so sehen. Aber das ist nicht so. Trotzdem will ich, dass wir weiter leben und alles für unsere Kinder möglich machen.“

Dass sie zurückkehren durften, ist für sie ein Geschenk

Sachsens Innenministerium verweist bei Fragen auf die oberste Ausländerbehörde, die Landesdirektion. Die erteilt zu laufenden Verfahren „keine Einzelheiten“. Die zuständige Ausländerbehörde prüfe die „Anträge entsprechend der Entscheidung des Sächsischen Oberverwaltungsgerichts“. Die Landesdirektion hat in diesem Jahr bis Ende November angewiesen, dass 272 Menschen von Sachsen nach Georgien abgeschoben werden, darunter viele Kinder. Zurückkehren konnten die wenigsten. Zahlen zu Wiedereinreisen liegen der Behörde nach eigener Aussage nicht vor. Auch die Kosten der Abschiebungen und Rückhol-Aktionen könne man nicht benennen. „Sie werden grundsätzlich nur ermittelt, wenn (…) eine Aussicht besteht, diese wieder einbringen zu können. Das ist bei Familie Imerlishvili aus rechtlichen Gründen nicht der Fall.“

Zieht die Behörde aus dem Fall Imerlishvili Schlüsse für die Zukunft? Wird künftig anders umgegangen mit Familien, deren Aufenthaltstitel ungeklärt ist? „Aus der Entscheidung können bis zu einer weiteren rechtlichen Abklärung über den Einzelfall hinaus keine allgemeinen Ableitungen für die Vollzugspraxis getroffen werden“, heißt es.

Der Opa begrüßt seine Enkelin nach der Ankunft in Berlin. Ein Gericht hatte die Entscheidung der Landesdirektion gekippt, die Familie durfte nicht abgeschoben werden.
Der Opa begrüßt seine Enkelin nach der Ankunft in Berlin. Ein Gericht hatte die Entscheidung der Landesdirektion gekippt, die Familie durfte nicht abgeschoben werden. © privat

Während Luka im Jungen-Zimmer zockt, blubbert und zischt es in der Küche. Norair „Noro“ Martirosov, Küchenchef eines Italieners in Pirna, kocht für seine liebsten Gäste: seine Enkel. Er wendet Kartoffelspalten, schraubt Gewürzgläser auf, lässt Spaghetti in einen Topf gleiten. „Mamma mia, auf der Arbeit koche ich mit Gas.“

Ilia, Ilona und ihre älteste Tochter Lika sitzen um einen Adventskranz mit goldenen Kerzen. Rote Kugeln und selbst bemalte Papier-Engel baumeln von den glitzernden Zweigen des Weihnachtsbaums, Flaggen von Deutschland und Georgien zieren die Wohnzimmerwand. „An Georgien vermisse ich nichts, nur meine Familie“, sagt Lika. „Die Menschen dort haben große Herzen, obwohl sie so arm sind.“ Die Elfjährige wiederholt gerade die fünfte Klasse des Gymnasiums. Ihre Mutter stellt ein Lied auf ihrem Handy an, zu dem Lika gern singt. „Stand up“ von Cynthia Erivo, die Hymne eines Films über flüchtende Sklaven. „Ich bin die größte Unterstützerin der ‚Black Lives Matter‘-Bewegung“, sagt Lika und singt: „So I’m gonna stand up, take my people with me, together we are going to a brand new home.“ Ihre Mutter faltet die Hände, schließt die Augen und lächelt, wiegt ihren Kopf im Takt. Lika verstummt. Ihr Vater schüttelt den Kopf. „Ich verstehe nicht, warum es jemandem peinlich sein kann, vor anderen zu singen, wenn man so gut singen kann“, sagt er. „Ich singe wie ein Esel und es ist mir vor niemandem peinlich.“ Ilias Lieblingsband ist Rammstein. Er kichert, singt.

In Georgien lachte er selten. „Es war zehn Mal so schwer, als wenn es mir nur alleine passiert wäre. Es geht um die Zukunft meiner Kinder. Deutschland ist ein korrektes Land, wenn du klug und fleißig bist. In Georgien ist es egal, wer du bist. Du hast jeden Tag eine gefährliche Situation.“ Dass sie zurückkehren durften, bezeichnet er als großes Geschenk. „Aber das hat uns nicht die Ausländerbehörde oder die Landesdirektion möglich gemacht. Das haben uns Menschen möglich gemacht, die uns unterstützen. Und das Gericht.“

„Papa, ich dachte, die Polizei hat dich erschossen“

Reich sind er und seine Familie nicht, sie holen Obst und Gemüse oft von der Tafel. Ilia konnte in seinen alten Job als Pfleger in Vollzeit zurückkehren. Sein Chef hat die Zeit in Georgien als Urlaub verrechnet, um ihn zu halten. Ilia übernimmt oft Nachtschichten, verdient damit Zuschläge. Auch Ilona arbeitet dort seit Oktober 130 Stunden im Monat. Kindergeld erhält die Familie nicht. Das gibt es dem Aufenthaltsgesetz nach erst bei einem Bleibe-Titel. „Wir müssen los“, sagt Ilona und knotet den Gürtel ihres Mantels zu. Schlüssel klingeln in ihren Händen. Genau neun Leute passen in den VW-Bus, der über nasse Straßen rauscht. Weihnachts-Girlanden schmücken Laternen und Häuser. „Das ist die Ausländerbehörde“, sagt Ilona und zeigt auf ein gelbes Haus mit steinernen Reliefkanten. „Ich liebe die Gegend hier, weil sie so schön ist.“

Fünf Kinder strömen aus der Glastür des Horts. Die vierjährige Katharina, deren Mützen-Bommel über ihren Anorak hängen, strahlt ihre Mama an und schenkt ihr ein Bild. Ihr Bruder schlingt seine Arme um die Mutter. Ilona klappt Sitze vor und zurück, schnallt Kinder an. Gabriel springt auf den Fahrersitz, greift das Lenkrad. Lisa weint. „Hunger!“ Ilona lächelt. „Jeden Tag das Gleiche.“

Zu Hause verteilt Großvater Noro Spaghetti auf sieben Tellern. Während die Familie in Georgien war, versuchten die Eltern, den Kleinen zu vermitteln, dass sie nur in einer Art verkorkstem Urlaub seien. Vor Kurzem haben sie erfahren, wie viel die Kinder doch mitbekommen haben. Die drei Kleinsten spielten im Wohnzimmer Playmobil. „Ich dachte, sie sitzen einfach nur zusammen und spielen“, sagt Ilia. Er zeigt ein Video, das er aufgenommen hat. Die dreijährige Lisa guckt ihre Geschwister aus runden blauen Augen an, es sprechen vor allem die vierjährige Katharina und ihr Bruder Gabriel, der fünf Jahre ist.

„Dann kam die Polizei, dann kam noch eine andere Polizei.“
„Lika hat ganz doll geweint.“
„Mutti hat auch geweint.“
„Und dann sind wir mit dem Bus gefahren in den Flughafen.“
„Dann ist Papa ausgestiegen und hat geschrien.“

Ilia wischt sich über das Gesicht. „Wenn du deine Kinder so reden hörst, ist es doppelt traurig.“ In der Abschiebungsnacht hat er im Affekt versucht, sich aus dem Fenster im ersten Stock zu stürzen. Die Polizei steckte ihn in eine Zwangsjacke, brachte ihn separat zum Flughafen, wo er stundenlang von der Familie getrennt auf die Abschiebung wartete. Bei den Nachbarn sprach ein Polizist vom „schlimmsten Einsatz in 30 Jahren“. In Georgien sagte Gabriel: „Papa, ich dachte, die Polizei hat dich erschossen.“ Vor den Kindern will Ilia über das Thema wenig sprechen. „Es bleibt immer bei uns. Das kann man nicht mehr wegmachen. An manchen Tagen kommen Erinnerungen und Depression.“ Nach der Rückkehr haben die Kinder geschrien, wenn sie die Polizei sahen. „Wir haben gesagt: ‚Die Polizei macht nur ihren Job.“

Leicht haben es die Imerlishvilis nicht, sie leben sparsam und holen sich oft Essen von der Tafel.
Leicht haben es die Imerlishvilis nicht, sie leben sparsam und holen sich oft Essen von der Tafel. © kairospress

Gabeln klimpern auf Tellern, die Kinder mampfen Spaghetti. Noro huscht um den Tisch. „Wacho, was ist das?“, fragt er und zeigt auf eine Nudel auf dem Boden. „Das war Luka!“ „Nein, ich war es nicht!“ Lika setzt sich an einen freien Platz. Lika rollt mit den Augen. „Ich muss meinen Geschwistern dringend beibringen, was Nein bedeutet“, sagt sie. Als älteste Schwester übernimmt die Elfjährige oft Eltern-Aufgaben. Klarer als alle Geschwister hat sie in Georgien verstanden, was passiert ist. Auf einem Video weinte und schrie sie: „Die haben uns wie Tiere behandelt!“In der Küche streut Ilona Mehl über den Küchentisch, knetet Teig flach, streut Schafskäse darauf und schließt ihn in den Teig. „Man muss das mit den Händen machen, man muss fühlen, ob der Käse gut verteilt ist.“ Sie bereitet Chatschapuri vor, georgische Pizza. Ilia schneidet Salat. „Ich will nicht wieder nach Georgien, aber Ilona und meine Kinder möchten dort mal für Urlaub hin, lachen und glücklich sein“, sagt er. „Dort war es kein Urlaub. Jeden Tag nur Stress.“

Die Erwachsenen essen immer in einer zweiten Schicht. Die Kinder springen auf, wuseln in alle Ecken. Zu aufblasbaren Hüpf-Pferden und Puppen, Spielkonsolen und Plüsch-Elefanten. Die Ruhe von Luka ist vorbei, seine Brüder toben durch das Zimmer, das die vier Jungs sich teilen, spielen Fußball mit einem Luftballon. „Hey!“, ruft Ilia und erinnert an ein Punkte-System, das er vor Kurzem eingeführt hat. Alle Jungs-Namen stehen auf einem Zettel, darunter die Ziffern eins bis zehn. „Sie dürfen nicht schreien, müssen lieb sein, dürfen zu Hause nicht Fußball spielen, müssen Hausaufgaben machen“, erklärt Ilia. Für jedes Vergehen streicht er einen Punkt durch. Vor Weihnachten hat er das System eingeführt. Bei zehn verstrichenen Punkten, so die Drohung, fällt das Geschenk weg. „Das Punktesystem funktioniert so gut, ich will es ab jetzt weiter machen und mir jeden Monat etwas Neues überlegen.“

Die Erinnerungen verblassen nur langsam

Kerzen werfen ihr Licht auf den Esstisch, Ilona teilt die goldbraun gebackene Chatschapuri in Achtel. Noro erzählt von seiner Angst, ein ähnliches Schicksal zu erleiden wie Tochter, Schwiegersohn und Enkel. Der Antrag auf Asyl, den er 2013 nach seiner Ankunft in Deutschland gestellt hat, läuft noch immer. Einen Titel hat er noch nicht. Katharina unterbricht die Situation. „Opa muss bei uns slafen“, sagt sie und strahlt ihn an.

Ilia hofft auf einen Aufenthaltstitel, der sich verlängern kann, irgendwann vielleicht dauerhaft gilt. „Ich habe keine Angst, dass sie uns noch mal abschieben“, sagt er. „Meine Familie soll bleiben und irgendwann machen meine Kinder es wie gute Bürger und helfen anderen Menschen. Man muss als guter Mensch aufwachsen, nicht wie eine Ratte, um selber eine gute Person zu werden.“ Katharina tippt ihren Vater an. „Ich bin keine Katze“, sagt sie. Ilia lacht. An diesem Abend kann er zu Hause bleiben, er hat keine Nachtschicht. Ilona geht einem neuen Ritual nach. Jeden Abend schaltet sie die Klingel aus, damit die Polizei sie und die Kinder nicht wecken kann. „Wenn Ilia bei der Nachtschicht arbeitet, ist es noch schlimmer. Lika schläft dann immer bei mir, weil ich Angst kriege.“ Manchmal wachen die Kinder um ein Uhr nachts auf und schreien. Sie wissen, dass die 69 Tage im fremden Land fernab der Heimat kein bloßer Albtraum waren. Aus Georgien bleiben der Familie Souvenir-Magneten am Kühlschrank. Und Erinnerungen, die nur sehr langsam verblassen.