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Die Retter des Sachsenhuhns

Das Sachsenhuhn ist vom Aussterben bedroht. Enthusiasten aus der Lausitz wollen die Rasse retten. Teil 1 unserer neuen Natur-Serie.

Echte Raritäten: Martin Schubert mit seinen schwarz-weißen Sachsenhühnern. „Gesperbert“ heißt das in der Fachsprache.
Echte Raritäten: Martin Schubert mit seinen schwarz-weißen Sachsenhühnern. „Gesperbert“ heißt das in der Fachsprache. © Thomas Kretschel

Eine Henne und ein Hahn wandeln ruhig im Stall umher. Ihr Gefieder hat eine ungewöhnliche, schöne Farbe, irgendwo zwischen einem goldenen Gelb und dem hellen Braun eines Milchkaffees. Zwei Sachsenhühner, wie sie im Zuchtbuch stehen: mittelgroß, mit sanft ansteigendem Rücken und tütenförmigem Schwanz. Diese hier gehören zum gelben Farbschlag. Sachsenhühner gibt es außerdem in Weiß, in Schwarz und schwarz-weiß gefleckt. „Gesperbert“ heißt das in der Fachsprache. Die Tiere picken und gackern vor sich hin im Stall von Martin Schubert in Reichenbach, einem Dorf bei Kamenz. Sie wissen vermutlich nicht, was sie sind: Ein Schatz. Kein goldener zwar, aber ein äußerst seltenes Kulturgut.

Vorsichtig nähert sich Martin Schubert, um die beiden zum Fototermin zu holen. Kaum berührt er sie, ertönt Protestgeschrei. Heftig schlägt der Hahn mit den Flügeln. Schubert ist kein Fünkchen Stress anzumerken. Vorsichtig nimmt er Hahn und Henne auf seine Arme. Dreht kurz seinen Kopf weg, um nicht von einem Schnabel erwischt zu werden. Allmählich beruhigt sich der Hahn. So wie die Henne trägt er einen Ring am Bein und eine Nummer. „Ich habe einfach zu viele Tiere, um ihnen allen Namen zu geben“, sagt Schubert. Seit sechs Jahren züchtet er Sachsenhühner. Er ist spezialisiert auf Gesperberte. Die gelben Tiere hat er dieses Jahr von einem anderen Züchter dazugekauft. „Meine Gesperberten sind wirklich sehr ruhig und zahm. Die kommen immer gleich an, wenn man den Stall betritt. Ob die Zutraulichkeit mit der Farbe zusammenhängt, weiß ich natürlich nicht“, sagt der 47-jährige Züchter, der im Hauptberuf einen Baubetrieb führt.

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Nicht nur legefreudig, sondern schön: weißes Sachsenhuhn.
Nicht nur legefreudig, sondern schön: weißes Sachsenhuhn. © Thomas Kretschel

Er lächelt. Man merkt ihm an, dass er stolz auf die Tiere ist. Die Rasse ist eine echte Rarität: In Sachsen gibt es derzeit laut Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie etwa 60 Sachsenhuhn-Züchter mit rund 600 Tieren, in Deutschland sind es gut 900 Sachsenhühner. Immerhin. Das ist mehr als vor zehn Jahren. Damals ergab die bundesweite Zählung 600 Zuchttiere. Aber es sind immer noch zu wenig.

Das Sachsenhuhn gehört nach wie vor zu den regionalen Haustier-Rassen, die vom Aussterben bedroht sind. Der Freistaat Sachsen fördert den Erhalt solcher Rassen. Nicht nur, weil sie als immaterielles Kulturerbe gelten. Sondern weil es wichtig ist, einen möglichst breiten Genpool zu erhalten. „Derzeit geht jeden Monat eine Haustierrasse verloren“, sagt Agraringenieurin Eva Lehmann vom Biosphärenreservat Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Nur Artenvielfalt könne vor den Gefahren durch Schädlinge oder Seuchen schützen.

Zu den Aufgaben der Reservate gehört der Erhalt alter Rassen. Im Herbst vergangenen Jahres begann deshalb ein Projekt, um das Sachsenhuhn zu retten. Die Idee: Eine größere Menge von Eiern aller vier Farbschläge im Frühling bei den wenigen Züchtern sammeln und von einem Betrieb ausbrüten und aufziehen lassen – um sie dann im Herbst an verschiedene Interessenten zu verkaufen.

Im Erzgebirge entstanden

Die Sachsenhuhn-Züchter fanden das gut und waren gern bereit, Eier beizusteuern. Wesentlich schwerer war es, neue Interessenten für die Zucht zu finden. In den Geflügelvereinen gibt es zwar viele erfahrene Hobbyzüchter. „Die Reaktion dort war jedoch verhalten“, sagt Eva Lehmann. „Züchter spezialisieren sich meist auf eine oder zwei Rassen und steigen ungern um.“ Das sei keine Frage des Prinzips, sondern des Platzes. Wer Hühner züchtet, braucht Ställe und Auslauf für mehrere Dutzend oder Hunderte von Hühnern.

Die Wende kam, als Eva Lehmann und ihr Mitarbeiter Sandro Tenne im Januar die Medien einschalteten. Viele Berichte erschienen, eingebettet in die immer bedrohlicheren Corona-Meldungen. In der Verwaltung des Biosphärenreservats in Wartha klingelten ununterbrochen die Telefone. Unzählige Mails trafen ein. Aus Sachsen, Deutschland, aus der Schweiz und Österreich kamen Anfragen. Langjährige Züchter waren dabei, aber auch Hobbyhalter, Landbewohner und Städter, Ältere, aber auch einige Jüngere. Schnell waren genügend Interessenten aus den Landkreisen Bautzen und Görlitz gefunden. Jetzt konnte es losgehen: Mit dem Auto sammelten Eva Lehmann und Sandro Tenne Hunderte von Eiern bei Züchtern ein und brachten sie nach Reichenbach, zu Martin Schubert. Es hatte sich kein größerer regionaler Geflügelbetrieb gefunden, der bereit war zum Ausbrüten und Aufziehen der Sachsenhühner.

Zweinutzungshuhn mit viel Fleisch und Eiern

Entstanden ist diese Rasse im Erzgebirge. Seit Jahrtausenden halten Menschen die zahmen Nachfahren von Wildhühnern, um Eier und Fleisch zu haben. Der Priester Gregor Mendel experimentierte im 19. Jahrhundert in seinem Klostergarten mit Erbsen und beschrieb wichtige Prinzipien der Vererbung, die die Wissenschaft nach und nach bestätigte. Nun setzte das große Zuchtfieber ein: Erstmals wurden Haustiere gezielt auf bestimmte Eigenschaften und Zwecke hin gezüchtet. Ein Görlitzer Kaufmann gründete 1852 den ersten Hühnerzuchtverein Europas. „Hühnerologisch“ nannte sich der Verein mit einem Schuss Ironie. Sachsen ist gewissermaßen die Wiege der modernen Hühnerzucht.

Die sächsische Regierung gab 1880 bei Geflügelzüchtern ein Landhuhn in Auftrag. Ein sogenanntes Zweinutzungshuhn, das viele Eier liefert, aber auch viel Fleisch. Robust sollte das Huhn sein und von verträglichem Wesen, um gut mit anderen Tieren leben zu können. Außerdem elegant. Dafür wurden hauptsächlich Tiere der asiatischen Langschan-Rasse mit Minorkas aus dem Mittelmeerraum gekreuzt.

Die Rasse Sachsenhuhn, die sich in Jahrzehnten daraus entwickelte, gilt heute noch als widerstandsfähig, friedfertig und pflegeleicht, gut geeignet also für Anfänger. Sachsenhennen kommen nicht oft in Brutlust, sind aber fürsorgliche Mütter und fleißig beim Legen: etwa 180 Eier im ersten Lebensjahr, danach rund 150. Dennoch geriet die Rasse nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit. Das Sachsenhuhn und andere Züchtungen passten nicht mehr in die neue Zeit mit ihren Großbetrieben, die aus jedem Tier ein Maximum herausholen wollen. Entweder viele Eier oder viel Fleisch. Die Zahl der bäuerlichen Kleinbetriebe und der Selbstversorger, die ein paar Zweinutzungshühner hielten und irgendwann vielleicht selbst mit dem Züchten begannen, nahm immer weiter ab.

Züchtet seit Jahrzehnten: Rentner Dieter Kühne ist auf schwarze Sachsenhühner spezialisiert.
Züchtet seit Jahrzehnten: Rentner Dieter Kühne ist auf schwarze Sachsenhühner spezialisiert. © Thomas Kretschel

Aber es gibt sie noch, die Enthusiasten. Menschen wie Martin Schubert. Oder seinen Nachbarn Dieter Kühne. Schon seine Großeltern und Eltern hielten Hühner. Die Tiere sind ihm von Kindheit an vertraut. Früher züchtete Kühne in seiner Freizeit russische Orloffs, ebenfalls eine alte Rasse. Im Jahr 2000 wechselte er zu schwarzen Sachsenhühnern. „Ich hatte sie auf einer Ausstellung gesehen“, erzählt er. „Da habe ich mir gesagt: Du bist aus Sachsen, du solltest eine Zucht aus Sachsen haben.“

Rentner Kühne führt genau Buch über seine Arbeit. Regelmäßig kreuzt er Tiere anderer Farbschläge und anderer Rassen ein, „um frisches Blut hineinzubringen und Inzucht zu verhindern. Nur so bleiben sie gesund und legen gut“. Und auch dies ist ihm wichtig: „Man muss mit den Tieren reden. Ich mache das immer, wenn ich ihnen Futter und Wasser bringe, sie sauber mache, herauslasse.“ Dieter Kühne hat Glück, dass er Nachbarn hat, die das Krähen seiner vielen Hähne nicht stört. Vor Corona fuhr er regelmäßig zu Ausstellungen, wurde 2018 Sachsenmeister mit vier seiner schwarzen Sachsenhühner. Stets ist er auf der Suche nach Nachwuchs-Züchtern. „Von 20 Züchtern, die ich gut kenne, haben neun jetzt aufhören müssen.“ Aus Gründen des Alters und der Gesundheit. Vor einigen Jahren schlug Kühne seinem Nachbarn Martin Schubert vor, Sachsenhühner zu züchten. Mit Erfolg.

Nun heißt es abwarten

Im letzten März trafen bei Martin Schubert in Reichenbach rund 600 Eier aus dem Sachsenhuhn-Projekt des Biosphärenreservats ein. Er markierte sie, legte sie in seinen großen Brutschrank, drehte sie täglich und kontrollierte, ob auch keine Risse zu sehen waren. Nach 17 Tagen, vier Tage vor der Geburt, dem sogenannten Schlupf, kamen die Eier in kleinere Brutkästen. „Das ist leichter sauber zu halten“, sagt Schubert. 450 Küken schlüpften. Sie blieben zwei Monate im Stall, dann durften sie ins Freie. Als Schlafstätte diente ihnen ein großes Zelt auf dem weitläufigen Grundstück.

Zwei Zuchtrichter kamen im Sommer vorbei und sichteten die Hühner. Die Zahl der Tiere, die für die Zucht geeignet schienen, schrumpfte. 90 Tiere blieben übrig, der Rest wurde verkauft und dient nun als Legehenne oder Fleischhuhn. Im Oktober erhielten die neuen Besitzer jeweils einen Hahn und zwei Hennen als „Zuchtstamm“, wie die Hühnerzucht-Familien in der Fachsprache genannt werden.

Nun heißt es abwarten. Nächstes Jahr im Frühling werden Eva Lehmann und Sandro Tenne Eier von diesen Zuchtstämmen einsammeln und erneut zu Martin Schubert bringen. Ebenso im darauffolgenden Jahr. Ob das Projekt gelingen wird, kann derzeit niemand sagen. Es reicht nicht, nur die Zahl der Tiere zu erhöhen. Ohne fach- und artgerechte Zucht wird es eines Tages keine Tiere alter Rassen mehr geben, deren Haltung in städtischen Kleingärten, bei Biobauern oder auf den Grundstücken sorgsam renovierter Landhäuser wieder modern geworden ist. „Wir hoffen, dass wir durch die Aktion einfach auch mehr Züchter für das Sachsenhuhn gewinnen“, sagt Eva Lehmann. „Es wäre schön, wenn sich jüngere Menschen dafür begeistern und das Wissen weitertragen.“

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In Reichenbach zumindest sieht es jetzt schon gut aus: Der Enkel von Dieter Kühne züchtet Federvieh, wenn auch keine Sachsenhühner. Begeistert von Hühnern ist auch die 17-jährige Tochter von Martin Schubert. Sie lernt Tierwirtin, Schwerpunkt Geflügelzucht. Nächstes Jahr hilft sie wieder bei der Pflege der Sachsenhühner.

Lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie „Sachsens Natur-Versteher“: Barbara Ditsch kennt im Botanischen Garten Dresden jeden Busch mit Vor- und Zunamen.

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