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Weltraumforschung in der Oberlausitz?

Die Perspektivkommission hat sechs Konzepte für zwei Großforschungszentren in den sächsischen Kohleregionen ausgewählt - mit Überraschungen.

Blick auf den Bärwalder See mit dem Kraftwerk Boxberg im Hintergrund. Die Expertenkommission für die Großforschungszentren sehen noch andere Perspektiven für die Lausitz. Foto: Thomas Eisenhuth
Blick auf den Bärwalder See mit dem Kraftwerk Boxberg im Hintergrund. Die Expertenkommission für die Großforschungszentren sehen noch andere Perspektiven für die Lausitz. Foto: Thomas Eisenhuth © Thomas Eisenhuth

Nun steht fest, welche sechs Ideenskizzen für die zwei neuen Großforschungszentren in der sächsischen Lausitz und im mitteldeutschen Revier ausgewählt wurden. Und es gibt einige Überraschungen. Denn weder die vom Fraunhofer-Institut IKTS vorgeschlagene „Zukunftsfabrik Lausitz“ ist unter den Auserwählten wie das von der Technischen Universität (TU) Dresden ins Rennen geschickte „Saxony Institute of Technology“. Stattdessen entschied sich die Perspektivkommission unter Vorsitz von Professor Wolfgang A. Herrmann, dem früheren Rektor der TU München, am Donnerstag auf ihrer Sitzung in Berlin für folgende Ideen für die Lausitz:

1. Deutsches Zentrum für Astrophysik: In Sachsen sollen die riesigen Datenströme zukünftiger Großteleskope gebündelt und verarbeitet werden. Gleichzeitig sollen in einem neuen Technologiezentrum unter anderem Regelungstechniken für Observatorien entwickelt werden. Dabei bauen die Verantwortlichen auf die Erfahrung und das moderne Umfeld der Industrie in Sachsen auf. Zudem wird die Option verfolgt, in den Granitformationen der Lausitz ein Gravitationsteleskop zu bauen. Eingereicht wurde der Antrag von Professor Günter Haslinger, Direktor für Wissenschaft der Europäischen Weltraumagentur ESA.

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2. ERIS: Das „European Research Institute for Space Ressources” – kurz ERIS – will wissenschaftliche und technologische Grundlagen für die Errichtung und den Betrieb von Weltraumstationen auf Mond und Mars erforschen. Auf dieser Basis will ERIS Lösungsansätze für gesellschaftlich relevante Herausforderungen auf der Erde entwickeln. Aus Sicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können neue Methoden und Technologien einen Beitrag dazu leisten, Ressourcen im Weltraum und auf der Erde sicherer, effektiver und umweltschonender zu nutzen. Federführend für den Antrag ist Professor Carsten Drebenstedt, Professor für Bergbau und Tagebau an der Bergbauakademie Freiberg.

3. LAB: Das „Lab – Lausitz Art of Building” von Professor Manfred Curbach von der TU Dresden adressiert einen Paradigmenwechsel im Bauwesen. Neue, ressourceneffiziente und klimaneutrale Werkstoffe sowie modular geplante, hochflexible und lange nutzbare Bauwerke sollen den enormen Ressourcenverbrauch im Bauwesen mindern. Das Konzept integriert die modernsten Ansätze der Materialforschung, der Produktionstechnologien und der Digitaltechnologien, sodass sich die Lausitz als arbeitsplatzwirksame europäische Modellregion für nachhaltiges Planen und Bauen entwickeln kann. Curbach verfolgt schon seit längerem die Vision des Bauens mit Carbonbeton.

Die Forschungskonzepte für das Mitteldeutsche Revier

Für das Mitteldeutsche Revier wurden ausgewählt:

1. Chemresilienz: Um die Versorgung wichtiger Industriezweige wie Gesundheit, Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Konsumgüter sicherzustellen, will „Chemresilienz – Forschungsfabrik im Mitteldeutschen Revier" eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etablieren. Nachwachsende Rohstoffe, kurze Transportwege sowie lokale, kostengünstige und nachhaltige Produktionsprozesse sollen die Resilienz der deutschen Chemiewirtschaft sicherstellen – bei gleichzeitiger Einhaltung höchster Arbeitsschutz- und Umweltstandards. Eingereicht wurde die Ideenskizze von Professor Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid-und Grenzflächenforschung in Golm bei Potsdam.

2. CLAI_RE_ Das „Centre for Climate Action and Innovation – Research and Engineering” (CLAI_RE) will Klimadaten und -wissen bündeln. Auf dieser Basis sollen funktionale digitale Zwillinge von Ökosystemen geschaffen werden und Datenräume in ganz neuen Dimensionen entstehen. CLAI_RE will Handlungsoptionen für den Klimaschutz mit Fokus auf Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Wasser, Planung urbaner Räume, Energieversorgung, Gesundheit und Mobilität entwickeln. Die Federführung des Antrags liegt bei Professor Georg Teutsch vom Helmholtz-Institut für Umweltforschung in Leipzig.

3. CMI. Die Initiatorinnen und Initiatoren des „CMI – Center for Medicine Innovation“ unter Federführung von Professor Jens Meiler von der Universität Leipzig nehmen neue Technologien zur Digitalisierung und Individualisierung der Medizin in den Fokus. Durch die Vereinigung von Medizintechnik, Digitalisierung und Medikamentendesign soll ein Zentrum der biomedizinischen Forschung und personalisierten Medizin entstehen. Versorgungs- und Wertschöpfungsketten sollen zu einem Ökosystem vereint werden, das die Integration neuer Produkte in Versorgungstrukturen erleichtert und beschleunigt.

Europa muss im Rennen um den Weltraum mithalten

Insbesondere die Auswahl für die Lausitz wird viele Menschen in der Region überraschen und vermutlich auch enttäuschen, hatten sich doch viele Bürgermeister in der Region für andere Ideen stark gemacht. Bei der Auswahl kam es jedoch auf andere Kriterien an. So betont Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU): „Beide Großforschungszentren sollen jeweils die deutsche Forschungslandschaft thematisch strategisch ergänzen“. Professor Herrmann, Vorsitzender der Perspektivkommission, nennt als eines der Leitkriterien für die Entscheidung "die Herausbildung länderübergreifender Klammereffekte und Antworten auf langfristige gesellschaftliche Herausforderungen".

Da sind in einer Zeit, wo US-Milliardäre in den Weltraum fliegen, ein Institut für Astrophysik oder ein Zentrum für die Errichtung von Weltraumstationen auf dem Mond und Mars tatsächlich etwas Neues, die auch wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Das Rennen um den Weltraum nimmt neue Dimensionen an. Besonders der private Sektor, der es auf den Weltraum-Tourismus abgesehen hat, wächst rasant. So will Virgin Galactic, das Unternehmen von Richard Branson, schon im Jahr 2023 über 1.500 Menschen dorthin befördern. Auch Amazon-Chef Jeff Bezos möchte den Weltraumtourismus vorantreiben. Elon Musk, Gründer der Raumfahrt-Firma Space X, geht noch einen Schritt weiter und hält es für möglich, dass im Jahr 2050 bereits 10.000 Menschen den Mars besiedeln.

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