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„Hausarztmangel ist nicht mit einer Quote zu lösen“

Um die Lücke bei der Arztversorgung auf dem Land zu füllen, will Sachsen die Landarztquote einführen. Der Verband fürchtet eine Abwertung des Berufs.

Hilft eine Landarztquote gegen die teils mangelhafte Versorgung in ländlichen Regionen?
Hilft eine Landarztquote gegen die teils mangelhafte Versorgung in ländlichen Regionen? © imagebroker.com

Die Idee klingt so einfach wie logisch: Um die Lücke bei der Hausarztversorgung in ländlichen Regionen füllen zu können, plant Sachsen die Einführung einer Landarztquote. Eine bestimmte Zahl der Studienplätze wird an Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach Studium und fachärztlicher Weiterbildung bis zu zehn Jahren in einem unterversorgten Gebiet als Hausarzt zu arbeiten. Zu den Regionen mit drohendem Mangel gehören der Niederschlesische Oberlausitzkreis, das Vogtland, Nord- und Westsachsen sowie das Erzgebirge.

Die Idee der Landarztquote, über die schon lange diskutiert wird, soll nun Wirklichkeit werden. Das Sozialministerium hat seinen Gesetzentwurf den Berufsverbänden und Interessensgruppen zur Anhörung vorgelegt. 6,5 Prozent der an den Hochschulen verfügbaren Studienplätze für Medizin, also etwa 30 pro Jahrgang, sollen an Bewerber mit Hochschulreife vergeben werden, wenn sie sich in einer ländlichen und unterversorgten Region niederlassen.

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Sie müssen neben der Hochschulreife an einem besonderen Auswahlverfahren teilgenommen haben, in dem es neben der fachlichen Eignung auf Empathie und Sozialkompetenz ankommt. Auswahlkriterien können neben fachlichen Kriterien einschlägige Berufserfahrung sowie ein Freiwilliges Soziales Jahr sein.

250.000 Euro Vertragsstrafe

Falls es sich die Studenten im Laufe der Ausbildung anders überlegen, müssen sie dem Land die Kosten des Studiums erstatten. Dazu haben sie sich vorher vertraglich verpflichtet. Die Höhe der Vertragsstrafe beträgt 250.000 Euro. Sie würde beispielsweise fällig, wenn die Mediziner später doch lieber für die Pharma-Industrie oder in einem Krankenhaus arbeiten.

Die Summe entspreche den staatlichen Ausgaben für das Studium plus einem Strafzuschlag, begründet das Ministerium die Regelung, die es so ähnlich auch bei der Bundeswehr gibt. Eine Härtefallregelung soll verhindern, dass Betroffene durch die Zahlung in existenzielle Not geraten. Erlaubt ist es dem Entwurf zufolge, bis zum Beginn der fachärztlichen Weiterbildung zum Hausarzt einen Antrag auf Änderung der Facharztrichtung zu stellen, soweit das neue Fachgebiet ebenfalls an Unterversorgung leidet – dazu gehören Augen-, Haut- und Kinderärzte.

Grund für die Initiative ist die drastische Verschärfung des Hausärztemangels in den nächsten 15 Jahren. Die Sorge von Gesundheitsministerin Petra Köpping (SPD) rührt nicht nur daher, dass viele Ärzte absehbar in den Ruhestand gehen. Von den rund 2.600 Hausärzten sind elf Prozent älter als 65 Jahre, 28 Prozent sind älter als 60. Denn auch Teilzeitarbeit wird immer beliebter. Es werden also mehr Mediziner nötig sein, um eine gleichbleibende Versorgung zu sichern.

Das Gesundheitsministerium steht unter erheblichem Druck, rasch eine Lösung zu finden. Es ist kein Geheimnis, dass Köpping und die SPD das Landarztmodell nicht wollten. Da sich die CDU bei den Koalitionsverhandlungen mit dem Thema durchgesetzt hat, ist es nun ausgerechnet Köppings Aufgabe, den Plan durchzufechten. Ob es ihr mit dem Entwurf gelungen ist, bezweifeln Berufsverbände.

Begriff „Landarzt“ irreführend?

Kritik kommt unter anderem vom Hausärzteverband. Die Versorgungsprobleme könnten auf diese Weise jedenfalls kurzfristig nicht gelöst werden, glaubt der Verband. Studium und Facharztweiterbildung in der Allgemeinmedizin dauerten mindestens elf, oft bis zu 16 Jahre, heißt es in der Stellungnahme. Eine ab 2021 geltende Landarztquote werde daher für die nächsten elf bis 16 Jahre keinen einzigen zusätzlichen Hausarzt in die Versorgung bringen. Berücksichtige man hierbei die bereits jetzt mehr als 250 fehlenden Hausärzte in Sachsen, könne die Größenordnung den realen Bedarf in den kommenden Jahren nicht ansatzweise decken.

Der Verband befürchtet zudem, dass die Quote eine Abwertung des Hausarztberufs bedeuten würde. Es würde eine Studienplatzvergabe an Bewerber manifestiert, die über das herkömmliche Verfahren keinen Studienplatz erhalten hätten, heißt es. Es werde suggeriert, dass ausgerechnet die Hausarztmedizin weniger Grundfähigkeiten benötige als andere fachärztliche Disziplinen.

„Solche Mutmaßungen sind absolut falsch“, kritisiert Verbandsvorsitzender Steffen Heidenreich. Die Hausarztmedizin sei eine hochspezialisierte Fachrichtung, die besondere Sozial-, aber eben auch Fachkompetenzen voraussetze. Schon der Begriff „Landarzt“ sei irreführend, weil er unterstelle, es handele sich um Ärztinnen und Ärzte mit weniger Kompetenz. Tatsächlich seien Allgemeinmediziner auch dort gefragt, wo Spezialärzte oder Kliniken nicht vor Ort seien.

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Nach einer schnellen Verabschiedung des Gesetzes sieht es angesichts der Debatte nicht aus. Damit dürfte auch der geplante Beginn des Projekts im Wintersemester 2021/22 fraglich sein. Von dem im Koalitionsvertrag vereinbarten Ziel, eine flächendeckende Hausarztversorgung in Sachsen abzusichern, ist die Landesregierung nach jetzigem Stand noch ein gutes Stück weit entfernt.

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