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Mit dem Auto direkt auf die Schrammsteine

Immer mehr Besucher reisen unvorbereitet in die Sächsische Schweiz. Andere führt ihr Handy in die Irre. Touristiker und Ranger berichten von kuriosen Szenen.

Im Juli 2020 fuhren Boofer mit dem Auto auf dem Elbleitenweg durch den Wald. Dabei sind selbst Fahrräder auf diesem Abschnitt im Nationalpark Sächsische Schweiz nicht gestattet.
Im Juli 2020 fuhren Boofer mit dem Auto auf dem Elbleitenweg durch den Wald. Dabei sind selbst Fahrräder auf diesem Abschnitt im Nationalpark Sächsische Schweiz nicht gestattet. © Archivfoto: Mike Jäger

An einem Nachmittag im vergangenen Sommer kam ein Urlauberpärchen in die Touristinformation in Bad Schandau. Im Gespräch erwähnten die Gäste, dass sie am selben Tag noch auf die Schrammsteinaussicht in der Sächsischen Schweiz wollten. Die Mitarbeiter der Touristinformation beeilten sich, die Fragen der Gäste zügig zu beantworten, damit die geplante Tour noch vor Einbruch der Dunkelheit klappen könnte. Die Urlauber jedoch zeigten keine Eile.

Wie sich herausstellte, ging das Pärchen davon aus, dass es mit dem Auto bis an die Felskette heranfahren könnte. Zu Fuß wäre es dann nur noch ein kurzer Spaziergang bis zur Aussicht. Die Touristinformation mussten den Gästen erst erklären, dass dem nicht so ist. Die nächstgelegenen Wanderparkplätze befinden sich in Ostrau. Von dort sind es bis zu den Schrammsteinen knapp drei Kilometer zu Fuß durch den Wald, wo am Ende steile Stiegen, Treppen und Leitern bis hinauf auf die Aussicht führen.

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Google Maps schickt Autos durch den Nationalpark

Was bei Einheimischen und Kennern der Sächsischen Schweiz ein ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen mag, kann man den Urlaubern aber nur teilweise anlasten. Denn wer bei Google Maps nach einer Autoroute von Bad Schandau zu den Schrammsteinen sucht, dem schlägt der Kartendienst tatsächlich eine Strecke vor, die direkt am Fuße der Schrammstein-Felsen endet. Den unbedarften Autofahrer schickt Google dabei mitten durch den Nationalpark - über Wege, auf denen mit Ausnahme von Forst oder Rettungskräften kein Auto etwas zu suchen hat. Wie in allen Wäldern generell.

Google Maps schickt Autofahrer über gesperrte Waldwege im Nationalpark. Dabei ist für den Verkehr spätestens auf den Parkplätzen im Kirnitzschtal oder in Ostrau Schluss.
Google Maps schickt Autofahrer über gesperrte Waldwege im Nationalpark. Dabei ist für den Verkehr spätestens auf den Parkplätzen im Kirnitzschtal oder in Ostrau Schluss. © Screenshot Google Maps

Diese Anekdote, die Bad Schandaus Tourismuschefin Gundula Strohbach kürzlich bei einem Onlinestammtisch des Tourismusverbands erzählte, zeigt Zweierlei: Zum einen, dass immer mehr Besucher in die Sächsische Schweiz reisen, die mit den Gegebenheit der Region nicht vertraut sind. Zum anderen die Tücken der generellen Verfügbarkeit - aber eben auch Nichtverfügbarkeit - von Informationen im Netz.

Wenn Google mir den Weg auf die Schrammsteine weist und jeden Stau vorhersagen kann, warum weiß der Anbieter dann nicht, dass am Eingang des Weges ein Verbotsschild für Autos steht und wo der Nationalpark beginnt? Aus Sicht des Nutzers ist das schwer nachvollziehbar.

Ranger besorgt über Fehlinformationen

Nationalpark-Ranger berichten von Besuchern, die an sämtlichen Hinweisschildern und Infotafeln vorbeirennen, den Blick stur aufs Display ihres Smartphones gerichtet. Wer will es ihnen verdenken? Das Gerät zeigt mir in Echtzeit, wo ich bin und in welche Richtung ich mich bewege. Komfortabler war Navigation noch nie.

Analoge Informationen, wie die, dass manch schmale Pfade nur für Kletterer gedacht sind oder dass in der Kernzone des Nationalparks nur die beschilderten Wege begangen werden dürfen und die ohne Markierung eben nicht, bleiben dabei auf der Strecke.

Im Juli 2020 wurde eine Gruppe junger Leute mit dem Auto auf dem Elbleitenweg im Nationalpark erwischt. Sie wollten klettern und boofen im Schmilkaer Gebiet, aber die Rucksäcke waren ihnen zu schwer zum Tragen. Ein Jahr zuvor machte eine Pizzabote Schlagzeilen, der unerlaubter Weise bis zum Zeughaus im Großen Zschand vorfuhr. Boofer hatten bei ihm ihr Abendessen geordert. Der Fahrer verwies auf sein Navi. Dreistigkeit oder Naivität?

Nationalpark kommentiert bei Facebook und Youtube

Die Nationalparkverwaltung hat vor einem Jahr das Projekt "Digitale Besucherlenkung" gestartet und dafür eine befristete Vollzeitstelle geschaffen. Eins der Ziele ist es, mit Onlinekartendiensten wie Open Street Map sowie darauf basierenden Wander- und Radtouren-Apps wie Outdooractive und Komoot ins Gespräch kommen und dort auf die Beachtung der Nationalparkregeln zu drängen.

Die Anbieter seien meist dankbar für Hinweise und nehmen diese auf, erklärte Nationalparkchef Ulf Zimmermann beim Onlinestammtisch der Touristiker. In den frei bearbeitbaren Karten sind mitunter gesperrte Wege und nicht zugelassene Boofen verzeichnet. Ein anderes Phänomen sind Influencer, die sich vor möglichst spektakulären Aussichten inszenieren.

Schrammsteine und Falkenstein (re.): Bis zu den Felsen geht es nur zu Fuß.
Schrammsteine und Falkenstein (re.): Bis zu den Felsen geht es nur zu Fuß. © Archivfoto: Nationalparkzentrum

Der Nationalpark ist verstärkt auch selbst in den sozialen Netzwerken aktiv. Die Nationalparkverwaltung kommentiert auf Facebook oder Youtube und fordert die Nutzer schon mal auf, Bilder oder Videos zu löschen, die nicht-offizielle Pfade durch das Schutzgebiet zeigen. Kritiker wie der Bad Schandauer Kartograph und Wegeaktivist Rolf Böhm wittern darin Überwachung und Zensur.

Mit dem Ansturm im vergangenen Sommer kamen aber auch spürbar mehr Gäste in die Sächsische Schweiz, die kaum etwas wussten über die Region und insbesondere den Nationalpark mit seinen speziellen Naturschutzregeln. Die Mitarbeiter der Touristinformationen können von kuriosen Fragen erzählen, etwa nach der nächtlichen Beleuchtung im Nationalpark oder nach einer Schiffsverbindung nach Gohrisch.

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Aus Mangel an Auslandsreisezielen im Corona-Jahr sind viele offenbar kurzfristig ins Elbsandsteingebirge gefahren, ohne sich vorab groß zu belesen. Touristiker aus Bad Schandau und Königstein plädieren dafür, gerade die unvorbereiteten Gäste künftig besser abzuholen in dem man ihnen beispielsweise die Verhaltensregeln im Nationalpark oder Hinweise zum Parken kompakt an die Hand gibt.

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