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Frauen in Haft: „Umkrempeln können wir sie nicht“

In Sachsens Frauengefängnis sollen Häftlinge lernen, ein geregeltes Leben zu führen. Fehlschläge wollen die Mitarbeiter nicht persönlich nehmen.

Von Karin Schlottmann
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Gewalttätige Übergriffe kommen seltener vor als im Männervollzug. Trotzdem sind manche Situationen für die Bediensteten schwierig zu meistern.
Gewalttätige Übergriffe kommen seltener vor als im Männervollzug. Trotzdem sind manche Situationen für die Bediensteten schwierig zu meistern. © ronaldbonss.com

Schon von Weitem sind die hellen Gebäudeklötze im Süden der Stadt zu sehen. Je näher man kommt, desto beklemmender wirkt das Areal auf Besucher. Das muss wohl auch so sein. Sicherheit hat an diesem Ort Priorität und die abschreckende Wirkung ist durchaus beabsichtigt. Wer hier in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Chemnitz eine Strafe verbüßt, soll möglichst nicht mehr wiederkommen.

„Von einem Tag Erzwingshaft bis lebenslänglich haben wir alles hier, sagt Anstaltsleiterin Eike König-Bender. Die Fluktuation ist hoch. „Es ist ein Kommen und Gehen." Frauen verbüßen in der Regel geringere Freiheitsstrafen als Männer. Sie sitzen überwiegend wegen Diebstahls, Untreue, Betrugs und Drogenhandels ein. Gewalttaten sind eine Männerdomäne.

Vollzug heißt, hier wird Strafe umgesetzt. Die Umstände und die Ursachen einer Tat spielen erst einmal keine Rolle mehr. Strafhaft heißt aber auch, die Insassinnen vom ersten Tag an auf die Rückkehr in ein möglichst geregeltes Leben vorzubereiten. Und dafür wird tatsächlich viel getan: Schulunterricht, Ausbildung, Sport, Therapie- und Freizeitangebote.

243 Haftplätze sind belegt

Es sind, sagt eine Stationsbedienstete, unschöne Momente, wenn Häftlinge „austicken“. Diese Situationen in den Griff zu bekommen, fordert sie ganz schön heraus. Zwei Drittel der rund 200 Mitarbeiter sind Frauen. Sie schätzen die Abwechslung ihres Arbeitsalltags, berichten Mitarbeiterinnen. Aber es sei nützlich, sich einen Panzer zuzulegen. Die Enttäuschung, wenn eine Frau nach verbüßter Haftstrafe wieder zurückkehren müsse, dürfe man nicht zu nahe an sich heranlassen. „Umkrempeln können wir sie nicht.“ Viele Gefangene vertrauten den Bediensteten Privates an, zum Beispiel von den Kindern. „Es kommt darauf an, auf Distanz zu bleiben und nicht zu viel von sich selbst preiszugeben“, sagt eine Abteilungsdienstleiterin.

243 Haftplätze sind derzeit belegt. Thüringen bringt seine weiblichen Gefangenen ebenfalls nach Chemnitz. Die meisten sitzen im geschlossenen Vollzug, 39 verbüßen eine Ersatzfreiheitsstrafe, das heißt, sie haben ihre Geldstrafe nicht bezahlt. 80 Frauen sind im offenen Vollzug, 15 im Jugendarrest. Über 70 Prozent arbeiten oder sind in einem Ausbildungslehrgang.

Die Ausbildung zur Modenäherin dauert zwei Jahre. Auch für die Semperoper wurde hier schon genäht.
Die Ausbildung zur Modenäherin dauert zwei Jahre. Auch für die Semperoper wurde hier schon genäht. © ronaldbonss.com

Mia, die eigentlich anders heißt, hat kürzlich in der Haft ihre Ausbildung zur Modenäherin abgeschlossen. Sie erzählt gern über die Arbeit mit Stoff und Nähmaschine. Ihre Abschlussarbeit war eine Regenjacke. Sie erklärt die Werkstatt, die Tücken der großen Zuschneidemaschine und führt die zwei Nähstuben mit je sieben Nähmaschinen vor. Auf der Fensterbank in einer Nähstube stehen Pflanzen und ein Radio, an den Wänden hängen eine Patchworkdecke, sie ist das Ergebnis einer Gruppenarbeit, und Fotos von Robert Lewandowski und Mario Götze. Die Frauen hier haben schon für ein Tanzstudio und sogar für die Semperoper genäht. Als Näherin bei der Semperoper arbeiten, das wäre ihr Traum für später.

Die Älteste ist 76 Jahre alt

Es gibt auch sonst viele Unterschiede. „Besuchern, die schon in Männeranstalten waren, fällt als Erstes auf, wie sauber es ist“, sagt König-Bender. In ihren Hafträumen bemühten sich die meisten Frauen um etwas Wohnlichkeit. In der Zelle einer 76-Jährigen, die derzeit älteste Insassin in Chemnitz, liegt eine Häkelarbeit auf dem Tisch. Im Regal stehen Bildbände über Pflanzen, es hängen Fotos und Zeichnungen an der Wand. Wie alle durfte sie einen großen Spiegel mitbringen. Telefonate sind in der Freizeit möglich, bis zu zehn Telefonnummern dürfen angemeldet werden.

Gewalttätige Übergriffe auf Bedienstete und Mithäftlinge sind seltener als bei den Männern. Ein Streit wird aber auch mal mit einem Faustschlag, an den Haaren ziehen, oder verbalen Beleidigungen ausgetragen. Zwei Spezialräume sind dafür da, besonders aggressive oder suizidgefährdete Gefangene für einige Tage zu überwachen. Streit und schlechte Stimmung entstehen durch Gerüchte, zum Beispiel über angebliche Vorzugsbehandlungen für andere. Frauen, die wegen sexuellen Missbrauchs oder Totschlags von Kindern einsitzen, müssen damit rechnen, ausgegrenzt zu werden. Es ist Aufgabe der Mitarbeiterinnen, mit Gesprächen für Ausgleich zu sorgen, erklärt die Juristin.

Ein Blick in den Haftraum einer Gefangenen. Die 76-Jährige ist die Älteste.
Ein Blick in den Haftraum einer Gefangenen. Die 76-Jährige ist die Älteste. © ronaldbonss.com

Nur rund sechs Prozent aller Inhaftierten in Deutschland sind Frauen. Sachsen hat sich 2009 entschieden, einen reinen Frauen-Vollzug einzurichten. Sie sei froh darüber, sagte König-Bender. In Männergefängnissen mit einer Frauenabteilung kommen die Frauen zu kurz, auf sie zugeschnittene Freizeit-, aber auch Aus- und Fortbildungsangebote fallen unter den Tisch.

Putzplan auf der Jugendstation

Sieben Frauen sind auf der Jugendstation untergebracht. Sport ist Pflichtprogramm ebenso wie Sauberkeit. Am Schwarzen Brett hängen zwei Listen: Ordnungsdurchgang und Großputzplan. Der Ordnungsdurchgang gibt fein säuberlich und für alle auf der Station nachlesbar die Ergebnisse der täglichen Zellenkontrolle wieder. 16 Kriterien werden geprüft.

Bewertet wird mit Plus- und Minuszeichen. „Und, wie sieht es aus?“, fragt König-Bender die junge Mitarbeiterin auf der Jugendstation. „Diese Woche war nicht so toll“, antwortet sie. Ordnung und Sauberkeit wird belohnt: Film anschauen, Playstation spielen, Wii-Party feiern. Die gegenseitige Kontrolle funktioniert. „Wenn die Jugendlichen nachmittags von der Arbeit oder von der Schule zurückkehren, gehen sie als Erstes ans Schwarze Brett und gucken auf die Ergebnisse.“

Mütter können ihre Kinder unter bestimmten Umständen in der Haftanstalt selbst betreuen.
Mütter können ihre Kinder unter bestimmten Umständen in der Haftanstalt selbst betreuen. © ronaldbonss.com

2018 hat die JVA eine Mutter-Kind-Wohngruppe eingerichtet. Höchstens vier Mütter haben hier Platz, die Kinder dürfen nicht älter sein als drei Jahre. Die Kleinen sehen Uniformen und Einschränkungen noch nicht als Bedrohung. Die Räume sind hell und freundlich. Frauen, die ihre Strafe hier verbüßen wollen, müssen sich bewerben. Die Leiterin der Abteilung Offener Vollzug, Uta Förster, arbeitet seit 1987 im Vollzug. Bei der kleinen Weihnachtsfeier zieht sie sich ein Elfenkostüm an. „Das macht mir auch mal großen Spaß.“

Sie und ihre Kollegin sind auch Beraterinnen. Sie begleiten die Mütter bei Spaziergängen mit dem Kind, gehen in den Tierpark oder feiern Kindergeburtstag. Manche Bewohnerinnen hier müssen erst lernen, sich mit ihrem Kind zu beschäftigen. Zwischen den Bediensteten und den kleinen Kindern entstehen oft enge Bindungen. Aber es gibt Grenzen. König-Bender: „Wir sind nicht verantwortlich für die Kinder.“ Im Notfall, wenn die Probleme zwischen Mutter und Kind unlösbar werden, kümmert sich das Jugendamt. Es kommt vor, dass Frauen, die längst wieder draußen sind, im Mutter-und-Kind-Haus anrufen, weil sie einen Rat wollen, obwohl hier niemand mehr zuständig für sie ist.