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Was nützt der Blühstreifen in der Obstplantage?

Die Apfelsaison beginnt. Sachsens Landwirte sollen weniger spritzen, können aber nicht alle Wünsche erfüllen.

Vor den Apfelbäumen und der Insektenfalle blühen Wilde Möhre und Königskerze: Anbauberater Olaf Krieghoff weiß, dass nützliche Insekten in den Blühstreifen überwintern. Auf Chemie will er auch nicht verzichten.
Vor den Apfelbäumen und der Insektenfalle blühen Wilde Möhre und Königskerze: Anbauberater Olaf Krieghoff weiß, dass nützliche Insekten in den Blühstreifen überwintern. Auf Chemie will er auch nicht verzichten. © Thomas Kretschel

Kreischa. Am Morgen ist Ulrike Holz durch eine regennasse Obstplantage gestapft und hat Äpfel zum Vorzeigen eingesammelt: Äpfel mit Insektenbefall und faulen Stellen. Die Mehlige Apfellaus hat Früchte verkrüppeln lassen. Die Blutlaus hat einen weißen Belag hinterlassen, der sich später schwarz färben und das Obst weiter verschmutzen wird. So mancher Apfel sei „nicht verkehrsfähig“, berichtet die Pflanzenschutzexpertin.

Ulrike Holz berät Landwirte, die an die Dresdner Veos Vertriebsgesellschaft für Obst liefern. Das Unternehmen mit seinem großen Kühllager in Dohna-Röhrsdorf informierte am Dienstag über seine Versuche, mit Insekten auszukommen. Eine Möglichkeit: Blühstreifen zwischen den Baumreihen.

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Seit zehn Jahren experimentieren die Veos-Lieferanten mit mehr Artenvielfalt und versuchen, die Spritztechnik zu verbessern. Firmenchef Bernd Falkenau weiß, dass seine Lieferanten häufig wegen der Pflanzenschutzmittel angegriffen werden. „Die Arbeit der Landwirte wird oft sehr negativ dargestellt“, sagte er.

Verbraucher würden in Umfragen viele Wünsche wie ökologische Produktion und Regionalität äußern, aber dann doch beim Discounter möglichst billig kaufen. Es sei schwer, die „künftigen Konsumentenwünsche“ vorauszuahnen. Sachsens Koalitionsvertrag verlangt zudem, den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln bis 2030 zu halbieren. Das soll den Artenreichtum verbessern.

Obst mit Schaden: Die Pflanzenschutzexpertin Ulrike Holz zeigt Äpfel, die von Blutlaus (links) und Mehliger Apfellaus befallen sind. Verkaufen lassen sie sich nicht.
Obst mit Schaden: Die Pflanzenschutzexpertin Ulrike Holz zeigt Äpfel, die von Blutlaus (links) und Mehliger Apfellaus befallen sind. Verkaufen lassen sie sich nicht. © Thomas Kretschel

Saatmischung "Blühende Landschaft" ging auf

In den Apfelplantagen südöstlich von Dresden sind die Versuche zu sehen, mehr Insekten anzusiedeln. Veos-Anbauberater Olaf Krieghoff zeigt auf den Fahrspuren zwischen den Spalierobstreihen Sonnenblumen und das Ergebnis der Saatmischung „Blühende Landschaft“. Dazu gehören Margerite und Wilde Möhre, Kornblume, Königskerze und verschiedene Kleearten.

Der Insektenkundler Jürgen Esser fand Nützlinge in den Blühstreifen: Wildbienen und Schwebfliegen sowie bestimmte Wespenarten, die Blattläuse abhalten. Ein Highlight: die Glockenblumen-Wespenbiene, die zwar vor 1944 in Sachsen nachgewiesen wurde, seitdem erst jetzt wieder.

Die Obstbauern brauchen Wildbienen zur Bestäubung ihrer Pflanzen. Laut Falkenau sind sie auch darauf angewiesen, dass Nützlinge die Schädlinge regulieren. Krieghoff sagt, dass viele Landwirte auch gerne etwas fürs Image, fürs Ansehen unternehmen wollten.

Da war das Biodiversitäts-Langzeitprojekt der vergangenen zehn Jahre willkommen, das vom Pflanzenschutzmittelproduzenten Bayer gestartet und mitfinanziert wurde. Veos konnte damit nachweisen, dass die Obstanlagen „hinsichtlich der Artenzusammensetzung noch relativ intakte Wildbienen-Lebensgemeinschaften beherbergen“.

Apfelbäume bleiben gut 20 Jahren stehen

Weil die Nützlinge außer Nahrung auch Unterkünfte benötigen, bekamen sie auch Nistplätze – wie sie als „Insektenhotels“ inzwischen in jedem Baumarkt angeboten werden. Nistkästen für Vögel wurden ebenfalls angebracht, obwohl Vögel gerade in trockenen Jahren Äpfel anpicken.

Auch wenn das Langzeitprojekt jetzt beendet ist, werden die Blühstreifen laut Krieghoff erhalten bleiben. Neue anlegen möchte er allerdings nur, wo ohnehin neue Baumreihen gesetzt werden. In vorhandenes Gras zu säen, sei wenig ertragreich. Alle 20 bis 25 Jahre ersetzen die Obstbauern ihre Apfelbäume, also jährlich etwa fünf Prozent der Fläche. Bei diesen Gelegenheiten soll auch künftig Platz für Blühstreifen sein.

Einen Nachteil der Artenvielfalt stellte allerdings Thomas Bierig fest, der für den Landesverband Sächsisches Obst Tiere zählte: Nicht bloß Falter, Heuschrecken und Spinnen vermehrten sich, sondern auch Mäuse. Darüber freute sich zwar Insektenkundler Esser, denn Mäuse schaffen neuen Wohnraum für Hummeln. Doch die Nager setzen ebenso wie Rehe und Hasen den Obstbäumen zu und haben manche zum Absterben gebracht.

Laut Krieghoff gab es Mäuse allerdings auch ohne Blühstreifen. Die Schädlinge müssten gefangen oder mit Gift bekämpft werden.

Wilde Möhre: Diese Pflanze gehört zur Saatmischung "Blühende Landschaft", die in den Fahrstreifen der Apfelplantagen bei Kreischa ausgesät wurde.
Wilde Möhre: Diese Pflanze gehört zur Saatmischung "Blühende Landschaft", die in den Fahrstreifen der Apfelplantagen bei Kreischa ausgesät wurde. © Thomas Kretschel

Viel Mehltau, viel Pflanzenschutzmittel

Der Anbauberater machte deutlich, dass er vom Verzicht auf immer mehr Pflanzenschutzmittel wenig hält. Krieghoff zeigte eine Fülle von beschädigten Äpfeln und Blättern vor, berichtete von den Saugschäden der Kleinen Gallmilbe und den Kolonien der Mehligen Apfelblattlaus.

Gegen Mehltau sei in diesem Jahr viel gespritzt worden, weil es feucht war. Allerdings habe es in diesem Jahr auch viele Nützlinge gegeben, etwa die Zehrwespe, die Läuse zum Absterben bringt.

Über staatliche Vorschriften klagte auch Udo Jentzsch, Geschäftsführer des Landesverbandes Sächsisches Obst. Gerne würden Bauern Hecken oder Steinhaufen für Tiere an geeignete Stellen setzen. Doch diese „Landschaftselemente“ würden dann unverrückbar festgeschrieben, sodass Pachtland später wohl nicht wie bekommen an die Verpächter zurückgegeben werden könne.

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Daniel Gellner, Abteilungsleiter im sächsischen Landwirtschaftsministerium, räumte „Fehler im System“ durch Ansprüche an zu viel Genauigkeit ein. Auch er halte „leistungsfähigen Pflanzenschutz“ für nötig zur Qualitätssicherung. Doch die Mittel seien nicht ohne Risiken, daher müsse über den „Zielkonflikt“ weiter diskutiert werden.

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