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Leipzig

Familienkompass

Wie Corona das Familienleben verändert

Mutter und Vater sind in Kurzarbeit und haben es als Hauslehrer der aufgeweckten Vierlinge Kim, Jasmin, Laura und Sophie nicht leicht.

Die Vierlinge Jasmin, Laura, Kim und Sophie (von links) sind mittlerweile schon acht Jahre alt.
Die Vierlinge Jasmin, Laura, Kim und Sophie (von links) sind mittlerweile schon acht Jahre alt. © volkmar heinz

"Die halten hier nicht so still wie in der Schule. Wir sind ja keine Lehrer“, seufzt Vater Marcus Mehnert (37) und beugt sich mit seinen Töchtern Kim und Laura wieder über die Mathearbeitshefte der ersten Klasse. Er sitzt schon gut eine Stunde mit zwei der Leipziger Vierlinge am Tisch im Kinderzimmer. „Wir müssen Vorgänger und Nachfolger der Zahlen bis 10 eintragen“, erklärt Kim. Das sei nicht schwer. Und sie fügt hinzu: „Der Papa ist ein guter Lehrer.“ Aber mehr Spaß mache das Lernen in der Schule, mit allen in der Klasse zusammen.

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Am Wohnzimmertisch übt Mutter Janett mit den Töchtern Sophie und Jasmin Deutsch. Wörter mit „ie“ sind heute dran. Die achtjährigen Mädchen schreiben „Tiere“ und „wieder“. „Wir müssen die vier Mädchen trennen, damit sie sich besser konzentrieren können“, sagt die Mutter. Auch sie wird von ihren Töchtern als gute Lehrerin gelobt. Sophie sagt: „Die Mama erklärt das gut.“ Sie sei eben geduldiger als ihr Mann, lacht die 39-Jährige.

Die Vierlinge Jasmin, Laura, Kim und Sophie (von links) stehen mit Bruder Lucas und den Eltern Janett und Marcus hinterm Zaun im Garten ihres Zuhauses in Beucha bei Leipzig. Foto: Volkmar Heinz
Die Vierlinge Jasmin, Laura, Kim und Sophie (von links) stehen mit Bruder Lucas und den Eltern Janett und Marcus hinterm Zaun im Garten ihres Zuhauses in Beucha bei Leipzig. Foto: Volkmar Heinz © volkmar heinz

Lucas, der große Bruder der Vierlinge, geht schon in die 7. Klasse der Oberschule in Brandis. Der Computerfreak informiert sich auf der Homepage seiner Schule über die Aufgaben und kümmert sich selbstständig. Er weiß, dass er lernen muss. „Nach Ostern schreiben wir dann Tests“, sagt er. Und er übt auch Mathe mit seinen Schwestern, am liebsten mit Kim, „weil die zuhört und sich nicht so ablenken lässt.“

Kim weiß auch genau, weshalb sie, ihre Schwestern und ihr großer Bruder Lucas jetzt nicht in die Schule dürfen: „Das Coronavirus geht um, das ist schlimm, und das wollen wir nicht haben, auch die Omas nicht und der Opa nicht. Deshalb sehen wir uns jetzt nicht, nur auf dem Handy beim Videoanruf.“ Mutter Janett schickt ihre Töchter jetzt in den Garten vorm Haus in Beucha bei Leipzig. Hierhin sind die Mehnerts im März 2015 gezogen. Die Kinder sollten mehr Grün um sich haben. „Das ist in der gegenwärtigen Situation wirklich gut, dass sie rausgehen können zum Spielen“, sagt die Mutter.

Eltern in Kurzarbeit, das wird finanziell eng

Das Coronavirus hat das Leben der Mehnerts vollkommen verändert. Die Eltern müssen stark sein für ihre Kinder, haben aber selbst genug Sorgen. Janett ist seit einer Woche auf Kurzarbeit. Die Friseurmeisterin hat erst zu Jahresbeginn den Salon gewechselt und gerade neue Kundenbindungen aufgebaut. „Dass wir alles tun, damit sich das Coronavirus nicht weiter ausbreitet, verstehe ich“, sagt sie. Trotzdem fehle das Geld. Nur ein paar Tage nach seiner Frau wurde auch Vater Marcus, der im Leipziger BMW-Werk als Monteur arbeitet, in die Zwangspause geschickt. Das Auto-Werk bleibt erst einmal bis zum 20. April geschlossen, erzählt er. Er sei sehr dankbar, dass BMW das Kurzarbeitergeld wahrscheinlich aufstockt. „Trotzdem fehlen die Zuschläge. Und nach dieser hoffentlich bald überstandenen Seuche werden die Leute wohl nicht als Erstes an ein neues Auto denken“, blickt er besorgt voraus.

Neben den alltäglichen Ausgaben für die siebenköpfige Familie wollen auch die noch Jahrzehnte laufenden Kreditabzahlungen für ihr Häuschen gestemmt sein. „Vielleicht können wir den Kredit auch stunden lassen, sollte es noch härter kommen“, hofft der Vater. Die Mehnerts bekommen fünffach Kindergeld, dennoch müssen sie straff rechnen. Große Sprünge sind nicht drin. Irgendwelche offiziellen oder heimlichen Sponsoren gibt es nicht, auch wenn solche Gerüchte den Mehnerts immer wieder zu Ohren kommen. Auch die Mehrlingspatenschaft des sächsischen Ministerpräsidenten ist überschaubar, sie brachte ihnen eine schöne Urkunde und einen Besuch im Leipziger Zoo.

© volkmar heinz

Still ist es bei Mehnerts nie. Dafür sorgen schon Jasmin, Kim, Sophie und Laura, die am 6. Januar 2012 als eineiige Vierlinge in Leipzig zur Welt kamen. Sie gelten als medizinisches Wunder und sind noch immer einmalig in ganz Deutschland. Die Mädchen, die als zarte Frühchen zwischen 980 und 1.100 Gramm wogen, halten ihre Eltern seit ihrer Geburt auf Trab. „Eigentlich wollten wir nur ein Geschwisterchen für Lucas. Doch dann wurde es bei jedem Ultraschall ein Kind mehr“, erinnert sich Janett Mehnert.

Dass die Mehnerts überall auffallen und für Aufsehen sorgen mit den vier Mädchen, die völlig gleich aussehen, ob „in normalen Zeiten“ beim Einkaufen oder im Urlaub, das sind sie gewohnt. 2018 sind die Schwestern, die sich trotz der Frühchen-Geburt körperlich und geistig prächtig entwickelt haben, eingeschult worden. Alle kamen in eine Klasse, eine Herausforderung für die Lehrer. Anfangs hatten sie noch Namensschilder. Da alle vier Mädchen aber dann in der zweiten Klasse doch Probleme hatten mit Mathe und Deutsch, entschieden die Eltern im Dezember 2019, dass die Vierlinge die erste Klasse wiederholen. Zudem gehen jetzt nur jeweils zwei zusammen in eine Klasse, Sophie und Jasmin in die 1a und Laura und Kim in die 1b. Janett Mehnert sagt dazu: „Das ist für Frühchen nichts Ungewöhnliches. Nun gehen sie mit viel mehr Freude in die Schule, kommen gut mit und haben Erfolgserlebnisse.“

© volkmar heinz

Jetzt, wo das Coronavirus die gesamte Familie dazu zwingt, zu Hause zu bleiben, bastelt und bäckt die Mutter viel mit den Mädchen. Drücken und Küsschen geben, haben sie eingestellt. Auch das gemeinsame Einkaufen fällt aus. „Ich nehme die Kinder jetzt wegen der Ansteckungsgefahr nirgendwo mit hin“, sagt die Mutter. Einkaufen geht entweder Marcus oder Janett. „Hut ab vor den Verkäuferinnen und Kassiererinnen“, sagt der Vater. Für seine Mutter kaufen sie immer mit ein. „Sie hat es mit der Lunge und ist daher sehr gefährdet“, erzählt der 37-Jährige.

Und die anstehenden Geburtstage? Lucas wird heute 14, Janett bald 40. Das geplante Gokart-Fahren in Grimma fällt aus. Stattdessen bleibt es beim gemeinsamen Kaffeekranz zu Hause in Beucha.


Familienkompass 2020

Was ist der Familienkompass? Der Familienkompass ist eine sachsenweite Umfrage von Sächsische.de, LVZ und Freie Presse, wissenschaftlich begleitet von der Evangelischen Hochschule Dresden.

Worum geht es? Wir wollen wissen: Wie kinder- und familienfreundlich sind die einzelnen Gemeinden und Städte im Freistaat? Dafür brauchen wir Ihre Hilfe. Alle Ergebnisse werden wissenschaftlich ausgewertet und nach der Befragungsphase intensiv für unsere Leser aufbereitet.

Wann? Die Befragung findet bis zum 9. April 2020 statt.

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Wie kann ich mitmachen? Den Fragebogen finden Sie hier.

Was passiert mit meinen Daten? Die Daten der Befragung werden streng vertraulich behandelt und ohne Personenzuordnung wissenschaftlich ausgewertet. Und als Dankeschön für die Zeit wartet ein tolles Gewinnspiel.

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