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Der beste deutsche Hochspringer ist ein Dresdner

Der 23-jährige Jonas Wagner fährt nach seinem Meistertitel überraschend zur Hallen-EM. Dabei sprachen zwei Handicaps gegen den Physikstudenten.

Für Hochspringer Jonas Wagner vom Dresdner SC liegt die eigene Messlatte nun bei 2,28 Meter.
Für Hochspringer Jonas Wagner vom Dresdner SC liegt die eigene Messlatte nun bei 2,28 Meter. © Jürgen Lösel

Dresden. Die fünfeinhalb Stunden Fahrt mit dem Kleinbus sind für Jonas Wagner sehr schnell vergangen – wie im Flug nach seinem persönlichen Höhenflug bei der deutschen Hallenmeisterschaft in Dortmund.

„Auf dem Rückweg nach Dresden habe ich fast permanent nur Antworten geschrieben. Sogar der Akku meines Handys hat schlappgemacht, ich musste es wieder aufladen. Das war zwischenzeitlich ganz schön anstrengend“, erzählt der 23-jährige Hochspringer vom Dresdner SC lachend, um dann trocken festzustellen: „Darauf hat man ja ein bisschen gewartet, dass man die volle Aufmerksamkeit bekommt. Das ist absolut schön.“ Wolfgang Petsch, sein erster Trainer aus Weißwasser, gehörte zu den ersten Gratulanten.

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Der Ansturm an Aufmerksamkeit kam nicht von ungefähr, nachdem Wagner das Meisterstück in seiner jungen Karriere erzielt hatte. Er steigerte seinen persönlichen Hallenbestwert um sechs Zentimeter – im Hochsprung eine kleine Welt – und gewann mit 2,28 Metern seinen ersten Titel im Männerbereich. In dieser corona-bedingt zugegeben übersichtlich Hallen-Saison sind lediglich sieben Athleten weltweit höher gesprungen. Man könnte also meinen, der smarte, zurückhaltend auftretende junge Kerl, der aus Weißwasser stammt, steht kurz vorm Durchbruch zur Weltspitze. Die beginnt bei 2,30 Meter.

Hoffnung auf nachträgliche Höherstufung

Für Wagner schien das lange Zeit eine schier unerreichbare Höhe zu sein, zumal seine Bestleistung im Freien auch nur bei 2,24 Meter liegt. „In meiner Zielstellung, die wir immer am Anfang des Jahres formulieren, habe ich erklärt, dass ich in die Richtung 2,30 Meter gehen möchte. Aber Sagen und Machen ist ein gewaltiger Unterschied. Die Steigerung um sechs Zentimeter ist schon außergewöhnlich“, sagt Wagner, der seit 2010 in Dresden lebt. Eventuell wird er jetzt nachträglich als Bundeskader eingestuft, derzeit wird er als Landeskader geführt.

Schöner Nebeneffekt des Höhenflugs: Mit 2,28 Meter hat Wagner exakt die Norm für einen Start bei der Hallen-EM erfüllt, die am Donnerstag im polnischen Torun beginnt. Dabei war die Hallensaison eigentlich ohne den internationalen Höhepunkt geplant, wie Wagner erfrischend offen zugibt. Jetzt möchte er mehr: „Das kleine bisschen Arbeit hintendran will ich auch ordentlich machen. Ich habe in Dortmund gelernt, dass ich mich selbst überraschen kann“, sagt der Physikstudent.

Die Leistung bei der Hallenmeisterschaft ist umso höher einzuschätzen, da Wagner in Dortmund in zweierlei Hinsicht gehandicapt antrat. „Ich bin mit einem gereizten Oberschenkel angereist und dachte mir: Hoffentlich hält er. Während des Wettkampfes habe ich mich ständig gedehnt, die Muskulatur massiert“, erzählt er. Im Nachhinein betrachtet, war es vermutlich eine gute Ablenkung, um angesichts der möglichen Goldmedaille nicht tatsächlich noch zu verkrampfen. Zu verarbeiten hatte er zuletzt ohnehin genug.

Trainer fehlt wegen Covid 19

Sein Trainer Jörg Elbe hatte sich im Dezember mit dem Coronavirus infiziert und die Krankheit einen so schweren Verlauf, dass der 56-Jährige die Reise-Strapazen nach Dortmund nicht auf sich nehmen konnte und wollte. „Ich hatte jetzt einige Nachuntersuchungen, das passt bald wieder alles“, sagt Elbe auf SZ-Nachfrage nur.

Doch die Krankheit hat das Zusammenwirken des Gespanns nachhaltig verändert. „Vor allem bei den Technikeinheiten fehlt mir seine Korrektur. Ein zusätzliches Auge, das drauf guckt, wo die Fehler liegen, woran man arbeiten müsste“, erzählt Wagner und berichtet vom neuen Trainingsalltag.

„An den Tagen, an denen es ging, war er da. Deshalb haben wir es so aufgeteilt, dass wir an Tagen ohne ihn Krafteinheiten oder Läufe absolviert haben. Da reicht es, wenn mein Trainingspartner Bastian Rudolf hinschaut. Die Technikeinheiten waren so organisiert, dass der Trainer mit dabei sein konnte“, erzählt der Lausitzer und gibt zu: „Natürlich hält man in solch einer Situation deutlich mehr Rücksprache. Ich bin froh, dass er aus der Sache halbwegs unbeschadet rausgekommen ist.“

Anlauf auf sieben Schritte verkürzt

Wagners Leistungsfähigkeit hat das offenbar nicht geschadet, im Gegenteil. Gezielt arbeitete er an der Schnelligkeit („Meine größte Baustelle“), verbesserte sich über 30 Meter gleich um 0,2 Sekunden. Die Grundschnelligkeit braucht der 1,92 Meter große Athlet, um seinen Körper nach kurzem Anlauf mit einem Stemmschritt in die Höhe zu katapultieren.

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In Dortmund verkürzte er aus Rücksicht auf den Oberschenkel den Anlauf auf sieben Schritte, normalerweise sind es zehn bis elf. „Wir haben mit dem Training ein gutes und probates Mittel gefunden, um diese Leistung zu erzeugen. Wenn wir das in der Sommervorbereitung ausbauen, kann es dazu führen, dass man noch fünf Zentimeter draufpackt“, erklärt Wagner nüchtern.

Die Norm für Olympia in Tokio liegt bei der Weltklassehöhe von 2,33 Meter – genauso wie der sächsische Rekord, gehalten seit 2009 von Elbes früherem Schützling, dem Dresdner Raul Spank.

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