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Warum Dresden mit einem Lausitzer Block spielt

Für zusätzliche Brisanz beim Eishockey-Derby sorgt es, dass gleich sieben Ex-Weißwasseraner für die Eislöwen spielen. Was der Füchse-Manager dazu sagt.

Dirk Rohrbach setzt als Geschäftsführer der Lausitzer Füchse in Weißwasser auf den Nachwuchs.
Dirk Rohrbach setzt als Geschäftsführer der Lausitzer Füchse in Weißwasser auf den Nachwuchs. © dpa PA/Eibner

Dresden/Weißwasser. Der Trend könnte kaum gegensätzlicher sein: Die Eislöwen haben zuletzt dreimal in Folge gewonnen und scheinbar die Kurve gekriegt, die Lausitzer Füchse am Dienstag mit dem 3:4 gegen Crimmitschau das siebente der bislang letzten acht Spiele verloren. Wenn beide Teams am Freitagabend in der zweiten Eishockey-Liga zum Sachsenderby aufeinandertreffen, gibt es aber einen anderen interessanten Aspekt.

Dresden könnte einen Weißwasser-Block aufstellen: Vieregge im Tor, Hanusch und Uplegger als Verteidiger, Ranta, Neuert und Swinnen oder Ritter im Angriff. Sie alle haben auch mal für die Füchse gespielt. „Wenn ich mich über jeden ärgern würde, der nicht mehr bei uns spielt, wäre ich den ganzen Tag beschäftigt“, meint Dirk Rohrbach, bis Dezember 2015 Trainer und seit Januar 2017 Geschäftsführer bei den Lausitzern. „Jeder unserer Gegner – außer Kaufbeuren – hat Spieler, die schon bei uns waren. Es gibt viele Vereinswechsel, das gehört zum Profi-Geschäft dazu.“

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Trotzdem sind die Ex-Weißwasseraner in Dresden derzeit besonders stark vertreten, sie lassen sich in drei Kategorien unterscheiden: die in den Klubs hin und her springen, die nach guter Entwicklung eine neue Herausforderung gesucht haben und die bereits als Jugendliche weggegangen sind. Über Letztere ärgert sich Rohrbach tatsächlich, auch wenn es bei Hanusch und Ritter schon gut 14 Jahre zurückliegt. Sie sind damals als Talente nach Mannheim gezogen, haben später in der ersten Liga gespielt und sind nun in Dresden. Eine Rückkehr war ein Thema. „Natürlich hatte ich zu ihnen Kontakt, wir haben privat ein freundschaftliches Verhältnis“, sagt der Füchse-Manager. Sie haben sich teils aus familiären Gründen anders entschieden.

Die Ex-Weißwasseraner in Dresden - eine Bildergalerie:

Steve Hanusch spielt seit 2017
für die Eislöwen, nachdem er 2009/10 bereits als Förderlizenzspieler von den Eisbären Berlin für Dresden auf dem Eis stand. Der gebürtige Cottbuser bestritt in 196 DEL-Spiele.
Steve Hanusch spielt seit 2017 für die Eislöwen, nachdem er 2009/10 bereits als Förderlizenzspieler von den Eisbären Berlin für Dresden auf dem Eis stand. Der gebürtige Cottbuser bestritt in 196 DEL-Spiele. © © by Matthias Rietschel
Toni Ritter verließ die Lausitz als eines der größten deutschen Talente, spielte in der kanadischen Juniorenliga QMJHL und sammelte reichlich DEL-Erfahrung. Seit 2019 ist er ein Eislöwe.
Toni Ritter verließ die Lausitz als eines der größten deutschen Talente, spielte in der kanadischen Juniorenliga QMJHL und sammelte reichlich DEL-Erfahrung. Seit 2019 ist er ein Eislöwe. © © by Matthias Rietschel
Christian Neuert steht seit dieser Saison bei den Eislöwen unter Vertrag. Bei den Lausitzer Füchse hatte der gebürtige Bayer ein einjähriges Gastspiel 2017/18, als er für die Füchse in 48 Spielen sieben Tore erzielte.
Christian Neuert steht seit dieser Saison bei den Eislöwen unter Vertrag. Bei den Lausitzer Füchse hatte der gebürtige Bayer ein einjähriges Gastspiel 2017/18, als er für die Füchse in 48 Spielen sieben Tore erzielte. © © by Matthias Rietschel
Nick-Jordan Vieregge kam bereits mit 17 Jahren im Mai 2020 nach Dresden, spielte zunächst im U20-Team, jetzt gehört der Torwart zum Profi-Kader. Zuvor war er in der Jugend von Hamburg nach Weißwasser gewechselt.
Nick-Jordan Vieregge kam bereits mit 17 Jahren im Mai 2020 nach Dresden, spielte zunächst im U20-Team, jetzt gehört der Torwart zum Profi-Kader. Zuvor war er in der Jugend von Hamburg nach Weißwasser gewechselt. © © by Matthias Rietschel
Dennis Swinnen wurde in der Jugend bei den Kölner Haien ausgebildet, bei den Lausitzer Füchsen schaffte er 2014 bis 2017 den Durchbruch als Profi, kam nun über Ingolstadt und Bietigheim nach Dresden.
Dennis Swinnen wurde in der Jugend bei den Kölner Haien ausgebildet, bei den Lausitzer Füchsen schaffte er 2014 bis 2017 den Durchbruch als Profi, kam nun über Ingolstadt und Bietigheim nach Dresden. © © by Matthias Rietschel
Roope Ranta ist gleich zweimal erfolgreich für die Füchse auf Torejagd gegangen: 2016/17 traf er in 15 Einsätzen neunmal, 2017/18 in 36 Partien sogar 16-mal. Dresden ist für den Finnen die fünfte Station in Deutschland.
Roope Ranta ist gleich zweimal erfolgreich für die Füchse auf Torejagd gegangen: 2016/17 traf er in 15 Einsätzen neunmal, 2017/18 in 36 Partien sogar 16-mal. Dresden ist für den Finnen die fünfte Station in Deutschland. © Lutz Hentschel
Arne Uplegger steht seit 2017/2018 im Profi-Kader der Eislöwen, ein Jahr zuvor war er aus Weißwasser nach Dresden gewechselt, wo er zunächst im Nachwuchsteam spielte. Inzwischen hat er 132 Einsätze in der DEL 2.
Arne Uplegger steht seit 2017/2018 im Profi-Kader der Eislöwen, ein Jahr zuvor war er aus Weißwasser nach Dresden gewechselt, wo er zunächst im Nachwuchsteam spielte. Inzwischen hat er 132 Einsätze in der DEL 2. © © by Matthias Rietschel

Schwieriger zu akzeptieren ist es, wenn Spieler wie Uplegger und Vieregge jetzt bereits im Nachwuchs zu den Eislöwen gehen. „Wir können ihnen nicht die Rahmenbedingungen bieten“, sagt Rohrbach – und er erklärt: „In Weißwasser gibt es keine Sportschule, das ist ein klarer Standortnachteil im ländlichen Raum. Wenn unsere Jugendspieler am Sonntag nach einem Auswärtsspiel gegen Mitternacht zu Hause sind, müssen sie früh trotzdem zum Unterricht, darauf nimmt kein Lehrer Rücksicht. In Dresden haben sie frei, können den Stoff vor- oder nacharbeiten.“

Rohrbach setzt sich seit drei Jahren bei der Landesregierung dafür ein, über Sport-Klassen ähnliche Möglichkeiten zu schaffen. Denn diese Entwicklung ist bedrohlich: „Uns sind in den vergangenen fünf, sechs Jahren mindestens zehn Talente abhandengekommen. Deshalb ist es mir viel wichtiger, unseren Nachwuchs in die erste Mannschaft zu bringen, den Jungs eine Perspektive aufzuzeigen, als zu versuchen, ehemalige Spieler zurückzuholen.“

Weißwasser setzt weiter darauf, ein Ausbildungsverein zu sein. Viele junge Profis kommen zu den Füchsen, weil sie hier die nötigen Eiszeiten bekommen, um sich entwickeln zu können. „Wir haben wieder das jüngste Team der Liga“, betont Rohrbach. Das Durchschnittsalter der Kader: Füchse 24,8 und Eislöwen 26,2 Jahre. Das ist seit Jahren die erfolgreiche Strategie in der Lausitz, deren Ergebnis Rohrbach „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ sieht, denn: Wenn Spieler den Sprung schaffen, sind sie schnell wieder weg.

Wie beispielsweise Swinnen. Der Stürmer war 20, als er 2014 zu den Füchsen kam und „noch sehr verspielt“, wie sich der damalige Trainer Rohrbach erinnert, „aber er hatte schon die läuferische und technische Qualität“. Weil Swinnen bei einer B-WM für die belgische Nationalmannschaft nominiert war, galt er trotz deutscher Staatsbürgerschaft nicht – wie gedacht – als U23-Spieler. Dennoch erhielt er in Weißwasser seine Chancen, startete in der dritten Saison 2016/17 richtig durch: 28 Tore und 24 Vorlagen in 50 Spielen, eine sensationelle Quote.

Dresden als gutes Pflaster für den Neustart

Danach erhielt er ein Angebot aus Ingolstadt, erste Liga. „Klar, wir haben ihn drei Jahre lang dahin gebracht, überhaupt in der DEL anklopfen zu können“, meint Rohrbach. Im Nachhinein könne man schlau sagen, es sei für ihn zu früh gewesen, denn danach hatte Swinnen keine gute Zeit, kam auch in Bietigheim nicht zum Zuge - und kehrte nach Sachsen zurück. Jetzt spielt er für Dresden, hat allerdings erst ein Tor erzielt.

Rohrbach hat auch bei ihm angeklopft. „Er wollte einen kompletten Neuanfang, Dresden erschien ihm dafür ein gutes Pflaster.“ Dabei stammt Swinnens Freundin Linda aus Weißwasser. Dass die Attraktivität der Stadt ausschlaggebend ist, glaubt der Füchse-Manager jedoch nicht. „Die gestandenen Spieler gucken in erster Linie aufs Gehalt“, sagt Rohrbach. „Natürlich können wir nicht mit der Landeshauptstadt konkurrieren, aber es gibt in der Lausitz auch schöne Städte wie Bautzen, Görlitz oder Cottbus. Und wir reden ja von keinen großen Entfernungen.“

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Das gilt inzwischen auch für die Tabelle, in der die Füchse auf Rang elf und damit in die Abstiegszone gerutscht sind, während die Eislöwen nach ihrer Krise zwei Plätze dahinter liegen und wieder Anschluss gefunden haben. „Es fehlt das Salz in der Suppe ohne die Begeisterung der Zuschauer, die Emotionen auf den Rängen“, meint Rohrbach, aber: „Die Spieler wissen um die Brisanz dieses Derbys, sie werden es so angehen, als wären die Fans in der Halle dabei.“

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