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Dynamo macht erhebliche Verluste wegen Corona

Der Verein ist finanziell gut abgesichert, aber der amtierende Geschäftsführer mahnt: Wenn es so weitergeht, reicht das Eigenkapital nur anderthalb Jahre.

Enrico Kabus ist Dresdner und Finanzfachmann. Bis Jahresende führt er die Geschäfte bei Dynamo.
Enrico Kabus ist Dresdner und Finanzfachmann. Bis Jahresende führt er die Geschäfte bei Dynamo. © Foto: SGD/Steffen Kuttner

Dresden. Er ist schon seit zehn Jahren Dynamos Herr der Zahlen, sorgt im Hintergrund als Leiter Finanzen für solide Planungen und korrekte Abrechnungen. Doch nun trägt Enrico Kabus als Interimsgeschäftsführer die Verantwortung für den kaufmännischen Bereich bei dem Fußball-Drittligisten. Nach der Trennung von Michael Born ist der 36 Jahre alte Dresdner eingesprungen und nimmt die Aufgabe bis Ende des Jahres wahr, erst im Januar übernimmt Jürgen Wehlend.

Es wäre sicher interessant, mehr über den Mann zu erfahren, der den Verein in einer schwierigen Zeit nach dem Abstieg und mit der Corona-Pandemie führt. Ein Gespräch für ein Porträt sei jedoch vor der für den 14. November geplanten Mitgliederversammlung unmöglich, Kabus fehlt schlichtweg die Zeit, heißt es auf Anfrage. Tatsächlich ist er extrem beschäftigt, wie er im ausführlichen Interview erzählt, das Dynamo auf seiner Homepage veröffentlicht hat. „Ohne meine Frau, die momentan zu Hause die volle Last trägt, würde ich das alles überhaupt nicht hinbekommen“, sagt er. Dem „Job“ als Vater zweier Kinder könne er gerade nicht so nachkommen, wie er es sich vorstellt: „Was mir manchmal auch unglaublich nahe geht.“

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Deshalb sei für ihn klar gewesen, diese Doppelfunktion nur vorübergehend auszuführen. Das will und muss Kabus jedoch mit vollem Einsatz, die sich permanent verändernde Lage erfordert Entscheidungen, und zwar kurz- wie langfristige. Seit März werde jedes erdachte Szenario gefühlt wöchentlich über den Haufen geworfen. „Das macht eine Vorausplanung so gut wie unmöglich“, sagt Kabus. „Trotzdem ist es eine Pflicht und Notwendigkeit, um den Verein lenken und steuern zu können.“

Ein Geisterspiel kostet 300.000 Euro

Dynamo steht finanziell bestens da, zumindest auf den ersten Blick. Das Eigenkapital betrug zuletzt gut zehn Millionen Euro und habe, wie der Interimschef berichtet, in der vorigen Saison kaum abgenommen. Die Verluste durch die vier Heimspiele ohne Zuschauer waren weniger groß, weil etwa die Hälfte der 17.000 Inhaber von Dauerkarten darauf verzichtete, das Geld ausgezahlt zu bekommen. Außerdem haben 92 Prozent der Sponsoren trotz fehlender Werbepräsenz die vertraglich vereinbarte Summe überwiesen.

Allerdings fehlen Dynamo durch den Abstieg allein rund acht Millionen Euro an Einnahmen aus den Fernsehrechten. Die Hoffnung, wenigstens ein Drittel der Fans ins Rudolf-Harbig-Stadion lassen zu können, hat nach den zwei vielversprechenden Spielen im DFB-Pokal gegen den Hamburger SV und in der Liga gegen Mannheim einen herben Dämpfer erlitten, zuletzt waren nur 999 Besucher zugelassen, wie viele es am Samstag gegen Meppen sein werden, ist derzeit offen. Vermutlich weniger – bis keiner.

Enrico Kabus bleibt derzeit wenig Zeit für die Familie. Als Interimsgeschäftsführer muss der 36-Jährige Lösungen finden, wie Dynamo die Einnahmeverluste wegen der Corona-Krise einigermaßen ausgleichen kann.
Enrico Kabus bleibt derzeit wenig Zeit für die Familie. Als Interimsgeschäftsführer muss der 36-Jährige Lösungen finden, wie Dynamo die Einnahmeverluste wegen der Corona-Krise einigermaßen ausgleichen kann. © Foto: SGD/Steffen Kuttner

Kabus beziffert den Verlust durch ein Geisterspiel auf 300.000 Euro, hochgerechnet auf die Saison wären das sechs Millionen. Durch das spezielle Konstrukt von Abgaben und Beteiligungen im Nutzungsvertrag für das Stadion fehlen weitere Umsätze, was gleichzeitig die Projektgesellschaft als Betreiber der Spielstätte, den Caterer, den Ticketdienstleister und alle Lieferanten betrifft. „Das zieht letztlich das ganze Umfeld des Vereins in einen wahnsinnigen Negativstrudel“, sagt Kabus. Seine dramatische Hochrechnung: „Spielen wir weiterhin durchgehend vor 999 Zuschauern oder weniger, reicht das gesparte Geld noch rund anderthalb Jahre.“

Dabei sind die städtischen Zuschüsse für die Betriebskosten des Stadions und die Mehrkostenförderung für das neue Trainingszentrum fest eingeplant. Man sei „in sehr guten und partnerschaftlichen Gesprächen mit der Stadt und der Politik“, erklärt der Interimsgeschäftsführer. Dem entlassenen Born war unter anderem vorgeworfen worden, vor allem bei den Kosten für das Stadion keine für den Verein dauerhaft tragfähige Lösung erzielt zu haben. Dresdens Sportbürgermeister Peter Lames hatte im Gespräch mit der SZ bereits im September 2019 eine Einigung in Aussicht gestellt, die bis heute nicht zustande gekommen ist.

Es stehen harte Personalentscheidungen an

Der Stadion-Vertrag ist die einzige „Altlast“, die Dynamo nach zehn Jahren des erfolgreichen Wirtschaftens, einst eingeleitet von den Geschäftsführern Stefan Bohne und Volker Oppitz, geblieben ist. Das Darlehen von Medienunternehmer Michael Kölmel aus den Jahren 1999 bis 2001 wurde vollständig zurückgezahlt, inklusive des Rückkaufs der Fernsehrechte waren das 7,7 Millionen Euro, die letzte Rate im August 2016. „Es ist fantastisch zu sehen, was hier alle miteinander geschaffen haben“, sagt Kabus. „Das ist grundsätzlich nicht selbstverständlich, weil ganz viel harte Arbeit, Überstunden, Herzblut und Engagement dahinterstecken.“

Dennoch kündigt Kabus nun einen Sparkurs an, um einer erneuten finanziellen Schieflage vorzubeugen. „Es wäre naiv und fatal, einfach alles unter dem Prinzip Hoffnung so weiterlaufen zu lassen“, erklärt er in dem Interview. Die Corona-Pandemie werde weder bald vorüber sein, noch könne man anschließend direkt in den Normalzustand übergehen. „Wir tun im operativen Geschäft also gut daran, uns schon jetzt auf die großen Herausforderungen von morgen und übermorgen mit aller Ernsthaftigkeit akribisch vorzubereiten.“

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Nach dem Abstieg hatte Born im Juli noch Kündigungen ausgeschlossen. Diese Aussage ist nicht mehr zu halten. Kabus kündigt bei den Maßnahmen, die das Überleben des Vereins mittel- und langfristig sichern sollen, auch „harte Personalentscheidungen“ an. Das werde Auswirkungen darauf haben, „was wir als Drittligist in welcher Qualität in den einzelnen Fachbereichen noch leisten und welche Angebote wir in welchem Standard aufrechterhalten können“, erklärt Kabus. Dynamo beschäftigt rund 80 Festangestellte, zu denen auch die Spieler, Trainer und Betreuer der Profi-Mannschaft gehören.

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