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Dynamos Machtkampf mit den eigenen Fans

Die Randale vom Aufstiegsspiel wirken nach. Die Vereinsführung drängt, rigorose Aufklärung wollen aber längst nicht alle. Doch es gibt auch Fortschritte.

Beim Testspiel im Trainingslager machen Dynamos Fans deutlich, was ihnen wichtig ist – Pyrotechnik inklusive.
Beim Testspiel im Trainingslager machen Dynamos Fans deutlich, was ihnen wichtig ist – Pyrotechnik inklusive. © Lutz Hentschel

Dresden. An Arbeit mangelt es bei Dynamo Dresden nie. So viel ist zu tun, um die Entwicklung des Vereins, der in absehbarer Zukunft in der Fußball-Bundesliga und irgendwann gerne wieder im Europapokal spielen will, voranzutreiben.

Die Krawalle rund um das Aufstiegsspiel am 16. Mai gilt es außerdem aufzuarbeiten – inklusive der Stadionverbote für identifizierte Gewalttäter. Zumindest sportlich läuft es, selbst wenn es sich bei den sieben Neuzugängen bislang auf den ersten Blick nicht um die erwarteten Top-Verstärkungen handelt.

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„Wir geben zurück, was wir erhalten haben“
„Wir geben zurück, was wir erhalten haben“

Den Dresdnern war während der Jahrhundertflut 2002 bundesweit geholfen worden. Nun will Dresden den aktuellen Hochwasseropfern helfen.

Dynamos Sportgeschäftsführer Ralf Becker strahlt im Trainingslager im thüringischen Heiligenstadt dennoch eine Gelassenheit aus, von der sein fürs Kaufmännische verantwortliche Kollege derzeit nur träumen kann. Jürgen Wehlend lässt sich das nicht anmerken. Doch für ihn kommt einiges zusammen in diesen Tagen, in denen bei Dynamo die nichtsportlichen Themen mittlerweile ein deutliches Übergewicht eingenommen haben – mit der Blau-Panne als vorläufigen Höhepunkt.

Klarer Erfolg für aktive Fanszene

Dass der Verein nach massiven Protesten seiner Anhänger die in Blau gehaltene Freizeitkollektion des neuen Ausrüsters Umbro zurückgezogen hat, darf Dynamos aktive Fanszene mit den Ultras als Wortführer als klaren Erfolg für sich verbuchen. „Die Entscheidung war ein Fehler von uns“, gestand Wehlend und übernahm die komplette Verantwortung – obwohl er erst seit 1. Januar dieses Jahres im Amt ist. Die Gespräche mit Umbro waren da schon abgeschlossen.

Fakt ist: Die blauen Kleidungsstücke, im Fanshop trotz allem ein Verkaufsschlager, werden von den Profis seit Samstag nicht mehr getragen. Eine Woche zuvor beim Testspiel gegen Hertha BSC II hatte die aktive Fanszene mit zwei Plakaten („Der größte Feind für unsere Reihn wird immer blau gekleidet sein“ und „Bis auch der letzte Wessi es peilt: In Dresden werden nur blaue Augen verteilt“) die rigorose Ablehnung öffentlich gemacht.

Nun geht der Machtkampf offenbar in die nächste Runde, nachdem es vergangenen Samstag im Trainingslager-Test gegen Braunschweig das nächste Plakat gegeben hat. Streitpunkt diesmal: die Rückkehr der Fans in die Stadien nach dem Corona-Lockdown. Dynamo plant fürs erste Heimspiel am 24. Juli mit bis zu 16.000 Zuschauern, also halbe Stadionkapazität. Mindestens 10.000 sollen es in jedem Fall sein.

Ultras bestehen auf Gästefankontingente

Dem Hamburger SV, bei dem Dynamo danach am 1. August antritt, liegt sogar schon die behördliche Genehmigung vor. 30 Prozent, das sind 17.100 Fans, erlaubt die Stadt, jedoch muss es sich ausschließlich um Einwohner Hamburgs handeln. Der HSV prüft eine Beschwerde. Und Dynamos Fanszene stellt via Plakat klar: „Wie immer gilt – 10 % Gästefans. Unverhandelbar!!“

Jene zehn Prozent sind das feststehende Kontingent an Gäste-Fans im deutschen Profi-Fußball – bis Corona kam. Mit dem generellen Verbot von Gäste-Fans zog sich bei Dynamo auch die aktive Fanszene aus dem Rudolf-Harbig-Stadion zurück. Eine Erklärung lieferten die Ultras im September 2020: „Wenn die Auslastung des Stadions einfach so massiv beschränkt ist, dass tausende Dynamofans bei Heimspielen draußen bleiben müssen und wir gar nicht erst zu Auswärtsspielen anreisen dürfen, überall Abstandsgebote eingehalten und Gesichtsmasken getragen werden müssen, können wir als Fanszene nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen und tun, als wäre die Welt im Dynamoland in Ordnung.“ An der Haltung hat sich nichts geändert. Und so tun, als wäre die schwarz-gelbe Welt in Ordnung, ist nach den Aufstiegsspiel-Randalen ohnehin unmöglich.

Aufklärungstempo gefällt nicht allen

Das Thema bestimmt nach wie vor die Agenda Wehlends, der sich öffentlich an seinen Worten messen lassen muss, dass die Aufklärung im Verein samt Konsequenzen diesmal nicht versandet. Dies sei kein leichter Weg, „gerade mit den sehr heterogenen Fangruppen, die Dynamo immer wieder im Positiven wie leider auch im Negativen auszeichnen“, wie er sagt.

Intern sind mit Tempo und Hartnäckigkeit, die der gebürtige Dresdner an den Tag legt, längst nicht alle einverstanden. Und dann ist da noch das kontrovers diskutierte Thema „personalisierte Tickets“, das Sachsens Innenminister Roland Wöller zur Chefsache erklärt hat, das aber nicht nur von Dynamos Fans kategorisch abgelehnt wird.

Und doch gibt es Fortschritte. Vergangene Woche tagte Dynamos Stadionverbots-anhörungskommission, um sich mit den 58 Personen zu befassen, für die die Polizei infolge der Vorfälle vom 16. Mai ein Stadionverbot empfohlen hat. Entscheidungen sollen zeitnah fallen.

Geschäftsführer Wehlend befürwortet Beirat

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Wehlend regt zudem die Gründung eines Beirats in Dresden an, dem Stadt, Land, Verein, Fanprojekt und Verband angehören könnten und der sich konkret mit den Aufgaben Prävention, Sicherheit und Fankultur befasst. Und er drängt auf eine Podiumsveranstaltung, für die auch Wöller zugesagt hat. Nur an der genauen Terminierung hakt es noch.

Es gibt also weiter gut zu tun. Gleichzeitig gärt es im Verein wie lange nicht, und die Frage scheint nur zu sein, wann und wie sich der Druck das nächste Mal entlädt.

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