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Dresden: Wie Dynamos Aufstiegs-Jubel eskalierte

Noch während Dynamo Dresden den Aufstieg in die 2. Bundesliga perfekt macht, randalieren Anhänger vor dem Stadion. Es gibt Verletzte - Polizisten und Fans.

Polizisten stehen vor dem Rudolf-Harbig-Stadion Dynamo-Fans gegenüber.
Polizisten stehen vor dem Rudolf-Harbig-Stadion Dynamo-Fans gegenüber. © Sebastian Kahnert/dpa

Dresden. Den lange sonnigen Nachmittag nutzen junge Familien mit ihren Kindern für einen Ausflug zum Spielplatz Blüherpark. Wenige Meter weiter üben Jugendliche, auf einer Slackline zu balancieren. Frisbeescheiben fliegen durch die Luft. Ein kleines Mädchen winkt einem unter der Last seiner schweren Ausrüstung schwitzenden Polizisten zu und wird freundlich zurückgegrüßt. Nur das Explodieren von Feuerwerk, das von der anderen Seite des Rudolf-Harbig-Stadions herüberdringt, erinnert daran, dass dies kein normaler Sonntagnachmittag in Dresden ist.

Gleich um die Ecke tobt ein Straßenkampf, es gibt Krawalle und Verletzte. Es ist eine Eskalation der Gewalt, wie man sie in dieser Stadt schon lange nicht mehr erlebt hat. Dabei ist der Anlass, warum sich Tausende im und am Großen Garten treffen, eigentlich ein freudiger. Dynamo kehrt nach einem Jahr in der 3. Liga durch einen 4:0-Sieg gegen Türkgücü München im letzten Heimspiel der Saison in die 2. Bundesliga zurück. Während die Mannschaft auf dem Rasen ausgelassen feiert und sich die Aufsteiger-Shirts überzieht, rasen auf der Straße vor dem Stadion Krankenwagen mit Blaulicht vorbei. Auch das ist ein krasser Gegensatz an diesem Nachmittag.

Vorbereitet wurde der schon lange vorher. Bei der Beratung mit dem Verein, der Stadt, der Polizei und anderen Sicherheitsbehörden wird lange und wohl auch emotional um die richtige Strategie gerungen, wie die Anhänger den Erfolg feiern können, ohne gegen die Corona-Auflagen zu verstoßen. Vorgeschlagen wird etwa, in der Flutrinne ein Autokino aufzubauen, damit die Fans dort das Spiel hinterm Lenkrad verfolgen und jubeln können. Das wird abgelehnt. Daran zu glauben, dass alle brav in ihren Autos bleiben, ist doch etwas naiv.

Die Polizei filmt bei ihrem Einsatz, um später Beweise gegen Beschuldigte zu haben.
Die Polizei filmt bei ihrem Einsatz, um später Beweise gegen Beschuldigte zu haben. © dpa/Sebastian Kahnert

Es setzt sich schließlich ein Einsatzkonzept durch, bei dem das Stadion weiträumig abgesperrt werden soll. Damit will man offensichtlich verhindern, was beim letzten Heimspiel der vergangenen Saison passierte: Beim 2:2 gegen den VfL Osnabrück, mit dem Dynamos Abstieg in die Drittklassigkeit besiegelt wurde, hatten sich nach Polizeiangaben mindestens 2.000 Fans vor dem Stadioneingang getroffen, „die sich nicht an die Abstands- und Hygienevorschriften hielten. Maßnahmen zur Einhaltung des Infektionsschutzes wurden zum Großteil ignoriert und abgelehnt“, wie es damals in einem Polizeibericht hieß. 36 Verfahren wurden danach eingeleitet, darunter vier Strafverfahren wegen Beleidigung, 29 Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen des Verwendens von Pyrotechnik sowie drei Ordnungswidrigkeitenverfahren wegen Verstößen gegen die Corona-Schutzverordnung.

Diesmal wird von ganz anderen Größenordnungen ausgegangen, Zahlen zwischen 10.000 und 20.000 machen die Runde. Und das in Corona-Zeiten. Zudem gebe es „Bestrebungen aus dem Milieu der ‚Querdenker‘, sich unter die Dynamo-Fans zu mischen“, erklärt Polizeisprecher Marko Laske. Die Corona-Kritiker hatten für Samstag mehrere Demos angemeldet, die mit Verweis auf die Schutzverordnungen verboten wurden. Das ursprünglich für Samstag angesetzte Spiel verschob der Deutsche Fußball-Bund auf Anraten der Polizei trotzdem vorsorglich auf Sonntag.

Die Demos verbieten, eine Aufstiegsfeier aber erlauben? Aus Sicht der Behörden unmöglich. Polizeipräsident Jörg Kubiessa appelliert deshalb an die Dynamo-Anhänger: „Kommt nicht zum Stadion! Setzt die in Aussicht stehenden Lockerungen nicht leichtfertig aufs Spiel! Tragt euren Anteil zum Gesundheitsschutz bei, indem ihr coronakonform zu Hause feiert!“

So ähnlich formuliert es auch Oberbürgermeister Dirk Hilbert, der Verein schließt sich dem Aufruf ebenfalls an, verweist in seinen ausführlichen Informationen zum Spiel auch darauf, dass es seit März 2020 „bei keinem Heim- oder Auswärtsspiel etwaige negative Vorkommnisse gab, die auf Dresdner Anhängerinnen und Anhänger zurückzuführen sind“. Ahnten die Verantwortlichen bereits, was kommt?

Elf Hundertschaften Polizei und mehrere tausend Fans

Die Behörden befürchteten wohl, dass einige Fans versuchen könnten, die Eingangstore zu stürmen, um ins Stadioninnere zu gelangen. Auch das soll verhindert werden. Nahezu die gesamte Lennéstraße wird deshalb mit Einsatzfahrzeugen „eingezäunt“, insgesamt sind nach Informationen von Sächsische.de elf Hundertschaften im Einsatz, Kollegen aus Brandenburg und Sachsen-Anhalt helfen ebenso aus wie Bereitschafts- und Bundespolizei.

„Wenn sie gewinnen, bleibt alles friedlich“, erklärt ein vorbeiradelnder Vater seinem angesichts der Vielzahl der Beamten und des am Himmel kreisenden Hubschraubers verängstigten Sohn. „Wenn ich mir da so manche Leute hier anschaue, bezweifle ich das“, kontert die Mutter. Zunächst bleibt es tatsächlich friedlich.

Die Anhänger, Schätzungen reichen von 2.000 bis 10.000, versammeln sich zum Großteil zwischen den beiden Biergärten an der Hauptallee im Großen Garten. Es wird gezündelt, aus dem K-Block bekannte Schlachtrufe sind zu hören. Die Polizei erinnert in regelmäßigen Abständen mit Lautsprecherdurchsagen daran, dass es nach einem möglichen Sieg keine Möglichkeit geben wird, die Mannschaft zu feiern. Außerdem bittet sie, den Mund-Nasenschutz anzulegen und das Zünden der Pyrotechnik zu unterlassen. Deeskalationsteams sind unterwegs.

Als nach gut einer Stunde das vorentscheidende 3:0 fällt, eskaliert die Lage plötzlich. Aus der Masse heraus feuern Randalierer in Richtung der Beamten Silvesterraketen und Bengalos und versuchen, die Kette zu durchbrechen. Mehrmals. Das misslingt, die Angreifer werden zurückgedrängt. Die Einsatzleitung reagiert, vom Parkplatz, auf dem sonst die Autos der Spieler stehen, rollen zwei Wasserwerfer sowie der Panzerwagen los – und kommen später auch zum Einsatz.

Als der Schiedsrichter die Partie abpfeift und der Aufstieg damit perfekt ist, schallen nur kurz „Dynamo“-Rufe durch den Park. Dann geht es weiter, die Polizisten werden nun auch mit Flaschen und Pflastersteinen beworfen, die wiederum Tränengas einsetzen. „Wir werden seit 15.30 Uhr permanent und vehement angegriffen“, erklärt Laske. Während der Großteil der Anhänger ernüchtert den Heimweg antritt, randaliert eine Gruppe von rund 500 weiter. Mit herangeschleppten Bauzäunen versuchen sie, eine Art Barrikade auf der Straße zu errichten. Am Abend meldet die Polizei elf verletzte Beamte und mehrere beschädigte Autos.

Das Fanprojekt Dresden twittert, wo Menschen, „die sich schwerer verletzt haben, medizinische Versorgung erhalten“ können. Dynamo sendet kurz nach 18 Uhr über die sozialen Kanäle eine Videobotschaft vom dienstältesten Profi Marco Hartmann, der im Mittelkreis steht. „Wir sind seit Stunden hier, trinken Bier, essen Pizza und haben uns das alles anders vorgestellt. Wir können nicht zu euch raus, das wäre nicht zu verantworten. Bitte geht jetzt nach Hause“, sagt er.

Auch der Verein äußert sich. Es sei sehr viel aufzuarbeiten und „sehr schade, dass dieser Tag so schwer beschädigt wurde“. Oberbürgermeister Hilbert findet da schon deutlichere Worte. „Die Gewalt am Stadion gegenüber den Einsatzkräften ist nicht akzeptabel“, erklärt er und betont: „Wir mussten als Gesellschaft in den vergangenen Monaten auf eine Menge verzichten, und auch unsere Grundrechte wurden stark eingeschränkt.

Umso geringer ist mein Verständnis, wenn sogenannte Fußballfans meinen, sie würden außerhalb dieser geltenden Regeln und Gesetze stehen. Die Gewalt und Aggressivität nach Spielende sind leider ein bitterer Beigeschmack für diesen sportlich so wichtigen Tag.“

Hartmann verspricht den Fans in dem Video noch, dass man irgendwann den Aufstieg nachfeiern werde. Stefan Bloch, Sachsen-Chef der Weißen Flotte, hatte da bereits einen konkreten Vorschlag. Er wollte die Aufstiegsmannschaft auf eine Fahrt zwischen Königsufer und Terrassenufer einladen. Doch die Stadt hat das bereits abgesagt, sie befürchtete zu große Menschenansammlungen am Elbufer und auf den Brücken, verwies jedoch auf die Zeit nach dem 30. Mai und mögliche Lockerungen. Nach den Ausschreitungen vom Sonntag dürfte das Thema aber wohl erledigt sein.

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Es war ein Nachmittag der Gegensätze. Ganz sicher war es aber der traurigste Aufstieg, den Dynamo je erlebt hat.

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