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Er ist Dynamos neue Führungskraft

Der Österreicher Michael Sollbauer hat zuletzt in England gespielt. Wie er den Fußball vergleicht und was er über Dresden denkt - seine ersten Eindrücke.

Ob im Spiel oder im Training: Tattoo-Fan Michael Sollbauer sagt bei Dynamo, wo es langgeht.
Ob im Spiel oder im Training: Tattoo-Fan Michael Sollbauer sagt bei Dynamo, wo es langgeht. © Lutz Hentschel

Dresden. Vielleicht ist er Dynamos Königstransfer, obwohl in diese Kategorie eigentlich eher diejenigen eingeordnet werden, die Tore versprechen oder besonders kreativ sind. Michael Sollbauer ist eher der Typ solider Arbeiter, was überhaupt nicht despektierlich gemeint sein soll. Vielmehr ist es ein Kompliment für einen, der in der Defensive schuften muss. Auf jeden Fall ist der 31 Jahre alte Österreicher der mit Abstand erfahrenste Neuzugang bei Dynamo Dresden, hat elf Jahre in seiner Heimat in der ersten Liga und zuletzt in der zweiten englischen Liga gespielt.

Auf der Insel hat er mit dem FC Barnsley sogar am Aufstieg zur Premier League gekratzt, als „absoluten Leader-Typ“ bezeichnet ihn Sportgeschäftsführer Ralf Becker: ein „selbstbewusster Verteidiger, der eine Mannschaft auf dem Platz anleiten und mitreißen kann“. Führungsspieler, Stammkraft also. Sollbauer bildet mit Tim Knipping ein abwehrstarkes Duo, in den bislang vier Spielen hat Dynamo lediglich zwei Treffer kassiert, was natürlich ein Verdienst aller ist, aber auch ein Ausdruck für eine gut funktionierende letzte Reihe.

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Deshalb muss sich sogar der Kapitän hinten anstellen. „Auch Sebastian Mai muss erkennen, dass die Innenverteidigung in der aktuellen Besetzung sehr gut funktioniert“, erklärt Alexander Schmidt dazu im Stadionmagazin Kreisel – und der Trainer stellt klar: „Ich werde in einem gut funktionierenden System nicht einfach so fünf Spieler austauschen.“ Zumindest nicht in der Startelf, die Wechsel während des Spieles gehören zu seiner Strategie.

"Ruhe am Ball, taktisch gut und ein gutes Auge"

So kam Mai gegen Hannover rein und erzielte per Kopf das 2:0. „Das hat den Abend gekrönt“, sagt Schmidt. Es dürfte jedoch an der derzeitigen Reservistenrolle des Spielführers auch für das Ost-Duell bei Hansa Rostock am Samstagabend nichts ändern. Denn es gibt keinen Grund, an Knipping/Sollbauer zu rütteln. Die Leistung des einen nennt Schmidt „unfassbar“, und der andere erfülle, was er sich von ihm erwartet habe: „Ruhe am Ball, er ist taktisch gut, hat ein gutes Auge, antizipiert sehr gut“, sagt der Trainer über Sollbauer.

Von Anfang an zweikampfstark und abgeklärt: Dynamos Neuzugang Michael Sollbauer (r.) setzt sich hier im ersten Saisonspiel gegen Dennis Eckert vom FC Ingolstadt durch. Die Dresdner gewannen mit 3:0.
Von Anfang an zweikampfstark und abgeklärt: Dynamos Neuzugang Michael Sollbauer (r.) setzt sich hier im ersten Saisonspiel gegen Dennis Eckert vom FC Ingolstadt durch. Die Dresdner gewannen mit 3:0. © dpa/Robert Michael

Dabei ist es für ihn gar nicht so einfach, in Dresden anzukommen. „So ein Wechsel bringt immer eine spannende Zeit mit sich. Die Übersiedlung von England nach Deutschland über Österreich bedeutet ein paar Wege, die erledigt werden müssen“, sagt Sollbauer. Außer einer passenden Wohnung musste er einen Kindergartenplatz für seinen Sohn finden, der zweieinhalb Jahre alt ist. Der Kleine fehlt ihm – und er dem Kleinen. „Mit der Technologie geht es sehr gut, dass man ihn zumindest sieht, aber sich zu spüren ist noch mal etwas anderes.“

Der Papa hofft, die Familie spätestens bis zum nächsten Heimspiel gegen Paderborn am 29. August bei sich zu haben. „Ich freue mich, dass sie Dresden bald miterleben können. Es ist eine sehr, sehr schöne Stadt“, sagt er. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Familie und ich uns hier richtig wohlfühlen werden.“ Das Lebensgefühl müsse passen, „weil man sich nur dann voll auf den Fußball konzentrieren kann.“

Der sei hier anders als in England, meint er, auch wenn sich das nach wenigen Spielen nicht endgültig bewerten lasse. „Wir brauchen uns vom Niveau auf keinen Fall zu verstecken vor der englischen zweiten Liga“, sagt Sollbauer – und er erklärt den Unterschied: „Hier wird sehr viel Wert auf Ballbesitz und taktische Dinge gelegt. Auf der Insel wird dieses Kick-and-rush wirklich gelebt. Das wollen die Zuschauer auch so sehen, von 24 Mannschaften in der zweiten Liga spielen mindestens 20 so.“

Auf der Insel wird weniger gepfiffen

Die Intensität sei zwar so hoch wie hier, aber es stecke eine andere Idee dahinter. „Das schnelle, direkte Spiel in die gegnerische Hälfte, vermehrt mit dem langen Ball, viele Zweikämpfe.“ Und diesen Vergleich kann er schon ziehen: „Es wird weniger gepfiffen, wenn mal die Köpfe zusammenkommen.“ Die englische Härte ist also nicht nur ein Mythos, sondern wird gelebt.

Trotzdem sei ihm die Umstellung jetzt leichter gefallen als andersrum. „In England habe ich einige Zeit gebraucht, um mich an diese Spielweise zu gewöhnen“, räumt Sollbauer ein. Zudem lief der Einstieg für ihn alles andere als optimal. Im Januar 2020 kam er vom Wolfsberger AC nach Barnsley, zwei Monate später ruhte der Ball wegen der Corona-Pandemie.

„Wir wollten gerade zu einem Auswärtsspiel aufbrechen, als wir hörten, dass sich Arsenal-Trainer Mikel Arteta angesteckt hatte“, erzählte Sollbauer dem Kreisel. „Unser Trainer hat uns in der Kabine gesagt, dass es besser für uns ist, das Land so schnell es geht zu verlassen, weil bald keine Heimreise mehr möglich sein könnte.“ In wenigen Stunden hat er mit seiner Familie die Sachen gepackt, ist über Umwege nach Österreich gekommen und konnte dort zwei Monate lang individuell trainieren. Anschließend fuhr er alleine zurück, weil die Corona-Situation zu Hause entspannter war als im Königreich.

Mit Barnsley Klasse gehalten, dann fast aufgestiegen

Mit Barnsley schaffte Sollbauer am letzten Spieltag der Saison 2019/20 den Klassenerhalt. Im zweiten Jahr ist die Mannschaft dann Fünfter geworden. „Das kann auch eine Parallele zu Dynamo sein: Nach einer intensiven Saison, in der man Großes erreicht hat, wächst man zusammen.“

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Obwohl er neu dazugekommen ist, fühlt er sich gut aufgehoben. „Die Leute in der Stadt und im Verein sind sehr freundlich.“ In der Kabine sei er auch für einen Spaß zu haben, aber: „Ich weiß auch, wenn es ernster zur Sache gehen muss.“ Er stecke sich grundsätzlich höhere Ziele. „Deshalb bin ich nicht hierher gekommen, um gegen den Abstieg zu spielen“, erklärt Sollbauer. „Das klingt jetzt etwas pauschal, aber als Spieler möchte ich mit der Mannschaft das bestmögliche Ergebnis erzielen. Ich will ein positives Jahr haben.“

Er selbst kann dabei eine entscheidende Führungskraft sein, und als solche sieht er sich selbst. „Ich möchte vorangehen, egal, ob es gut oder schlecht läuft.“ Derzeit könnte es kaum besser laufen. Für Sollbauer bei und mit Dynamo.

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