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Wird eigentlich auch Dynamos Pöbel-Fan bestraft?

Nach dem Eklat wurden Toni Leistner und Dynamo verurteilt. Doch was ist mit dem Fan, der den Spieler massiv beleidigt hat? Der Verein verfolgt dabei jetzt zwei Wege.

Die Szene machte deutschlandweit Schlagzeilen: Toni Leistner greift den pöbelnden Dynamo-Fan an, drückt ihn zu Boden.
Die Szene machte deutschlandweit Schlagzeilen: Toni Leistner greift den pöbelnden Dynamo-Fan an, drückt ihn zu Boden. © Screenshot: SZ-Bildstelle

Dresden. Wahrscheinlich sind die Sportrichter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die schnellsten im Lande. Ein rechtskräftiges Urteil nur wenige Tage nach der Tat – da können die Kollegen aus den Amtsgerichten nicht ansatzweise mithalten. Im Fußball muss es fix gehen, weil die Strafen meist Auswirkungen aufs nächste Spiel haben. Da ist Eile geboten.

So bekam Toni Leistner bereits vier Tage nach dem DFB-Pokalspiel in Dresden eine Sperre von fünf Pflichtpartien sowie 8.000 Euro aufgebrummt. Nach seinem Einspruch wurden daraus zwei Zweitliga- und zwei Pokalspiele, die Geldstrafe reduzierte sich auf 6.000 Euro. Bei Dynamo als Gastgeber des Duells hatte es der DFB nicht ganz so eilig, knapp einen Monat nach dem überraschenden 4:1-Sieg der Dresdner gegen den Hamburger SV verurteilte das Sportgericht den Drittligisten wegen „unsportlicher Verhaltensweisen“ von Zuschauern zur Zahlung von 2.000 Euro.

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Den Auslöser des Eklats, der Fan also, der nach dem Schlusspfiff HSV-Verteidiger Leistner „angepöbelt und beleidigt“ hat, wie es der DFB-Richter formulierte, wurde noch nicht bestraft. Da Leistner, gebürtiger Dresdner und Ex-Dynamo, auf eine Anzeige gegen ihn verzichtete, kann nur der Verein selbst aktiv werden. Macht er das auch?

„Die sorgfältige Prüfung des Vorfalls dauert noch an“, erklärt Interimsgeschäftsführer Enrico Kabus auf SZ-Anfrage. „Auf Antrag des Präsidiums beschäftigt sich der Ehrenrat mit dem Fall und wird entscheiden, ob und wenn ja, welche Konsequenzen der Verein aus seiner Satzung heraus ziehen kann.“ Die Spanne reicht bei vereinsschädigendem Verhalten von einem Verweis über ein Ordnungsgeld bis 1.000 Euro bis zu einem befristeten oder dauerhaften Ausschluss.

Vereinsschädigend war der Auftritt des Anhängers, der bei einem Anruf bei Tag24 erklärte, Dynamo-Mitglied zu sein, definitiv. Der beeindruckende Sieg geriet beinahe zur Nebensache, deutschlandweit sorgte vor allem der Zwischenfall für Schlagzeilen. Leistner war auf die Tribüne geklettert, um den Fan zur Rede zu stellen, drückte ihn dabei zu Boden. Danach entbrannte eine Diskussion darüber, was sich gut bezahlte Fußball-Profis gefallen lassen müssen – und was nicht. Leistner selbst behauptete, „massiv“ und „extrem unter der Gürtellinie“ beleidigt worden zu sein. Dabei sei es auch gegen seine hochschwangere Frau sowie seine Tochter gegangen. „In dem Moment sind mir die Sicherungen durchgebrannt“, erklärte der Abwehrspieler in einer ersten Reaktion.

Die Mitgliedschaft entziehen als Lösung?

Später mischte er sich dann selbst mit in die Debatte ein und unterbreitete einen Vorschlag: „Vielleicht können die Klubs mitwirken, indem sie solchen Fans die Mitgliedschaft entziehen, damit sie nicht mehr an Tickets kommen. Eine Eintrittskarte für einen Zuschauer ist nicht der Freifahrtschein, Menschen auf eine übelste Art und Weise zu beleidigen.“

Ob Dynamo zur härtesten Strafe greift, müssen die Gremien entscheiden. Positioniert hatte sich der Verein. Mehrfach. Das Verhalten seines Mitgliedes bezeichnete Dynamo als „schockierend und beschämend“, vermittelte eine telefonische Aussprache zwischen dem Fan und Leistner und äußerte Verständnis für die Kurzschlussreaktion des HSV-Profis. Mehr geht da kaum – als ersten Schritt.

Würde nun aber der zweite, also eine – in welcher Form auch immer geartete – Bestrafung des Mitgliedes ausbleiben, könnte das den Eindruck vermitteln, Dynamo lässt den Worten keine Taten folgen. Und das wäre fatal. Kabus, der im Januar vom neuen kaufmännischen Geschäftsführer Jürgen Wehlend abgelöst wird, betont, dass der Fan den Vorfall „ausdrücklich bedauert, sein Fehlverhalten eingestanden und dafür um Entschuldigung gebeten hat“. Dies hatte Leistner allerdings auch, trotzdem sperrte ihn der DFB für vier Spiele.

Kabus nimmt die SZ-Anfrage zum Anlass, auf Grundsätzliches hinzuweisen, vor übertriebenen Erwartungen und einer Schwarz-Weiß-Malerei zu warnen. „Die Fanarbeit, die wir seit vielen Jahren sehr ernst nehmen, wird immer auch mit Rückschlägen verbunden bleiben“, erklärt er und meint damit auch die Aktionen, in denen der Verein für Toleranz und gegen Ausgrenzung wirbt.

Zudem verweist Kabus auf den „rauen Ton“ in den Stadien und darauf, dass eine Gesellschaft ein Ventil brauche, um im Gleichgewicht zu bleiben. So würden auf den Rängen – in positiver Weise – „Alltagssorgen abgebaut“ und in negativer Weise „leider auch Grenzen überschritten“. Dynamo werde „weiterhin alles dafür tun, die positiven Kräfte unserer lebendigen Fankultur nachhaltig zu stärken“.

Auch der HSV-Trainer wird in Dresden beleidigt

Dass dies nötig ist, zeigte sich erst wieder in dieser Woche. In einem Interview mit Sport-Bild erklärte HSV-Trainer Daniel Thioune, dass auch er am Rande des Pokalspiels in Dresden beleidigt wurde. Dabei „sind in Richtung meiner Person Worte benutzt worden, die nirgendwo hingehören“, sagte der 46-Jährige. Die Hautfarbe sei ein Thema gewesen. „Das Offensichtliche, was mich am meisten verletzen könnte: das Aussehen und die Pigmentierung. Damit kann ich mittlerweile umgehen. Leider sind diese Art Beleidigungen immer noch ein großes gesellschaftliches Problem. Nur durch Reden werden wir es nicht verändern – sondern durch Handeln.“

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Auf eine Möglichkeit der Reaktion muss Dynamo im Fall des Pöbel-Fans aus formalen Gründen verzichten. Eine Umlegung der 2.000-Euro-Vereinsstrafe auf das Mitglied ist nicht möglich, da das Sportgericht in seinem Urteil nicht allein auf die Beleidigungen verweist, sondern auch auf zwei Bierbecher-Würfe. Nur wenn die Summe auf die einzelnen Vergehen aufgeschlüsselt worden wäre, hätte Dynamo die Möglichkeit gehabt, die Forderung bei dem Fan auch durchzusetzen.

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