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Duell im Dunkel

Lasertag gibt's jetzt auch in Pirna. Das Gefecht mit buntem Licht gilt als Funsport. Aber ist es auch gefährlich?

"Wer stehen bleibt, verliert." SZ-Reporter Jörg Stock streift mit seinem Phaser durch die Nachtlandschaft von Lasertag Pirna.
"Wer stehen bleibt, verliert." SZ-Reporter Jörg Stock streift mit seinem Phaser durch die Nachtlandschaft von Lasertag Pirna. © Daniel Schäfer

Das hier ist kein Kampf. Eher ein modernes Fangespiel, hat Diana gesagt. "Kopf abschalten und sorgenfrei Spaß haben." Diana sucht jetzt nach mir. Garantiert hält sie ihren Phaser im Anschlag. Aber ich habe auch einen. Wer zuerst lasert, macht die Punkte. "Go!", sagt die Stimme aus dem Off. Das Duell im Dunkel beginnt.

Eine Welt im Schwarzlicht, wabernde Nebel, pumpende Beats und Menschen, die mit Westen voller Blinkersensoren und pistolenartigen Apparaten durchs Terrain streifen - das ist Lasertag. Der Funsport, entwickelt in Amerika und Großbritannien, findet auch in Deutschland zunehmend Freunde. Über 150 Spielstätten soll es inzwischen landesweit geben. Jetzt hat auch Pirna seine Lasertag-Arena.

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Neue Idee für einen alten Tanzschuppen

Der Spielplatz liegt am Stadtrand, in einer rustikal wirkenden Gegend zwischen Bahn und Obi. Partygänger kennen den Ort noch als "Complexx Lounge". Die Disko ist längst Geschichte. Als Teil eines Immobilienpakets gelangte das Gebäude ins Eigentum von Dianas Familie. Diana Hayrapetyan, 28, heute selbst Immobilienkauffrau, und ihr Freund Marvin Teerling, 28, Diplom-Ingenieur in Architektur, machten sich den Bau zur Aufgabe.

Zwei Spielmätze, die Action lieben: Diana Hayrapetyan und Marvin Teerling haben das Lasergame nach Pirna gebracht.
Zwei Spielmätze, die Action lieben: Diana Hayrapetyan und Marvin Teerling haben das Lasergame nach Pirna gebracht. © Daniel Schäfer

Eine Aufgabe von 600 Quadratmetern. DJ-Podium, riesiger Bartresen, feuchte Zwischendecken, auf denen die Ratten spazieren gingen. Was damit anfangen? Das Duo, damals noch Studenten, verfiel auf die Idee Lasertag. Diana hatte das Spiel als Au-pair in den USA kennengelernt. Auch Marvin war begeisterter Tagger. Beide hatten sich schon durch diverse Hallen gespielt. Jetzt wollten sie ihre eigene haben.

Erst Vorlesung, dann Vorschlaghammer

Vormittags zur Uni, nachmittags zur Baustelle, Vorschlaghammer schwingen, alte Wände einreißen, neue Wände mauern, mit der Flex hantieren - oft bis in die Nacht. "Das war nicht lustig", sagt Diana. Aber es hat sich gelohnt, finden beide. Die Location kommt gut an bei den Leuten. Marvin, der Architekt, hat reichlich Gehirnschmalz in die Wegeführung investiert. Das Spielfeld wirkt deutlich größer, sagt er, als es ist.

Die Ausrüstung: Jeder Spieler erhält eine mit Sensoren bepackte Weste sowie den Phaser, der Infrarot- und Laserimpulse sendet.
Die Ausrüstung: Jeder Spieler erhält eine mit Sensoren bepackte Weste sowie den Phaser, der Infrarot- und Laserimpulse sendet. © Daniel Schäfer

Tatsächlich: Ein paar Schritte in den Raum gemacht, um ein paar Ecken gebogen, schon weiß ich nicht mehr, wo ich bin. Man kommt sich vor wie im Labyrinth aus der Rätselzeitung. Fußboden und Wände sind mit schwarzem Teppich bedeckt. Rennen fällt aus - Kollisionsgefahr. Aber es gibt Konturen, gezeichnet von farbigen Leuchtbändern. Anderthalb Kilometer davon haben sie hier vertackert, schätzen die Chefs.

Das englische Wort „tag“ steht für markieren. Lasertag ähnelt dem Benutzen einer Fernbedienung. Nur dass der Infrarotstrahl nicht den Fernsehsender umstellt, sondern die Sensoren auf meiner Weste aktiviert. Je nach Trefferzone gibt es Punkte: an der Schulter fünfzig, am Rücken hundert, am Bauch zweihundert. Der Computer zählt mit und wertet aus.

Lasergame auf dem Kindergeburtstag

Gespielt wird solo oder in Gruppen. Lasertag eignet sich prima fürs Teambuilding von Firmen, sagt Marvin Teerling. Aber es wird hier auch viel gefeiert, Junggesellenabschiede etwa, aber auch Kindergeburtstage. Besorgte Eltern rufen dann regelmäßig an, ob das riskant sei, ob die Laser blind machen. Teerling kann sie beruhigen. „Das ist überhaupt kein Thema.“

Im Labyrinth: Trennwände mit leuchtenden Kanten teilen das Spielfeld ein. Acht bis zwölf Personen sind die ideale Besetzung.
Im Labyrinth: Trennwände mit leuchtenden Kanten teilen das Spielfeld ein. Acht bis zwölf Personen sind die ideale Besetzung. © Daniel Schäfer

Die Lichtbündel beim Lasertag sind schwach und fürs Auge nicht gefährlich. Sie dienen der Orientierung und - hauptsächlich - dem Coolness-Faktor. Diskutiert wird über Lasertag eher wegen der Moral. Kritiker sehen in dem Spiel eine Verharmlosung von Schusswaffen, ja womöglich eine Vorstufe zu echter Gewalt.

Militärklamotten sind auf dem Feld tabu

Es gibt Varianten des Lasertag, die man "Tactical" nennt, und die starke Bezüge zum Kampf haben. Die Laserpointer sehen aus wie Sturmgewehre. Spielen darf man damit in der Regel erst ab 18. In Pirna, wo es kein Mindestalter gibt, wird Lasertag klassisch gespielt: futuristisches Design, bunte Lichter. Die Chefs versuchen, jeden Anklang von Gewalt zu unterbinden, sei es in der Kleidung - Tarnfleck ist tabu - oder in der Sprache. Statt Waffe sagt man Phaser, statt schießen sagt man taggen.

Adrenalinschub beim Lauern auf den Gegner. Manchmal trennt die Spieler nur eine Handbreit Holz.
Adrenalinschub beim Lauern auf den Gegner. Manchmal trennt die Spieler nur eine Handbreit Holz. © Daniel Schäfer

Ob schießen oder taggen: Ich will nicht getroffen werden. Deshalb pocht mein Herz. Wie ein Tatortkommissar schleiche ich voran, Deckung suchend, abwartend. Kein gutes Rezept. Militärs und Polizisten verlieren hier regelmäßig, heißt es, weil sie machen, was sie gelernt haben. Beim Lasertag geht es aber nicht ums Leben. Es gibt nicht mal Minuspunkte. In Bewegung bleiben, die anderen markieren, so oft es geht - das ist der Weg zum Sieg.

Sekunde um Sekunde pirsche ich, aber kein Kontakt. Weder zu Diana, noch zu Marvin, noch zu Gegner drei, Daniel, unserem Zeitungsfotografen. Aber die Musik ist gut. Man könnte von Deckung zu Deckung tanzen. Doch ehe ich das ausprobieren kann, rappelt meine Weste. Treffer! Woher? Keine Ahnung. Da sehe ich Diana, wie sie grinsend in einem Gang abtaucht.

Auf dem turmartigen Mittelpodest hat man einen guten Überblick, gibt aber auch ein leichtes Ziel für die anderen ab.
Auf dem turmartigen Mittelpodest hat man einen guten Überblick, gibt aber auch ein leichtes Ziel für die anderen ab. © Daniel Schäfer

Zurücktaggen geht nicht. Ich bin außer Gefecht, für sechs Sekunden. Auf dem Display am Phaser läuft der Countdown… „Active“. Bin wieder da! Etwas enthemmter pirsche ich jetzt durch die Kunstlandschaft. Der Puls steigt an, Schweißtropfen kullern. Plötzlich ein grüner Strahl von seitwärts. Mist! Schon wieder Zwangspause.

Jetzt ist mein Ehrgeiz richtig aufgewacht. Wie besessen kurve ich durch den Irrgarten, Gänge entlang, über Brücken, durch den Tunnel, durch die alte Küche mit der Durchreiche. Hier und da ein Gegenspieler. Ich lasere wild in die Richtung. Ob mit Erfolg, kriege ich im Eifer des Spiels kaum mit. Zufällig sehe ich Daniel, wie er mir arglos den Rücken zukehrt. Das ist jetzt nicht ganz fein. Aber hundert Punkte kann ich gut gebrauchen.

Marvin Teerling in der Bastelecke. Im Eifer des Gefechts nimmt das Equipment gern mal Schaden. Besonders häufig sind Kabelbrüche.
Marvin Teerling in der Bastelecke. Im Eifer des Gefechts nimmt das Equipment gern mal Schaden. Besonders häufig sind Kabelbrüche. © Daniel Schäfer

Nach zehn Minuten ist die Stimme aus dem Off zurück: "Game Over!" Weste ablegen, Treff in der Lounge. Ich bin schweißgebadet. Der Monitor zeigt die Tabelle. Ganz oben steht Marvin mit 4.550 Punkten. Dahinter Diana mit 3.450. Ich habe gute tausend Punkte und wenigstes noch Daniel abgehängt. Allerdings: Bei der Trefferquote bin ich mit 12 Prozent der Mieseste.

Seit 2019 gibt es die Pirnaer Lasertag-Arena. Wegen des Lockdowns ist sie noch immer praktisch neu. Die Macher wollen endlich durchstarten. Dafür hat Marvin seine Anstellung im Architektenbüro gekündigt. Diana kribbelt es bei jeder Buchung, die jetzt rein kommt, in den Fingern. Sie freut sich auf neue Bekanntschaften. "Wir haben die Kunden sehr vermisst."

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