SZ + Sport
Merken

Weltcup in Sachsens Corona-Hotspot – wie geht das?

Diese Woche findet der Bob- und Skeleton-Weltcup in Altenberg statt. Das ist erlaubt und auch nachvollziehbar, aber nicht selbstverständlich.

Von Tino Meyer
 3 Min.
Teilen
Folgen
Zuschauer Fehlanzeige: Wie bei der Bob- und Skeleton-WM im Februar 2021 in Altenberg wird es auch jetzt bei den Weltcups im Dezember sein.
Zuschauer Fehlanzeige: Wie bei der Bob- und Skeleton-WM im Februar 2021 in Altenberg wird es auch jetzt bei den Weltcups im Dezember sein. © Egbert Kamprath

Altenberg. Der letzte Tag, an dem noch alles so war, wie es auch der Sport inzwischen gar nicht mehr kennt, ist lange her. Jens Morgenstern, Chef der Bobbahn in Altenberg, kann sich aber genau erinnern. Es war der 1. März 2020, als Bobpilot Francesco Friedrich auf der Bahn im Kohlgrund zum WM-Titel gefahren ist – und mehr als 5.000 Fans dem Lokalmatador und seinem Team zujubelten. Und dann kam Corona.

Die Pandemie hatte auch Deutschland schon erreicht, es gab erste positive Fälle und an jenem Sonntag bereits so etwas wie Kontaktnachverfolgung. Besucher mussten Formulare mit persönlichen Daten ausfüllen – was sich damals fremd wie überflüssig anfühlte. Anderthalb Jahre später wäre nicht nur Morgenstern froh, Zettel, Stifte oder auch QR-Codes zum Einloggen in die diversen Warn-Apps für Zuschauer an der Kasse auslegen zu dürfen.

Nicht mal online sind Tickets erhältlich, denn „die Öffnung von Anlagen und Einrichtungen des Sportbetriebs für Publikumsverkehr ist untersagt“. So steht es in Paragraf 13 der sächsischen Corona-Notfallverordnung.

Das bedeutet Geisterspiele für Sachsens Teams in den Mannschaftssportarten, aber auch keine Zuschauer beim Bob- und Skeleton-Weltcup an diesem Wochenende in Altenberg. Morgenstern hat das akzeptiert, und zwar mit einem lachenden und weinenden Auge, wie er sagt. „Wir hatten alles vorbereitet, Auflagen erfüllt, Hygienekonzepte umgesetzt, zusätzliche Tribünen aufgestellt, damit die Leute auf Abstand stehen können“, erklärt der Bahnchef, der auf wenigstens 999 Zuschauer täglich gehofft hatte, gerne auch unter Anwendung der 2G-Regel. So waren lange Zeit die Signale vonseiten der Politik – bis vergangene Woche die Notfallverordnung in Kraft trat.

Das lachende Auge? „Dass wir den Weltcup überhaupt durchführen dürfen“, sagt Morgenstern und meint: „Alles andere wäre gerade jetzt in der Olympia-Saison fatal“.

Nun stand eine Absage zumindest für diese Woche nie zur Debatte, und auch der Weltcup der Rodler in der nächsten Woche sowie der zweite Bob- und Skeleton-Weltcup in Altenberg am vierten Advent-Wochenende werden – Stand jetzt – stattfinden. Weltcup heißt Profisport, und der ist inmitten des Sport-Lockdowns in Sachsen bei den Ausnahmeregelungen aufgeführt. Das ist nachvollziehbar, aber längst keine Selbstverständlichkeit mehr, erst recht in Altenberg. Der Wintersportort unmittelbar an der tschechischen Grenze liegt im größten Corona-Hotspot Deutschlands. Sieben-Tages-Inzidenz am Mittwoch: 1.990.

Francesco Friedrich überlässt ungern etwas dem Zufall – und trägt deshalb nicht irgendeine Maske.
Francesco Friedrich überlässt ungern etwas dem Zufall – und trägt deshalb nicht irgendeine Maske. © Egbert Kamprath

Morgenstern hat mit seinem Team um Marc Bodis, dem Hygienebeauftragten (eine Stelle, die es vor Corona nicht gab), ein detailliertes Sicherheits- und Schutzsystem entwickelt. Und die Sportler befinden sich ohnehin in einer eigenen Blase, ohne Negativtest darf keiner an die Bahn. Corona, das bestätigt Bundestrainer René Spies in der Videopressekonferenz am Mittwoch, ist unverändert ein beherrschendes Thema in der Bob-Nationalmannschaft, vor allem für ihn als Gesamtverantwortlichen.

Jeden Montag und Donnerstag hoffe er, dass bei den vorgeschriebenen Tests keiner seiner Athleten positiv ist. „Dann müssten sie in Quarantäne und würden zwei, vielleicht sogar drei Weltcups verpassen, was uns Startplätze bei Olympia kosten könnte, auf jeden Fall aber eine schlechtere Startnummer bringt“, erklärt Spies, und dann wird er prinzipiell: „Es geht jetzt um alles.“

Für eine Nischensportart wie das Bobfahren bedeutet Olympia alles, die Rennen im Februar 2022 bei den Winterspielen sind der wichtigste Wettkampf – nicht nur dieser Saison, sondern seit Olympia 2018. Abgerechnet wird im Vier-Jahres-Rhythmus.

Die Nationalmannschaft ist daher aufgeteilt in zwei Gruppen, bei der Physiotherapie hat Spies jetzt zudem Maskenpflicht angeordnet für Sportler und Therapeuten. „Im letzten Jahr musste man da noch ein bisschen hinterher sein, doch mittlerweile ist das richtig etabliert in der Mannschaft“, sagt der frühere Pilot und meint, in dieser Saison noch niemanden ermahnt zu haben. „Das klappt zu hundert Prozent. Aber ist ja auch klar: Die Athleten wollen alle zu Olympia. Da muss ich keinen sensibilisieren, weil alle wahnsinnig aufpassen.“

Francesco Friedrich, der als Pirnaer bei Wettkämpfen in Altenberg tatsächlich zu Hause ist, hat vorübergehend sogar seine Kinder aus der Kita genommen, „weil die Verfolgungsketten nicht mehr nachvollziehbar sind. Man kann nicht mehr zu hundert Prozent sagen, ob man einen Kontakt hatte oder nicht“, erklärt der große Olympia-Favorit, der sowieso generell ungern etwas dem Zufall überlässt.

Das beweist das Beispiel Maske: Friedrich trägt nicht irgendeine, sondern die seines Kufenbauers, der inmitten der Pandemie auf Maskenproduktion umgestellt hat. „Da weiß ich genau, dass Filter nach festgelegten Normen eingebaut sind. Dass die Masken zertifiziert wurden und nicht aus China kommen und wochenlang in irgendwelchen Containern lagen“, sagt er.

Zumindest auf diesem Weg, also mit Maske, fühle er sich hundertprozentig vor dem Virus geschützt. „Das ist mir auch egal, dass ich geimpft und genesen bin, ich ziehe das durch“, sagt er. Die Gefahr, das erzählt er ausführlich in der neuen Folge des Podcasts Dreierbob, fährt in diesen Tagen jedoch immer mit, besonders im Corona-Hotspot.