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SOE: Achtung, Lurchi kommt!

Die Region ist Feuersalamanderland, besonders bei Struppen und Tharandt. Doch es naht ein furchtbarer Feind: der Salamanderfresser.

"Da geht einem das Herz auf." Naturschützerin Heidrun Gärtner mit einem Feuersalamander. Das Tier ist am Schutzzaun im Struppengrund gestrandet.
"Da geht einem das Herz auf." Naturschützerin Heidrun Gärtner mit einem Feuersalamander. Das Tier ist am Schutzzaun im Struppengrund gestrandet. © Steffen Unger

Lurchi ist im Eimer. Nicht weil ein Auto ihn plattgefahren hat, sondern um genau das zu vermeiden. Entlang der grünen Kunststoffmaschen hat das Tier den Straßensaum nach einem Schlupfloch abgesucht, bis es in den Behälter plumpste. Die Gelegenheit für Heidrun Gärtner, den schwarzgelben Wanderer eingehend zu mustern. Wo der Feuersalamander wohnt, da ist die Welt noch in Ordnung, sagt sie. "Da geht einem das Herz auf."

Salamandra salamandra ist vielen vertraut als witziger Werbeträger eines Schuhfabrikanten. In Wahrheit hat er nicht so viel zu lachen. In Sachsens Roter Liste wird er als stark gefährdet eingestuft. Die wichtigsten Vorkommen konzentrieren sich laut sächsischem Umweltamt auf die Elbzuflüsse zwischen Meißen und der Grenze zu Tschechien. Obwohl zuverlässige Vergleichszahlen nicht vorlägen, sei ein Aussterben lokaler Vorkommen zu beobachten. "Der Rückgang erfolgt langsam aber kontinuierlich."

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Lurchi-Land Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Die Grafik zeigt einige wichtige Vorkommen der bedrohten Tierart.
Lurchi-Land Sächsische Schweiz-Osterzgebirge: Die Grafik zeigt einige wichtige Vorkommen der bedrohten Tierart. © SZ Grafik

Die Stelle, an der Lurchi in den Eimer fiel, liegt im Struppengrund bei Obervogelgesang. Es handelt sich womöglich um das größte Vorkommen des Feuersalamanders in der Sächsischen Schweiz. Und um das einzige, das von einer hindurchführenden Straße direkt beeinträchtigt ist. Deshalb stellt der Landschaftspflegeverband alljährlich 600 Meter Schutzzaun auf. Vergangenes Jahr wurden 451 Feuersalamander gefangen und über den Asphalt getragen.

Sicherheitshalber nur mit Handschuh zum Lurch

Heidrun Gärtner, Forst-Ingenieurin aus Colmnitz, kümmert sich beim Landschaftspflegeverband um die Amphibienschutzzäune im Landkreis. Mehr als ein Dutzend ist in Betrieb, betreut von Ehrenamtlichen. Auch hier, im Struppengrund, werden die Eimer von einem Anwohner kontrolliert, der eigentlich IT-Fachmann ist. Jeden Morgen, so erzählt er, geht er die Behälter ab. Zum Leeren trägt er einen Handschuh. Schutz für Lurchi, und für sich selbst. Feuersalamander verteidigen sich mit einem toxischen Sekret. Ein Brennen auf der Haut könnte die Folge sein.

Eine ideale Kinderstube: Im kühlen, gemächlich fließenden Struppenbach legen die Feuersalamander jetzt ihre Larven ab.
Eine ideale Kinderstube: Im kühlen, gemächlich fließenden Struppenbach legen die Feuersalamander jetzt ihre Larven ab. © Steffen Unger

Seit 2012 sind an den Schutzzäunen des Kreises mehr als 92.000 Amphibien eingesammelt worden. Meistenteils Erkröten. Aber auch 2.140 Feuersalamander, und diese ausschließlich im Struppengrund. Für Heidrun Gärtner kein Wunder: Es gibt einen schönen Laubwald, dazu Sandsteingeröll, Ritzen, Mauselöcher, und unten, in der Schlucht, das passende Wasser: rein, kühl, mäßig schnell, mit Strudeltöpfchen und kleinen Buchten, und frei von gefräßigen Fischen. "Das ist super."

Population bei Struppen wächst wieder

Feuersalamander brauchen den Wald zum Verstecken. Zugleich brauchen sie den Bach, wohinein sie dieser Tage ihren Nachwuchs gebären. Weil erwachsene Salamander sehr schwer aufzuspüren sind, beobachten Forscher wie der Landschaftsökologe Ulrich Walz, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden, die Larven. Das Ziel: herausfinden, wie zahlreich ein Vorkommen wirklich ist.

Beifang im Eimer: Laufkäfer aus der Carabus-Gattung können kleinen Feuersalamandern gefährlich werden, wenn deren Giftdrüsen noch nicht ausgebildet sind.
Beifang im Eimer: Laufkäfer aus der Carabus-Gattung können kleinen Feuersalamandern gefährlich werden, wenn deren Giftdrüsen noch nicht ausgebildet sind. © Steffen Unger

Denn die Fangzahlen am Zaun waren auch im Struppengrund jahrelang zurückgegangen. Von 2002 bis 2011 sank die durchschnittliche Anzahl der festgestellten Tiere von etwa 280 auf 180. Seither ging es wieder aufwärts. Doch der Zaun umschließt das Biotop nicht vollständig. Dazu kommt, dass viele Tiere mehrfach in den Eimern landen. "Eine belastbare Schätzung ist so nicht möglich", sagt der Professor.

Tharandt hält den Salamander-Rekord

2018 untersuchte er mit seinen Studenten den Bachlauf und zählte die Salamanderlaven im seichten Wasser. Bis zu 1.700 kleine Salamander wurden so bei einem einzigen Suchlauf festgestellt. Da bekannt ist, wie viele Jungtiere ein Weibchen etwa gebiert, kann man auf die Zahl der vorhandenen Salamander schließen. Allerdings auch nur sehr grob. 150 bis maximal 1.000 Stück sind es im Struppengrund. Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte, sagt der Professor, vielleicht bei drei- bis fünfhundert.

Der Tharandter Breite Grund mit seinem Kohlenmeiler beherbergt die wohl größte bekannte Salamander-Population Sachsens mit geschätzten 4.000 Tieren.
Der Tharandter Breite Grund mit seinem Kohlenmeiler beherbergt die wohl größte bekannte Salamander-Population Sachsens mit geschätzten 4.000 Tieren. © Foto: Thomas Schlorke

Das Vorkommen bei Struppen zählt zu den am besten untersuchten der Region. Aber es gibt ein zweites: Im Breiten Grund des Tharandter Waldes leben einer Studie von 2017 zufolge um die 4.000 Feuersalamander. Das wäre sächsischer Rekord. Durchgeführt hat die Untersuchung die Biologin Susanne Uhlemann. "Die statistisch ermittelten Zahlen sind meiner Ansicht nach glaubwürdig", sagt sie, "aber immer im Kontext der Methodik zu interpretieren."

Schwarzgelbe Tracht als "Personalausweis"

Die Methode: Bei Salamanderwetter, nass und warm, wurden Bachlauf, Weg und angrenzendes Gelände systematisch abgesucht, die Salamander, in der Spitze über 200, eingesammelt und in einer speziell dafür entwickelten Dokumentations-Apparatur vermessen und fotografiert. Mittels der Rückenfotos und der jedem Tier eigenen Musterung konnten Doppelzählungen - fast 20 Prozent der Tiere wurden mindestens zweimal gefangen - vermieden werden.

Der Feuersalamander braucht den Wald. Aber auch das Wasser. Am liebsten sind ihm kleine, ruhige Buchten für das Absetzen der Jungtiere.
Der Feuersalamander braucht den Wald. Aber auch das Wasser. Am liebsten sind ihm kleine, ruhige Buchten für das Absetzen der Jungtiere. © Steffen Unger

Eine wichtige Erkenntnis: Den Salamandern vom Breiten Grund geht es gut. Keine Spur von Batrachochytrium salamandrivorans, kurz Bsal, einer der weltweit gefährlichsten Krankheitserreger bei Amphibien. Wegen seiner vernichtenden Wirkung trägt der Pilz den Beinamen Salamanderfresser. An infizierten Tieren bilden sich kraterartige Hautgeschwüre, die binnen Kurzem zum Tod führen.

Salamanderpest breitet sich in Deutschland aus

Man vermutet, dass Bsal mit dem Tierhandel aus Asien eingeschleppt wurde. Ausgehend von Holland über Belgien und Nordrhein-Westfalen seien bereits Salamanderbestände zusammengebrochen, warnt Sachsens Umweltministerium. Mittlerweile gibt es auch Nachweise in Rheinland-Pfalz und Bayern. "Da der Pilz vor allem durch Menschen verbreitet wird, muss mit der Ausbreitung in Sachsen jederzeit gerechnet werden."

Wer dem Salamander Unterschlupf bieten will, der baut ihm Trockenmauern mit vielen Ritzen, so wie diese bei Obervogelgesang.
Wer dem Salamander Unterschlupf bieten will, der baut ihm Trockenmauern mit vielen Ritzen, so wie diese bei Obervogelgesang. © Steffen Unger

Noch ist es nicht so weit. Auch nicht im Struppengrund. Hier verkriecht sich Lurchi, sicher jenseits der Straße angekommen, in einer Höhlung am Bachufer. Heidrun Gärtner macht sich Sorgen wegen Bsal. Ein "Salamandertourismus" würde die Gefahr der Infektion erhöhen. Deshalb wäre es ihr am liebsten, dass von diesem Ort nicht zu viele Leute wüssten, die womöglich kontaminierte Erde mit ihren Schuhen anschleppen oder die Salamander in guter Absicht selber über die Straße bringen. Dafür sagt sie, haben nur Fachleute die Erlaubnis: Für alle anderen gilt: Gucken, nicht anfassen.

Feuersalamander, wo bist du? Wer einen entdeckt, kann das hier melden.

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