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Feuilleton

"Ich halte nichts fest"

Der Dresdner Kabarettist Olaf Böhme ist gestorben. Bekannt wurde er als betrunkener Sachse. Doch er konnte viel mehr.

Olaf Böhme wurde 65 Jahre alt.
Olaf Böhme wurde 65 Jahre alt. © Archivbild: PR

Olaf Böhme ist tot. Das ist eine große Tragik. Wie gestern der SZ aus seinem Bekanntenkreis bestätigt wurde, starb er am Montagabend. Eine lange schwere Krankheit zwang ihn dazu, sich immer mehr zurückzuziehen, nicht nur von den Bühnen des Landes, auch von Menschen. Selbst von denen, die ihm nahe standen.

Anfang 2008 wurde bei ihm Leukämie diagnostiziert, im Mai 2012 bekam er eine Stammzellentransplantation. „Das hält die Krankheit im Zaum“, sagte er damals, „aber ich bin noch nicht auf der sicheren Seite.“ Er kämpfte sich immer wieder zurück, wagte sich ins Leben und auf die Bühne, verlor am Ende doch. Das ist so bitter.

Selten findet sich unter Künstlerinnen und Künstlern einer, der uneingeschränkt von allen hoch geschätzt wird. Olaf Böhme wurde von allen hoch geschätzt. Peter Kube, Schauspieldirektor der Landesbühne Sachsen und Mitglied des Zwingertrios, sagt: „Sein Tod tut mir unfassbar leid. Er war einer von den Kabarettisten, die es geschafft haben, dass wir vor Lachen in Tränen ausbrachen. Er gehörte im Programm ,Zwingerlotto‘ als vierter Mann zum Trio, obwohl er ganz bei sich blieb.“

1953 in Dresden geboren, pflegte Olaf Böhme in seinen kabarettistischen Programmen stets seinen heimatlichen Dialekt als Form philosophischer Dialektik. Er betrachtete die Welt aus streng subjektiver Sicht und rechnete mit logischem Vergnügen mit allem und jedem. Schon als Schüler nahm Olaf Böhme an der Internationalen Mathematik-Olympiade teil, studierte Mathematik an der Technischen Universität Dresden. 1983 promovierte er auf dem Gebiet der Wahrscheinlichkeitstheorie.

Seine wahre Leidenschaft gehörte aber der Poesie und dem Theater. Der Dresdner schrieb schon Anfang der 1980er-Jahre Gedichte und Kurzprosa, arbeitete in der Theatergruppe „Spielbrett“ mit, leitete bis 1996 das „theater 50“ in Dresden, betrieb von 1995 bis 2001 die Privatbühne „bebe“. Einem breiten Publikum bekannt wurde der Künstler seit 1990 durch seine Figur „Der betrunkene Sachse“, ein in seinem Standpunkt schwankender Nachdenker, der den Schlips wie einen offen Strick um den Hals trug. „In seiner Nummer ,Die Steuererklärung` führte er mit gesundem Menschenverstand die Bürokratie ad absurdum“, sagt der Schauspieler Tom Pauls. „Seine Skurilität war einmalig, seine Verbindung aus mathematischem Denken und Humor sensationell und hätte zu seinen Lebzeiten viel mehr gewürdigt werden müssen. Sein Tod schmerzt sehr.“

Gemeinsam mit Pauls kürte Böhme seit 2008 das „Sächsische Wort des Jahres“ und unterstütze die Aktion mit großer Freude. Viele Jahre brachte er mit Programmen wie „Wenn Integrale lachen lernen“, „Die Rechnung ohne den Wirt“ und „Eine Aufgabe, zwei Fehler, drei Lösungen“ auch Studierenden bei, wie lachhaft Rechnen sein kann. Olaf Böhme trat in unzähligen Kabarettabenden auf, etwa in „Ein Schloss im Wörtersee“, „August der Schwache“ oder „Die Liebe und der Anarchist – Sachse Ahoi“. Zudem drehte er mehrere großartige Filme über Dresden und schrieb von 1998 bis 2002 die Kolumne „Zeitgeister“ für die Sächsische Zeitung.

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Im Jahr 2015 kehrte Böhme mit dem Programm „weeßte“ noch einmal auf die Bühne zurück. Während der Phasen, in denen er nicht auftreten konnte, veröffentliche er auf seiner Homepage Gedichte. Eines beschrieb seinen Zustand und hieß auch so: „Ich halte nichts fest / und ich presse nichts hinaus / Was bleiben will / kann bleiben / und was gehen will / kann gehen / Wie wohlig / mir ist.“ Wolfgang Stumph sagt: „Olaf Böhmes betrunkener Sachse hat mir schon lange gefehlt. Jetzt fehlt mir Olaf Böhme auch noch im Leben. Beides macht mich tief traurig.“