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Corona in Tschechien: „Ein Pflaster auf die Seele“

Nach einem SZ-Artikel schickt der Bürgermeister von Tharandt eine Mail ins westböhmischen Cheb (Eger) und berührt damit viele Tschechen emotional.

Eine Kolone mit Krankenwagen fährt durch Cheb. Um Krankenhäuser zu entlasten, wurden Patienten mit mäßigem Krankheitsverlauf per Krankenwagen nach Prag, Pilsen und Mittelböhmen gebracht.
Eine Kolone mit Krankenwagen fährt durch Cheb. Um Krankenhäuser zu entlasten, wurden Patienten mit mäßigem Krankheitsverlauf per Krankenwagen nach Prag, Pilsen und Mittelböhmen gebracht. © Slavomír Kubeš/CTK/dpa

Die Arbeitstage des Bürgermeisters der westböhmischen Stadt Eger, Antonín Jalovec, sind derzeit nicht eben vergnügungssteuerpflichtig. Cheb, wie die Stadt tschechisch heißt, gehört zu den Corona-Hotspots des Landes schlechthin. Die Inzidenz im Kreis liegt aktuell bei 833. Das Krankenhaus arbeitet wie viele in ganz Tschechien am Limit. Die Mails, die man als Bürgermeister abends nach einem Tag voller frustrierender Erlebnisse zu lesen bekommt, sind in der Regel auch nicht besonders erbaulich. Keine Lektüre jedenfalls, nach der man hinterher gut in den Schlaf kommt.

Umso überraschter ist Bürgermeister Jalovec, als er kürzlich unter besagten Mails eine mit einem Absender aus Deutschland findet. Die Mail hat sein Amtskollege Silvio Ziesemer aus Tharandt bei Dresden geschickt. Als Jalovec die Nachricht öffnet, stößt er auf einen sehr emotionalen Text, der in bemerkenswert gutem Tschechisch verfasst ist. Dass Cheb und Tharandt partnerschaftlich verbunden sind, fällt dem Tschechen nicht gleich ein. Mit einem Herrn Ziesemer, das weiß er, hatte er noch nie etwas zu tun gehabt. Und nun schreibt ihm dieser Mensch von der anderen Seite der tschechisch-deutschen Grenze eine Mail, die bei Jalovec Gänsehaut erzeugt.

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Ziesemer berichtet seinem tschechischen Kollegen, dass er in der Sächsischen Zeitung eine Corona-Reportage aus Eger gelesen habe, die ihm und seinen Mitstreitern im Tharandter Rathaus an die Nieren gegangen sei.

Der Tharandter Bürgermeister schreibt Jalovec, er nehme diese Reportage zum Anlass, ihm, den Stadtvätern von Eger und vor allem den Ärzten und dem Pflegepersonal in der Stadt viel Kraft und Durchhaltevermögen zu wünschen. Und weiter: „In unseren Gedanken sind wir bei Ihnen.“ Ziesemer erinnert auch an das Hilfsangebot von Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) für Tschechien. „Ich bin dafür sehr dankbar. Die Menschen in Sachsen sind an Ihrer Seite. Wir wünschen allen in Eger, dass es mit vereinten Kräften gelingt, die Coronakrise zu überwinden. Ich habe tiefes Mitgefühl mit Ihnen und grüße Sie herzlich aus Tharandt.“

Gesundheitsminister Jan Blatný spricht auf einer Pressekonferenz nach dem Regierungstreffen.
Gesundheitsminister Jan Blatný spricht auf einer Pressekonferenz nach dem Regierungstreffen. © Kateøina Šulová/CTK/dpa

Worte, die bei dem gestressten Egerer Bürgermeister Glücksgefühle und Dankbarkeit erzeugen. Er kämpft seit Beginn des Jahres gemeinsam mit der Führung des Karlsbader Bezirks einen Kampf gegen Windmühlenflügel. Immer wieder erinnert er das Gesundheitsministerium und auch Premier Andrej Babiš im fernen Prag daran, dass es seit langem Hilfsangebote aus Sachsen und Bayern gebe. Dort sei man bereit, im Notfall auch tschechische Corona-Patienten bei sich aufzunehmen. Doch in Prag zeigt man sich hartleibig, lässt lieber Patienten in Krankenwagen durch halb Tschechien fahren, auf der Suche nach Kliniken mit freien Betten. Bayern und Sachsen liegen vergleichsweise um die Ecke.

Als Gesundheitsminister Jan Blatný Anfang Februar das Krankenhaus in Cheb besucht, mauert er weiter: „Die Annahme des Angebots wäre ein Signal, dass wir als Tschechische Republik nicht in der Lage sind, uns selbst um unsere Bevölkerung zu kümmern.“ Da rastet der anwesende Bürgermeister Jalovec aus: Mit seiner Ablehnung deutscher Hilfe verhalte sich der Minister „wie ein Dummkopf“, der nicht kapiere, dass Zusammenarbeit heute wichtig ist, um Menschen vor dem Tod zu bewahren. „Dabei ist er selbst nicht in der Lage, die Zahl der Corona-Toten erfolgreich zu senken.“

Mittlerweile hat man in Prag gelernt. Premier Babiš hat von Sachsens Premier Kretschmer die Zusicherung von zunächst einmal neun Betten bekommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Babiš in einem Telefonat die Suche nach Hilfe auch in anderen Bundesländern versprochen. Dem widersetzt sich Prag nun nicht mehr in übersteigertem Nationalstolz.

Damit sich Tschechen in der Krise nicht alleine fühlen

Zurück nach Cheb: Dort ist Bürgermeister Jalovec so angetan von der Mail seines deutschen Kollegen, dass er die auf seinem Facebook-Konto veröffentlicht und auch auf dem der Stadt. Er überschreibt die Veröffentlichung mit den Worten: „Ein Pflaster auf die Seele“. Und: „Das Schreiben ist voller Menschlichkeit und Zusammengehörigkeit. Bürgermeister Ziesemer suchte einen Weg, die Menschen von Eger aufzumuntern und ihnen mitzuteilen, dass sie in dieser schweren Situation nicht allein sind. Genau darum geht es!“ Und abschließend fügt Bürgermeister Jalovec die Aufforderung hinzu: „Lesen sie das und teilen Sie es bitte auf Facebook, damit sich Freude und Humanität noch weiter verbreiten!“

Das tun die Menschen auf Facebook dann auch. Binnen nicht mal eines Tages bekommt die von Jalovec auf seiner Seite veröffentlichte Mail aus Tharandt 900 „likes“, wird 590 Mal „geteilt“ und von zirka 100 Leuten kommentiert. Die tschechischen Kommentare sind lesenswert. Aus ihnen spricht durchweg Freude und Dankbarkeit „für diese Liebe und Menschlichkeit“, wie es viele formulieren. Es finden sich auch nicht wenige Anmerkungen, wonach den „fremden“ Deutschen das Schicksal der Stadt Eger offenkundig sehr viel wichtiger sei als der eigenen Regierung in Prag. „Man sollte das Schreiben aus Deutschland den Verantwortlichen unseres Landes vorlegen, damit die nachzudenken beginnen“, heißt es.

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Womöglich wird die partnerschaftliche Beziehung zwischen Tharandt und Cheb jetzt auf ein völlig neues Niveau gehoben. Die Mail aus Sachsen nach Böhmen nach einem SZ-Artikel könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein, die nach Corona richtig ausgelebt werden kann.

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