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Hohe Lebensmittelpreise machen Tschechen zu schaffen

Binnen eines Jahres verteuerten sich Nahrungsmittel in Tschechien um mehr als 25 Prozent. Die Tschechen kaufen deshalb zunehmend bei den günstigeren Nachbarn ein - auch in Sachsen.

Von Hans-Jörg Schmidt
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Viele Tschechen kaufen mittlerweile in den Nachbarländern ein, um zu sparen.
Viele Tschechen kaufen mittlerweile in den Nachbarländern ein, um zu sparen. © Benjamin Nolte/dpa (Symbolbild)

Prag. Irena und Martin unternahmen seit Jahren zweimal im Monat von Prag aus eine große Einkaufsfahrt nach Sachsen. „Nicht wegen der Preise, sondern wegen der durchweg besseren Qualität und des breiteren Angebots“, sagt die 50-jährige Irena, die freiberuflich in einer Anwaltskanzlei arbeitet.

Martin, ihr Partner, führt eine Baufirma. Beide gehören zu den Besserverdienenden in Tschechien. Seit einiger Zeit haben sie aber auch die zusätzlichen „kleinen Einkäufe“ in tschechischen Läden fast völlig eingestellt, bringen bis auf Brot nahezu alles aus Deutschland mit. „Man hat bei uns nur ein paar Dinge im Korb und zahlt dennoch einen exorbitanten Preis dafür“, begründet Martin das. „Wir nagen nicht am Hungertuch, fragen uns aber, wie Leute mit weniger Einkommen als wir über die Runden kommen.“

Die 30-jährige Anna und ihr Partner Petr aus der mährischen Walachei sind mit Blick auf ihre im Mai geplante Hochzeit wiederholt eine reichliche Stunde nach Polen oder in die Slowakei gefahren.

Null Prozent Mehrwertsteuer in Polen

Als Berufsanfänger können sie sich finanziell nicht mit dem Pärchen aus Prag vergleichen und suchten so bei den Nachbarn gezielt nach Schnäppchen. Zuletzt kauften sie aber vor allem günstig Lebensmittel ein. In Polen ist die Mehrwertsteuer darauf auf null runtergefahren worden.

In der Slowakei haben mehrere westliche Supermarktketten für zunächst drei Monate die Preise für 400 Grundnahrungsmittel gedeckelt - eine große Erleichterung für die Kunden. Damit wird auch den einheimischen Agrar- und Lebensmittelproduzenten geholfen, da die meisten der betreffenden Produkte slowakischer Herkunft sind.

In Tschechien denkt die liberal-konservative Regierung weder an eine Preisdeckelung noch an eine massive Senkung der Mehrwertsteuer. Hier soll es „der Markt“ richten. Bisher hat das aber nicht funktioniert.

Nur noch Benzin und Gaststätten sind in Tschechien billiger

Lag die allgemeine Teuerung - vor allem wegen der Energiepreise - im Jahresvergleich zuletzt bei 17,5 Prozent, bewegt sich der Wert für Lebensmittel bei mehr als 25 Prozent. Im Vergleich zu Deutschland sind nur noch einige Zigarettenmarken preisgünstiger zu haben. Eine Fahrt von Sachsen über die Grenze lohnt angesichts dessen derzeit nur noch wegen des Benzins und eines Mittagessens in einer durchschnittlichen Gastwirtschaft.

Zurück zu den Einzelhandelspreisen für Lebensmittel: Nach Angaben des tschechischen Statistischen Amtes kosten Zucker oder Eier jetzt doppelt so viel wie im vergangenen Jahr. Butter hat sich um die Hälfte verteuert, Brot um ein Drittel.

Angezogen haben aber auch die Preise für Getränke, inklusive Bier und Sekt. Frisches Gemüse wie Paprika ist für Normalverdiener fast unerschwinglich geworden. Landwirte und Lebensmittelhersteller begründen die Preissteigerungen mit ihren eigenen gestiegenen Kosten, vor allem bei Energie, Düngemitteln, Saatgut und im Personalbereich.

Erste Preisnachlässe Ende April erwartet

Dana Večeřová, die Vorsitzende der Lebensmittelkammer, sagt: „Bei den Energiepreisen gibt es zwar einen Preisdeckel, aber sie sind immer noch viel höher als in anderen Ländern der EU und vor allem viermal höher als beispielsweise 2019.“

Das tschechische Kartellamt bezweifelt dennoch, dass da alles mit rechten Dingen zugeht. Es kontrolliert jetzt, ob da nicht jemand ist, der die Preise für Grundnahrungsmittel künstlich in die Höhe treibt. Der Chef der Behörde, Petr Mlsna, sagt im Prager Hörfunk: „Theoretisch kann jemand seine marktbeherrschende Stellung missbrauchen.“ Man wolle deshalb überprüfen, wie groß die Macht einiger Unternehmen im Rahmen der gesamten Kette ist. Ende April sollen Ergebnisse vorliegen.

Zu diesem Zeitpunkt könnte es aber auch so zu ersten Preisnachlässen bei Lebensmitteln kommen, weil die hohen Energiekosten geringer werden. Die frühere tschechischen Vertreterin bei der Welternährungsbank, Jana Matesová, warnt im Hörfunk jedoch vor zu großem Optimismus: „Bei den meisten Waren werden wir froh sein, wenn sie das derzeitige Preisniveau halten.“