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Der Tröster spendet keinen Trost mehr

Pfarrer Martin Zinkernagel war in Weißwasser zuletzt viel an der Seite von Corona-Erkrankten und Gesunden. Jetzt starb er selber an dem Virus.

Pfarrer Martin Zinkernagel war nie gleichgültig, was in Weißwasser geschieht. Deshalb wandte er sich im Oktober 2019 eindrucksvoll an die Stadträte. Wochen zuvor war auf dem Gelände vor der Kirche der Friedensstrahl aufgestellt worden: als Mahnung, au
Pfarrer Martin Zinkernagel war nie gleichgültig, was in Weißwasser geschieht. Deshalb wandte er sich im Oktober 2019 eindrucksvoll an die Stadträte. Wochen zuvor war auf dem Gelände vor der Kirche der Friedensstrahl aufgestellt worden: als Mahnung, au © Constanze Knappe

Mit Martin Zinkernagel verliert Weißwasser binnen kurzer Zeit eine weitere Persönlichkeit des öffentlichen Lebens. Der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde engagierte sich sehr dafür, die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf alte und alleinstehende Menschen zu mildern, ihnen Lichtblicke in ihrer Einsamkeit zu schenken. Ihm selber war ein solcher nicht vergönnt. Er verlor den Kampf gegen das heimtückische Virus. Er verstarb an seiner schweren Covid-19-Erkrankung. Seiner Familie gelten Anteilnahme und Mitgefühl.

Rückkehr in die (zweite) Heimat

Im Spätsommer 2013 kam der damals 46-Jährige mit Ehefrau Sabine und den Söhnen Jacob und Cornelius nach Weißwasser – aus dem märkischen Wiesengrund, wo er zuvor für 800 Gemeindeglieder in Freud und Leid tätig war. Am 22. September 2013 wurde er feierlich in sein neues Amt eingeführt. Für ihn war es wie eine „Rückkehr in die Heimat“. Geboren und aufgewachsen im Ruhrgebiet, war ihm die Lausitz vertraut aus seiner Zeit als Landesjugendpfarrer der evangelischen Kirche der schlesischen Oberlausitz. Einer seiner ersten Eindrücke in Weißwasser war der vom großen Engagement der Kirchengemeinde, welches ihn sehr beeindruckte. Neben seinem „Alltagsgeschäft“ mit Gottesdiensten, Hochzeiten, Kindstaufen, Beerdigungen und der Seelsorge oblagen ihm hier fortan weitere spannende Aufgaben von der Koordinierung der Sozialarbeit bis hin zu seinen Verpflichtungen als Dienstherr der evangelischen Kindertagesstätte „Arche Kunterbunt“ in Weißwasser. Auch engagierte er sich regelmäßig für die Aktion „Pro Christ“.

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Ein halbes Jahr nach seinem Dienstantritt wurde am 16. März 2014 mit einem Festgottesdienst das Jubiläum „125 Jahre evangelische Kirchengemeinde in Weißwasser“ begangen. Dass dabei Pfarrer David Gaeth aus der amerikanischen Partnergemeinde in Wisconsin zu Wort kam, war ebenso spektakulär wie ein Konzert der Rockband „Die Prinzen“ im August 2014 in der Kirche. Drei Jahre später stand 2017 ein „Kirchen-TüV“ an, wie es Martin Zinkernagel damals nannte. Dabei begutachtete der Vorstand der Kirche der schlesischen Oberlausitz die gesamte Kirchenarbeit, wie auch die mit Flüchtlingen und im Kindergarten. Dass es dafür Pluspunkte gab, war nicht zuletzt ein Verdienst des Pfarrers und seiner die Menschen verbindenden Art.

Mahnende Worte an Stadträte

Gewissermaßen Neuland beschritt Pfarrer Martin Zinkernagel, als er im Oktober 2019 im Stadtrat Weißwasser auftrat. Dabei erinnerte er an die Wende 30 Jahre zuvor. „Als Kirchengemeinde ist es uns nicht egal, was in der Stadt passiert“, sagte er. Und, dass eine Plakette die evangelische Kirche in Weißwasser als einen Ort von Frieden und Gerechtigkeit ausweise. Ganz so, wie es einst Anliegen des Runden Tisches in der Stadt war. Dass nunmehr ein frei gewählter Stadtrat über die Geschicke von Weißwasser entscheidet, habe sehr viel damit zu tun, dass Leute 30 Jahre zuvor „genug hatten“ und mitbestimmen wollten. Pfarrer Zinkernagel kritisierte aber auch, dass der Stadtrat viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sei. Er appellierte an die Räte, dass sie gewählt seien, um der Stadt Segen zu bringen. Dazu brauche es immer wieder Kompromisse. Seine mahnenden Worte brachten ihm von allen Seiten Zustimmung ein.

Einige Wochen zuvor war im Juli 2019 auf dem Vorplatz der Kirche ein Friedenspfahl mit der Jahreslosung „Suchet Frieden und jaget ihm nach“ aufgestellt worden. Dies sei an vielen Stellen nötig, egal ob jemand gläubig ist oder nicht, hatte Martin Zinkernagel seinerzeit gegenüber TAGEBLATT erklärt. „Indem wir dem Frieden nachjagen, entsteht Segen, und den brauchen wir für unsere Stadt“, betonte er und wandte sich damit gegen diverse innerstädtische Zwistigkeiten. Zeit seines Lebens warb er dafür, „aufeinander zuzugehen“.

Und dann kam Corona. Als im Frühjahr 2020 im ersten Lockdown das öffentliche Leben nahezu vollständig zum Erliegen kam, hatte der Pfarrer zum ersten Mal zu Ostern frei. Er griff zu einem unorthodoxen Mittel: Statt in seiner Kirche verkündete er die Osterbotschaft im April 2020 vor laufender Kamera von Radio WSW, um sie so vielen Menschen zugänglich zu machen.

Unter Federführung seiner Frau Sabine, einer studierten Soziologin, wurden auch im Advent 2020 im Rahmen der Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ Päckchen an bedürftige Kinder in Osteuropa verschickt. „Ohne Gottesdienst wäre Weihnachten bloß ein simples Fest“, hatte der evangelische Pfarrer Martin Zinkernagel angesichts der Corona-Einschränkungen erklärt. Zusammen mit Michael Noack, dem Pfarrer der katholischen Kirchgemeinde Heilig Kreuz in Weißwasser, suchte er nach Möglichkeiten, dem eigentlichen Anliegen des Festes gerecht zu werden. Viele Menschen hätten ein Gespür dafür, selbst wenn sie nicht in der Kirche sind, waren sich die beiden Pfarrer einig. Ebenso darin, dass in Weißwasser die Ökumene funktioniert, „sehr entspannt und angenehm“, wie es Zinkernagel betonte.

„Der Tod ist nicht das Ende ...“

Ostern 2021 hatte das Virus Deutschland noch immer im Griff. Einen TV-Auftritt beim heimischen Sender gab es diesmal nicht. Denn da war Martin Zinkernagel bereits an Covid 19 erkrankt, weshalb die Gottesdienste vor und während des Osterfestes nur als kurze Andachten stattfanden.Sein Tod ist ein schmerzlicher Verlust für seine Familie, die Trost in ihrem Glauben findet. Für Christen ist „der Tod nicht das Ende, sondern der Beginn des Lebens in der Herrlichkeit Gottes.“ Und dennoch ist Martin Zinkernagel viel zu früh gegangen. Dass er nun gestorben ist, hinterlässt auch eine Lücke in der evangelischen Kirchengemeinde Weißwasser sowie im öffentlichen Leben der Stadt. Diese wird so einfach nicht zu schließen sein.

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