merken
PLUS Weißwasser

Arbeitslose Hoheit

Seit über einem Jahr hat Antonia Jahnke als Blütenkönigin von Kromlau durch Corona keine Repräsentationsaufgaben. Untätig ist sie aber nicht.

Blühende Rhododendren und Azaleen sollen die neuen Autogrammkarten der Kromlauer Blütenkönigin Antonia Jahnke zieren. Wegen fehlender Auftritte sind Autogramme gefragt.
Blühende Rhododendren und Azaleen sollen die neuen Autogrammkarten der Kromlauer Blütenkönigin Antonia Jahnke zieren. Wegen fehlender Auftritte sind Autogramme gefragt. © Joachim Rehle

Wenn Antonia ihr unfertiges neues Hoheiten-Kleid ansieht, wird sie traurig. „Es sollte längst fertig sein, weil ich es zum Park- und Blütenfest in diesem Jahr erstmals tragen will. Doch ohne Umarbeitung durch eine Maßschneiderin, die wegen der Pandemie keine Anproben machen darf, kann ich es nicht nach meinen Ideen weiter gestalten und aufpeppen.“

Noch hofft Antonia Jahnke, dass in diesem Jahr das Blütenfest stattfindet, sie ihr Kleid da tragen und die etwa 60 geladenen deutschlandweiten Hoheiten kommen und sie das geplante Programm umsetzen können. Noch ist offen, ob Großveranstaltungen wie das Park- und Blütenfest, welches in vier Tagen durchschnittlich bis zu 30.000 Besucher anzieht, stattfinden dürfen. „Ich wäre so froh, wenn es klappt. Mir fehlt es sehr, Menschen treffen zu können, als Botschafterin für Kromlau, seinen Park und meine Heimat deutschlandweit zu werben“, erzählt die Blütenkönigin.

Anzeige
Wie das Miteinander gelingen kann
Wie das Miteinander gelingen kann

Die TU Dresden engagiert sich für eine Ethik des Zusammenlebens, die sich an Gleichheit, Diversität und Eigenverantwortung orientiert.

Überhaupt sei durch Corona das Leben ganz anders und freudlos geworden, ihr Terminkalender von einem Tag auf den anderen leer gewesen. Und dies inzwischen seit mehr als einem Jahr.

„Zu Anfang der Pandemie wurden Termine einfach nur verschoben, weil niemand dachte, dass es so schlimm kommt. Doch irgendwann war klar, dass alle Planungen umsonst sind und ich fühlte nur noch Leere und Demotivation.“ Antonia Jahnke ist eine von rund 200 arbeitslosen Königinnen und Prinzessinnen in Deutschland, die die Pandemie traf. Normalerweise touren sie von April bis Dezember jedes Wochenende quer durch Deutschland, präsentieren und vermarkten ihre Heimatregionen auf saisonalen Festen und Märkten, bei Hoheiten-Treffen, Umzügen oder Grüner Woche.

„Meine letzten offiziellen Auftritte waren 2020 beim Baustart für die Grotte am Rakotzsee und bei einer Fernsehaufzeichnung mit Linda Feller im Findlingspark Nochten im Sommer“, erzählt die Kulturmanagement-Studentin Antonia melancholisch. Für dieses Jahr hat sie, bis auf das unter Vorbehalt eingetragene Blütenfest, auch keine Termine im Kalender. Kontaktpflege zu Agenturen und Hoheiten finden nur online statt. Dies gilt auch für Hobbys, wie das Training der Cheerleader der „Lausitzer Füchse“, und das Studium an der Hochschule Zittau-Görlitz.

Dies bedeute, so Antonia, keine direkten Kontakte, keine studienbegleitenden und praktischen Erfahrungen durch Projekte wie die Eventplanung des Campus-Open-Air, keine Praktika bei Veranstaltungsagenturen, in Theatern und Kultureinrichtungen. „Dabei brauchen wir Studenten das so sehr, wir haben viele coole Ideen.“ Die Folge: Allein in ihrem Studiengang sind von einst 30 Studenten nur noch sieben übrig. Auch, weil sie vermuten, nach der Pandemie in der Branche sowieso keinen Job zu finden.

Noch denkt Antonia nicht daran, das Studium zu schmeißen. Sie bringt sich, um am Ball zu bleiben, aktiv in die Projektarbeit der Medienstube und der Hafenstube des Soziokulturellen Zentrum Telux in Weißwasser ein; berichtet als Blütenkönigin in sozialen Netzwerken mittels Video-Tagebuch von ihrem Alltag – zu dem selbst Kronen und Schmuck putzen gehören – ; arbeitet mit einem Fotografen an neuen Autogrammkarten.

Mit Hilfe eines befreundeten DJs entstanden in den letzten Monaten zudem neue Konzepte für königliche Auftritte im Netz und vor Livepublikum. „Ehrlich gesagt ziehe ich manchmal einfach eines meiner Königinnenkleider an und gehe damit durch den Kromlauer Park, weil ich weiß, dass dies bei Besuchern für Aufmerksamkeit sorgt und sie fragen, wer ich bin. So komme ich mal mit den Menschen ins Gespräch, kann weiter Werbung für Kromlau machen und gleichzeitig etwas über den Park und seine Geschichte erzählen.“ Von zwei Ereignissen im Vorjahr plaudert sie besonders gern. „Da hatten mich zu Pfingsten fünf deutsche Königinnen und im Sommer die Salzprinzessin von Artern privat besucht und beide Male haben wir einfach unsere Kleider angezogen, sind damit durch den Park gelaufen, haben Erinnerungsfotos geschossen. Das hat allen riesigen Spaß gemacht, weil wir ja sonst keine Treffen und Auftritte hatten.“

Was Auftritte angeht, so könnte es sein, dass man Antonia Jahnke künftig trotzdem öfter sieht. Möglicherweise nicht als Blütenkönigin. Aber als Moderatorin, Talk-Masterin und Schauspielerin. „In der Medienstube arbeiten wir gerade an einem Video-Projekt, mit dem wir insbesondere jungen Menschen die Vergangenheit und Gegenwart von Weißwasseraner Bauwerken und Einrichtungen wie Bahnhof, Eisstadion, Glasfachschule oder Volkshaus näherbringen wollen und somit auch die Stadtgeschichte“, verrät Antonia Jahnke. Als Moderatorin führt sie durch eine neue Video-Talkshow der Medienstube mit Talenten und Gästen aus der Region. „Da ist sogar eine professionelle Pole-Dancerin dabei.“ Noch seien beide Formate nicht fertig, da wegen Corona selbst Aufnahmen in öffentlichen Gebäuden oder mit Mitwirkenden untersagt sind. „Wir versuchen zu machen, was möglich ist. Aber es reicht eben noch nicht für den Start der Reihen.“

Was die Schauspielerei betrifft, so ist Antonia auch hier mit einigen Agenturen im Gespräch, hat sie bereits Angebote für die Mitwirkung in TV-Serien und Aufnahmen in Wien und Chemnitz. Doch auch das geht erst los, wenn die Pandemie beendet ist oder Lockerungen es zulassen. Parallel schreibt sie Songtexte, die sie Künstlern anbietet. „Ich werde nicht der nächste Star, aber ich versuche, mich trotz Corona kreativ auszutoben.“ Dazu gehöre auch die Vorbereitung einer eigenen und nachhaltig, aus Second-Hand-Ware, produzierten Oberteile-Kollektion. Viel Beschäftigung also für eine eigentlich arbeitslose Hoheit.

Mehr Nachrichten aus Weißwasser und Umland lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Weißwasser