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Notruf - damit ihr jemand zuhört

Gleich dreimal rief eine Frau in Weißwasser die Polizei, weil sie sich verfolgt fühlte. Ein Hilfeschrei, so fand selbst der Staatsanwalt.

Symbolbild
Symbolbild © dpa-Zentralbild

Weißwasser. Wer den polizeilichen Notruf wählt, hofft auf schnelle Hilfe. Im Falle einer Weißwasseranerin waren die Beamten des örtlichen Reviers auch umgehend zur Stelle. Jedes Mal. Nur, dass kein wirklicher Notfall vorlag. Da der Missbrauch des Notrufs strafbar ist, sind die Polizisten verpflichtet, eine Anzeige zu schreiben. Deswegen musste sich die 43-Jährige jetzt vor dem Amtsgericht Weißwasser verantworten.

Die Staatsanwaltschaft warf ihr den Missbrauch von Notrufen und Beeinträchtigung von Unfallverhütungs- und Nothilfemitteln vor – und das gleich in drei Fällen. Der alkoholkranken Frau fehlt jegliche Erinnerung daran. Um diese aufzufrischen und die Sachverhalte zu erhellen, wurden zwei Polizeibeamte als Zeugen gehört.

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Demnach hatte die Beschuldigte am 16. Mai 2020 gegen 19.25 Uhr den Notruf gewählt, weil sie sich vor dem Netto-Markt in Weißwasser bedroht fühlte und deshalb nicht einkaufen konnte. Die Beamten fanden sie gegenüber der Saschowawiese auf einer Bank vor, von Bedrohung jedoch keine Spur. Vielmehr hatten die Polizisten das Gefühl, dass die stark alkoholisierte Frau jemanden zum Zuhören brauchte.

Am 3. Juli 2020 bat die Frau gegen 15.31 Uhr erneut die Polizei um Hilfe, da vor ihrer Tür fünf Leute stehen würden, die sie bedrohten. Das stellte sich erneut als „blinder Alarm“ heraus. Ebenso wie jener Notruf am 31. Juli 2020 gegen 20.20 Uhr. Im dritten Fall trafen die Polizeibeamten einen Mann und eine Frau vor der Tür an, die auch geklingelt hatten. Aber nur, weil mit der jetzt Angeklagten vereinbart war, dass sie Sachen abholen sollten.

Ein Bekannter in der Wohnung hatte mitbekommen, dass die Frau jemanden anrief, dass es ein Notruf bei der Polizei war, wollte er nicht bemerkt haben. Zu den Beamten äußerte er, dass die Frau sich nur wichtig machen wolle. Ein freiwilliger Alkoholtest bei ihr ergab 2,88 Promille. Die Polizisten erklärten ihr, dass der Missbrauch des Notrufs strafbar sei. Ob sie das verstanden hatte, bezweifelte der Zeuge auch im Nachhinein noch. Vor Gericht sagten die Beamten, dass sie den Eindruck hatten, dass sich die Frau in einer schweren Lebenskrise befand.

Der Partner sei an Corona gestorben

„Seither ist sie auf dem Radar der Polizei nicht mehr aufgetaucht“, so der Verteidiger. Nach seiner Aussage hatte die Frau zur Zeit jener Vorfälle ein besonders großes Alkoholproblem. Der Herzinfarkt ihres Partners machte ihr zu schaffen und dass sie ihn in Krankenhaus und Reha nicht erreichen konnte. Solche Episoden würden sich durch ihr ganzes Leben ziehen. Wie sie selber sagte, sei ihr Partner im Januar 2021 an Corona verstorben. Obwohl er verheiratet war, lebten sie zwei Jahre zusammen.

Eigentlich wollte die Weißwasseranerin Köchin werden. Es war ihr Traumberuf. Doch sie brach die Lehre ab. Als Grund dafür nannte sie den Umgang mit falschen Freunden. Vermutlich kam sie auch durch diese Bekannten zum Alkohol. Meist habe sie Likör getrunken, vor allem ihre Lieblingssorte Pfeffi. Als Tagesration gab sie vor Gericht zwei bis drei 0,7er-Flaschen an.

Seit zwei Monaten ist sie nun trocken. Dass ihr Sohn Jeremy ihr geschrieben hat, brachte sie wohl zur Besinnung. Wegen der großen Alkoholprobleme waren ihr einst die fünf Kinder – allesamt von verschiedenen Vätern – vom Jugendamt entzogen worden. Jetzt hat sie wieder Kontakt. Nur nicht zum mittleren Sohn, der von einer Familie adoptiert wurde. Seit zehn Tagen arbeitet sie wieder – in einer Maßnahme des Jobcenters für Langzeitarbeitslose.

Staatsanwalt tut sich schwer

All das hielt ihr Amtsgerichtsdirektor Christoph Pietryka zugute. Gegen die Frau sprach allerdings, dass sie für Polizei und Justiz längst kein unbeschriebenes Blatt mehr ist. Vor verschiedenen Gerichten war sie schon angeklagt wegen Beleidigung, Diebstahl, Körperverletzung, Trunkenheit im Verkehr, 2011 schon einmal wegen Missbrauch des Notrufs. 24 Einträge enthält das Bundeszentralregister. Alle Taten seien im Zustand verminderter Schuldfähigkeit begangen worden, so der Richter.

Der Staatsanwalt tat sich schwer mit seinem Strafantrag. Die jetzt angeklagten Straftaten seien als Hilferuf zu verstehen, betonte er. Das Gericht verwarnte die Angeklagte und sprach unter Vorbehalt eine Geldstrafe von 80 Sätzen a 10 Euro aus. Ihr wird eine Bewährungszeit von zwei Jahren auferlegt. Währenddessen soll sie acht Termine bei einer Suchtberatung wahrnehmen und 500 Euro an den gemeinnützigen Verein Fisch e.V. in Weißkeißel zahlen, der sich um Suchtkranke kümmert.

Mit diesem Urteil folgte das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts. Ähnlich hatte sich der Verteidiger geäußert. Die Strafe unter Vorbehalt ermögliche der Frau zu zeigen, dass sie dauerhaft vom Alkohol wegkommt. Sie hat die Kosten des Verfahrens zu tragen.

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