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Wenn jemand eine Domowina-Ortsgruppe wiederbelebt

Heidemarie Richter leitet seit 2014 die Domowina-Ortsgruppe in Schleife. Jetzt wurde sie ausgezeichnet.

Heidemarie Richter ist seit 2014 Vorsitzende der Domowina-Ortsgruppe Schleife. Immer wieder engagiert sie sich ehrenamtlich. Für ihr beständiges Wirken erhielt sie in diesem Jahr das Ehrenabzeichen der Domowina
Heidemarie Richter ist seit 2014 Vorsitzende der Domowina-Ortsgruppe Schleife. Immer wieder engagiert sie sich ehrenamtlich. Für ihr beständiges Wirken erhielt sie in diesem Jahr das Ehrenabzeichen der Domowina © Andreas Kirschke

Damit hatte Heidemarie Richter (68) aus Schleife nicht gerechnet: „Ich war überrascht. Das hätten sicher ganz andere verdient“, meint sie über ihre jüngste Auszeichnung mit dem Ehrenabzeichen der Domowina. Seit 2014 ist sie Vorsitzende der Domowina-Ortsgruppe Schleife und auch Kassenwartin im, seit 1992 bestehenden, Förderverein Sorbisches Kulturzentrum Schleife. Immer wieder engagiert sie sich vor Ort ehrenamtlich.

„Ursprünglich stamme ich aus Bad Muskau“, erzählt die Rentnerin. „Dort ging ich zur Schule. Sorbische Bräuche kannte ich nicht.“ An der Erweiterten Sorbischen Oberschule Cottbus lernte sie Niedersorbisch. Dort begegnete sie ihrem heutigen Mann Hartmut (67). Durch ihn fand Heidemarie Richter lebendigen Kontakt zur sorbischen Sprache, vor allem durch seine Großmutter mütterlicherseits, Magdalena Jakubik. Sie war Jahrgang 1905, sprach zu Hause Schleifer Sorbisch und ging täglich in Schleifer sorbischer Tracht.

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Diplom-Indologin wird Kauffrau

Heidemarie Richter begeisterte sich frühzeitig für ferne, fremde Kulturen. So studierte sie an der Humboldt-Universität Berlin Asienwissenschaften. Ihr Studium schloss sie als Diplom-Indologin ab. „Ich hätte dann gern in einem Sprach- oder Kulturinstitut gearbeitet“, erinnert sie sich. „Leider gab es in der DDR-Zeit nur wenige Möglichkeiten.“

So orientierte sich die Bad Muskauerin um. Als Quereinsteigerin lernte sie Export-Kauffrau in der Glasindustrie. Viele Jahre arbeitete sie im Oberlausitzer Glaswerk Weißwasser (OLG). Sie sorgte sich um den Verkauf des produzierten Wirtschaftsglases. Nach Österreich, in die Schweiz, in die Niederlande, nach Frankreich und Dänemark gelangten die Erzeugnisse. Ein Teil ging sogar bis in die USA, nach Kanada und sogar nach Australien.In der Zeit der politischen Wende 1989/1990 musste sich Heidemarie Richter erneut umorientieren. Sie arbeitete jetzt als Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit der Niederschlesischen Sparkasse in Weißwasser. „Durch die starke berufliche Einbindung blieb für das Ehrenamt kaum Zeit“, erzählt sie.

Erst 2011, mit Beginn der Altersteilzeit, bot sich Gelegenheit. Durch das krankheitsbedingte Ausscheiden der langjährigen Vorsitzenden der Domowina-Ortsgruppe Schleife, Hildegard Berton, kam die Arbeit der Ortsgruppe zum Erliegen. Heidemarie Richter übernahm 2014 den Vorsitz. Ihr ging es um die Wiederbelebung der rund 30 Mitglieder starken Ortsgruppe.

„Heute nehmen wir rege am Schleifer Kulturleben teil, zum Beispiel an Veranstaltungen wie dem Ostereier-Markt, dem Kirmes-Markt, der Veranstaltungsreihe Bräuche-Trachten-Traditionen und an der Weihnachtsfeier der Senioren mit dem Schleifer Christkind dźěćetko. Wir initiieren auch eigene Projekte“, sagt die Vorsitzende.

Schwerpunkt Sorbische Hochzeiten

Dazu gehört die mit viel Leidenschaft erarbeitete und entworfene Foto-Ausstellung zum Thema „Sorbische Hochzeiten im Kirchspiel Schleife 1902-1954. Serbske swaŕby w Slěpjańskej wósadźe 1902-1954“. Bereits 2017 riefen die Initiatoren Stephanie Bierholdt, Heidemarie Richter und Wolfgang Kotissek die Einwohner des Kirchspiels Schleife dazu auf, historische Fotos sorbischer Hochzeiten abzugeben. „Der Zuspruch war enorm“ sagt Heidemarie Richter. Mit der intensiven Beschäftigung des abgegebenen Materials konnten wir Einblicke in Trachten, Traditionen, Ablauf der Hochzeiten, Hochzeitsessen und viele weitere Begebenheiten rund um das Fest der Hochzeit erlangen. Das haben wir anschaulich und lebendig mittels einer Präsentation im selben Jahr dargestellt.“ Die Nachforschungen führten unter anderem ins Archiv des Evangelischen Kirchenverbandes Schlesische Oberlausitz nach Görlitz, ins Kreisarchiv des Landkreises Görlitz nach Niesky, ins Standesamt Schleife und ins Archiv der Evangelischen Kirchengemeinde Schleife. „Wir konnten viel herausfinden, was uns dazu veranlasste, viele der abgegeben Fotos sowie unsere Erkenntnisse dazu einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen.“

Die dementsprechende Foto-Ausstellung war von September 2019 bis Februar 2020 im Sorbischen Kulturzentrum Schleife zu sehen. Zurzeit befindet sich diese Ausstellung in der Niederlausitz – in der Sorbischen Kulturinformation Lodka in Cottbus.Die Domowina-Ortsgruppe Schleife plant ein Buch zur Ausstellung. Darin soll es um die Vorbereitung, den Ablauf, das Kulinarische, die Trachten und die Gäste der Hochzeiten gehen. Im Rahmen des Jubiläums zur 750-Jahr-Feier in Schleife im Juni 2022 soll das Buch erscheinen. „Wir wollen möglichst vielfältig, tiefgründig und authentisch das Geschehen zur sorbischen Hochzeit wiedergeben“, erläutert die Vorsitzende. „Es soll nicht in Vergessenheit geraten. Fakt ist: bis 1954 heirateten Paare im Kirchspiel noch Sorbisch. Wir konnten Zeitzeugen für unser Projekt befragen, die uns allesamt bei dem Vorhaben unterstützt haben.“

Viel Freude bereitet Heidemarie Richter der Sorbisch-Sprachkurs bei Jadwiga Mudra in Schleife. Für die Zukunft der Domowina-Ortsgruppe ist Nachwuchsgewinnung unerlässlich. „Das geht nur durch viele Einzelgespräche und durch beharrliches, persönliches Werben im Alltag“, unterstreicht sie. „Unsere Ortsgruppe soll langfristig weiter bestehen.“ (von Andreas Kirschke)

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