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Weißwasser

Mit Leidenschaft auf getunten 25 PS

Reiner Wegener und Wilfried Nitschke waren einst im Motorsportclub Weißwasser aktiv. Die Erinnerungen sind bis heute lebendig – auch auf Glas.

Von Constanze Knappe
 5 Min.
Geschichte auf Glas: Reiner Wegener (links) und Wilfried Nitschke waren Mitglieder des Motorsportclubs in Weißwasser. Dieser wurde nach der Wende allerdings aufgelöst. Geblieben sind den beiden Männern viele tolle Erinnerungen – und Biergläser, wie
Geschichte auf Glas: Reiner Wegener (links) und Wilfried Nitschke waren Mitglieder des Motorsportclubs in Weißwasser. Dieser wurde nach der Wende allerdings aufgelöst. Geblieben sind den beiden Männern viele tolle Erinnerungen – und Biergläser, wie © Joachim Rehle

Weißwasser ist unbestritten eine Eishockey-Hochburg. Dass die Stadt auch mal eine des Motorsports war, dürfte weit weniger bekannt sein. Es ist eines jener spannenden Details, welche die aktuelle Sonderausstellung des Glasmuseums Weißwasser offenbart. Sie zeigt sogenannte Anlass-Gläser – zumeist Biertulpen, die zu bestimmten Ereignissen herausgegeben wurden. Darunter sind auch jene des Motorsportclubs Weißwasser, zum Beispiel das Glas für einen ersten Platz bei den DDR-Meisterschaften. Ein bisschen schmunzeln Reiner Wegener und Wilfried Nitschke darüber. „Eine Beinstellung wie auf dem Glas gibt es gar nicht. Mit so angewinkelten Beinen wäre der Schwerpunkt viel zu hoch“, sagen sie mit gehörigem Sachverstand.

Reiner Wegener, Jahrgang 1946, war Kart-Fahrer mit Leib und Seele. Seine Siegerkränze hat er heute noch. Selber gefahren ist Wilfried Nitschke hingegen nie. „Jedenfalls kein Rennen“, wie er sagt. Bei ihm liefen stattdessen die organisatorischen Fäden zusammen. „Aber besessen waren wir alle“, fügt der fast 80-Jährige hinzu.

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1965: erster Wagen Marke Eigenbau

Gegründet wurde der MC Weißwasser 1962 von begeisterten Männern wie Willi Tschammer, Paul Menzel, Helmut Kiank, Konrad Siegert und Günter Richter. Ein eigenes Vereinsheim hatten sie nicht. Der Vorstand mietete für seine Sitzungen Räume an. Mitgliederversammlungen fanden im Volkshaus und im Ratskeller statt. Die große Begeisterung für den K-Wagen-Sport führte dazu, dass 1965 beim damaligen VEB Kraftverkehr Weißwasser ein K-Wagen aufgebaut wurde. Die Idee dazu hatten Heinz Mihan und Wilfried Nitschke. Zwei Jahre später gingen Sigwart Mühle und Wolfgang Balke beim ersten Rennen in Weißwasser an den Start, vor dem damaligen Kino. Von Görlitz bis Cottbus nahmen Fahrer des MC Weißwasser an Rennen teil.

Doch wie sich bald zeigte, waren die finanziellen Mittel mehr als begrenzt. Deswegen stellte Wilfried Nitschke, der zunächst im Kraftverkehr als Kfz-Schlosser und später im Kraftwerk arbeitete, 1974 bei der dortigen Sportkommission den Antrag auf Gründung einer Sektion K-Wagen. Dem wurde zugestimmt und bald darauf in zwei Garagen eine kleine Werkstatt eingerichtet. „Wir wurden vom Kraftwerk finanziell sehr gut unterstützt“, sagt Wilfried Nitschke rückblickend. So hätten sie im Jahr darauf mit einem moderneren K-Wagen an Rennen teilnehmen können.

Bleikristall gegen Reifen getauscht

Im Jahr 1976 wurde ein zweiter Wagen aufgebaut. Nitschke erinnert sich, wie sie auf abenteuerliche Weise die überaus begehrten Rennreifen beschafften. In der DDR gab es die nicht, weil die Reifenwerke in Riesa und Fürstenwalde keine freien Kapazitäten hatten. „Im Tausch gegen Bleikristall aus Weißwasser haben wir sie gekriegt“, plaudert er quasi aus dem Nähkästchen. Solche Gläser galten damals etwas in der Welt. Zu Saisonbeginn war man sich bei einem Freundschaftslauf in Tschechien schnell einig geworden. Allerdings hatte nicht jeder Zöllner der DDR Verständnis für derlei umtriebige Aktivitäten. Vorsichtshalber hatten die Motorsportler deshalb 1981 ein Begleitschreiben dabei, wonach die Reifen im Gepäck ein Geschenk des Partnerklubs aus Ungarn waren. Dem war zwar nicht so, aber den Behörden war Genüge getan. Ein anderes Mal tauschten sie in Bulgarien einen Motor gegen Reifen. Wilfried Nitschke erzählt, als sei das alles erst gestern gewesen. Noch heute besitzt er Bremsband, womit einst die Bremsbacken belegt wurden.

Nun als MC Weißwasser/KW Boxberg

Zum 1. Januar 1981 wurde die Sektion K-Wagen-Sport des VEB Kraftwerk Boxberg in den MC Weißwasser eingegliedert. Das Papier trägt auch die Unterschrift des damaligen Betriebsleiters Dubslaff. Gestartet wurde nun unter dem Namen MC Weißwasser/KW Boxberg. Aus Anlass der Berg- und Energiearbeiter-Feste wurden einige Rennen in Weißwasser ausgetragen – vor begeistertem Publikum. Die Finanzierung übernahm das Festkomitee, die Organisation die hiesigen Motorsportler.Fast alle Teile der Karts waren Einzelanfertigungen. Die 25 PS starken Motoren waren getunt und brachten es auf 11.000 Umdrehungen. Die Fahrer starteten bei Bezirks- und DDR-Meisterschaften. Im Kampf um diese Titel bezwang der gebürtige Weißwasseraner Reiner Wegener mitunter bis zu 60 Konkurrenten. Sein Teamkollege Klaus-Peter Beier wurde sogar in die DDR-Nationalmannschaft berufen. Er fuhr mit um den „Pokal der sozialistischen Länder“ im Osten Europas. In der Saison 1982 errang die DDR-Nationalmannschaft immerhin einen 2. Platz. Beim ersten gesamtdeutschen Kart-Rennen 1989 belegte Frank Müller in der 125er Klasse einen achtbaren 10. Platz. Das sah man hierzulande als Bestätigung, sich sowohl mit der fahrerischen Leistung als auch mit der Technik nicht verstecken zu müssen. Für letztere zeichneten Ulrich Kaube, Ralf Lukas und Peter Meier verantwortlich. Bei Wilfried Nitschke, dem damaligen Sektionsleiter K-Wagen-Sport, liefen alle Fäden zusammen.

Wendeträume schnell geplatzt

Die guten internationalen Leistungen wie auch das bravouröse gesamtdeutsche Abschneiden ließen neue Träume reifen. Doch diese platzten schnell wie Seifenblasen. Denn nach der Wiedervereinigung kappte das Kraftwerk die Unterstützung. Somit erging es den Motorsportlern nicht anders als Kabarettisten und anderen Kultur- und Sportgruppen. Die beiden K-Wagen wurden verkauft, die Arbeit der Sektion eingestellt. Als Vorsitzendem des MC Weißwasser/Boxberg blieb Siegfried Ritter nichts anderes übrig, als den Verein aufzulösen. Es war die bittere Konsequenz aus der Tatsache, dass Anfang der 90er Jahre „keiner mehr wusste, wie es weitergeht“.

Nitschke und Wegener bedauern das ein bisschen. Sie sind die einzigen aus der alten Clique, die noch regelmäßig Kontakt haben. Die Begeisterung von damals haben sich die beiden Männer bis heute bewahrt. Und dass ihn seine Enkel auf der Kartbahn in Löschau/Cottbus nur um drei Sekunden abgehangen haben, das macht Wilfried Nitschke sogar ein bisschen stolz.

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