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Neue Perspektive für Boxberg

Mit grünem Carbon in ein neues Industriezeitalter - am Kraftwerk soll eine Pilotanlage für Leichtbaustoffe entstehen. Davon gibt es weltweit nur zwei.

n Zeiten von Corona gilt Abstand auch für die eigentlich gewollte enge Zusammenarbeit, jedenfalls was die Unterzeichnung der Absichtserklärung im Infozentrum des Kraftwerks Boxberg betrifft: Prof. Johannes Ganster, Abteilungsleiter Materialentwicklung b
n Zeiten von Corona gilt Abstand auch für die eigentlich gewollte enge Zusammenarbeit, jedenfalls was die Unterzeichnung der Absichtserklärung im Infozentrum des Kraftwerks Boxberg betrifft: Prof. Johannes Ganster, Abteilungsleiter Materialentwicklung b © Joachim Rehle

Wenn alle bewegten Teile in Deutschland nur zehn Prozent leichter wären, könnten 100 Millionen Tonnen  CO2 pro Jahr eingespart werden. Weltweit sogar drei Milliarden Tonnen. Nicht erst in Zeiten des forcierten Klimaschutzes ist das eine Herausforderung für Wissenschaftler, Werkstoffe leichter zu machen, damit für deren Bewegung weniger Energie nötig ist. Die Motivation dazu bekommt jetzt einen großen Schub. Am Kraftwerk Boxberg soll eine Pilotanlage zur Erforschung und Herstellung von Leichtbaustoffen entstehen. Deutschland könnte damit international in die erste Riege der Anbieter nachhaltiger Technologien aufsteigen. Eine Absichtserklärung unterzeichneten gestern der sächsische Staatsminister für Regionalentwicklung Thomas Schmidt, Vertreter der Lausitz Energie Kraftwerke AG (Leag) und der Fraunhofer Institute für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik (IWU) sowie für Angewandte Polymerforschung (IAP). „Diese Kooperation ist beispielhaft dafür, wie nachhaltiger Strukturwandel aussehen kann. Für den Standort Boxberg eröffnet sich damit ein Weg in ein neues Industriezeitalter“, so der Staatsminister.

Erster Spatenstich in einem Jahr?

Dem guten Willen sollen alsbald Taten folgen. Hubertus Altmann, Vorstand der Lausitz Energie Kraftwerke AG (Leag), rechnet mit einer Vorbereitungszeit von etwa einem Jahr. Demnach könnte im September 2021 der erste Spatenstich für den Neubaukomplex stattfinden. Die erste Großinvestition sei ab 2025 vorstellbar. Zunächst entsteht eine Pilotanlage, die später durch weitere Fertigungsmodule für die energieeffiziente Bauteilherstellung ergänzt werden soll. Mit weiteren Partnern.

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Vergleichbare Anlagen gibt es bisher nur in den USA (für militärische Forschung) sowie bei Melbourne in Australien. Mit der dortigen Universität besteht eine Kooperationsvereinbarung, so Prof. Lothar Kroll, Sprecher des Exzellenzclusters Merge der Technischen Universität Chemnitz, wo bereits zahlreiche Verbundwerkstoffe und neue Hybrid-Technologien erforscht und entwickelt wurden. Weltweit seien Forscher an dem Thema dran, weil Carbon die höchsten Potenziale zur Gewichtsreduktion bietet etwa für Autos, Flugzeuge, Maschinen, Windkraftanlagen und in vielen anderen Bereichen. Carbon mache all das 30 bis 50 Prozent leichter im Vergleich zu klassischen metallischen Strukturen, so Prof. Lothar Kroll. Neu ist der Ansatz nicht. Seit den Siebziger Jahren wird zu Carbon geforscht. Carbonfasern finden sich beispielsweise in teuren Sportwagen, in Tennisschlägern und anderswo. „Es gibt dabei nur ein kleines Problem: Die Kosten sind zu hoch, weil die Technologie noch nicht ausgereift und die Produktion zu energieintensiv ist“, erklärte er.

Carbon.Kilo-Preis soll sinken

Und genau das soll sich mit dem Projekt InnoCarbEnergy ändern. Kohlenstofffasern sind extrem reißfest, steif und extrem leicht. Quasi „der Diamant unter den Fasern“, wie es Prof. Dr. Welf-Guntram Drossel, Institutsleiter Mechatronik/Funktionsleichtbau beim Fraunhofer IWU, bezeichnete. In Boxberg soll Carbon bezahlbar für alle werden. Anders gesagt: Wenn es statt 15 Euro pro Kilogramm unter 10 Euro kostet, wird es für die Herstellung vieler Produkte interessant und trägt wesentlich zur Einsparung des klimaschädlichen CO2 bei.

Das Projekt folgt einer neuen Denkweise. Bisher sei Produktion angesiedelt und die Energie dahingebracht worden. Mit InnoCarbEnergy ist es umgekehrt. Produktion werde an einen vorhandenen Energiestandort gebracht. Denn es handle sich bei der Pilotanlage keineswegs nur um ein Forschungslabor. Künftig sollen 100 Tonnen dieser Fasern in Boxberg produziert werden. „Das ist wertschöpfende Energiewende“, so Prof. Dr. Welf-Guntram Drossel. „Es ist erfolgversprechend für den Strukturwandel, das Kraftwerk nicht zum Windpark umzuwandeln, sondern seine Kraft für die Produktion zu nutzen“, erklärte er.

Hochqualifizierte Mitarbeiter sind da

Boxberg sei dafür der ideale Standort, wie es gestern hieß. „Die Lausitz Energie Kraftwerke AG befindet sich auf dem Weg der Transformation zu einem modernen Energie-, Infrastruktur- und Service-Unternehmen“, beschrieb Leag-Vorstand Hubertus Altmann die beabsichtigten Veränderungen angesichts des gesetzlich vorgeschriebenen Kohleausstiegs. Er verwies auf „ein hervorragendes Gesamtpaket aus Mut zur Innovation und sozialer Verantwortung“. Im Kraftwerk selbst gebe es an die 700 hochqualifizierte Mitarbeiter, noch mal so viele in den Tagebauen und viele weitere bei den Zulieferern. „Die Industriearbeitsplätze so weit wie möglich zu erhalten, das treibt uns um“, betonte er.

Auf dem Gelände des Kraftwerks ist genügend Platz für Fertigungsstätten, um neue Industriearbeitsplätze zu schaffen. Aber auch Platz für erneuerbare Energien. Denn nach dem Willen der Väter von InnoCarbEnergy sollen die eigentlich schwarzen Carbonfasern in Boxberg grün werden. Sprich, bei ihrer eigenen Herstellung sollen von Beginn an Aspekte des nachhaltigen Wirtschaftens realisiert werden.

Staatsminister Thomas Schmidt sieht in dem Projekt „ein großartiges Bekenntnis der Leag, hier weiter zu investieren, was von vielen in Zweifel gestellt worden war“. Auch wenn die ersten Blöcke im Kraftwerk Boxberg erst 2028/29 vom Netz gehen, sei es wichtig, „jetzt die Pfähle einzuschlagen“ für den Strukturwandel in der Lausitz. Nach der Unterzeichnung der Absichtserklärung waren sich alle einig: Der gestrige Tag war ein guter für die Lausitz.

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