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Wie weiter in Weißwasser?

Die Stadt braucht ein neues Entwicklungskonzept. Auch, damit sie besser an Fördermittel kommt.

In der Einkaufsmeile Boulevard in der Stadt ist es nicht immer einfach, alle Läden zu vermieten.
In der Einkaufsmeile Boulevard in der Stadt ist es nicht immer einfach, alle Läden zu vermieten. © André Schulze

Weißwasser hat kein typisches Stadtzentrum wie etwa Görlitz oder Bautzen. Das innerstädtische Treiben spielt sich hier höchst selten rings um das Rathaus ab. Handel und Dienstleistungen sind entlang der Muskauer Straße, also der Bundesstraße B 156, auf der Saschowawiese und noch zum geringen Teil am Boulevard konzentriert. Die durch die Verkehrsinfrastruktur zerschnittene Innenstadt ist eine der großen Herausforderungen für die weitere Entwicklung. Eine zweite: dass die Bevölkerungszahl noch immer schrumpft, was mittlerweile hauptsächlich biologisch bedingt ist. Und über allem steht der Kohleausstieg mit seinen Auswirkungen auf die kernbetroffene Stadt im Lausitzer Revier.

Daraus ergibt sich die grundsätzliche Frage: Wie weiter in Weißwasser? Die Verwaltung möchte „Weißwasser als Modellstadt nachhaltig und bürgernah aufstellen und dabei attraktiv für junge Leute machen“. Die strategische Ausrichtung soll in einem Integrierten Stadtentwicklungskonzept (Insek) festgeschrieben werden. Einstimmig hat jetzt der Stadtrat Oberbürgermeister Torsten Pötzsch (Klartext) ermächtigt, während der Sitzungspause die Planungsleistungen dafür zu vergeben.

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Konzept Bedingung für Modellstadt

Dass die Stadt ist, wie sie ist, hat vor allem industriell bedingte, aber auch andere historische Ursachen. Dabei war sie mehr als einmal mit extremen Brüchen konfrontiert, die bis heute städtebaulich, funktional, aber auch im Bewusstsein der Menschen ihre Spuren hinterlassen haben.

„Wohin soll sich Weißwasser entwickeln?“ Mit dieser spannenden Frage setzte sich der Stadtrat bereits 2011 auseinander. Im November jenes Jahres beschloss er ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept. 2015 wurde es teilweise überarbeitet und zu Klimaschutz und Brachen ergänzt. Jetzt soll das Konzept als Ganzes fortgeschrieben werden. „Nach zehn Jahren sind wir in der Pflicht, ein neues aufzustellen. Denn die Welt hat sich weitergedreht“, begründete der OB. Nicht nur das. Wie es in der jüngsten Stadtratssitzung hieß, ist ein solches Insek Bedingung dafür, um in die Förderkulisse zur Entwicklung einer Modellstadt aufgenommen zu werden. Die Kosten für die Planungsleistungen werden zu zwei Dritteln von Bund und Land gefördert.

Strategien für urbane Stadträume

Die Stadtverwaltung sieht in dem Vorhaben „zum einen die Möglichkeit, zukunftsfähige und nachhaltige Grundlagen nach dem extremen Schrumpfungsprozess zu schaffen – und zum anderen die einmalige Chance, ein anspruchsvolles übergreifendes Handlungskonzept für die nächsten 15 Jahre auf die Beine zu stellen“. Als besondere Herausforderung gelte die Auseinandersetzung mit dem „allgegenwärtig vorherrschenden Strukturwandel und dessen kluge und innovative Umsetzung“.

Wie weiter zu vernehmen war, würden Brachen und Leerstand der Nachwendejahre wie auch die Auswirkungen der Corona-Pandemie jetzt die grundsätzliche Frage nach erfolgreichen Strategien für urbane Stadträume mit hohen Gemeinwohl-Anteilen verstärken. Zwar soll sich das Insek besonders auf die Innenstadt konzentrieren, dabei aber zugleich beabsichtigte oder durch Stadtratsbeschlüsse angestoßene Entwicklungen gesamtstädtisch einordnen – etwa den geplanten Campus für Forschung und Bildung an der einstigen Gelsdorfhütte und das in unmittelbarer Nachbarschaft vorgesehene neue Wohnviertel.

Breite Bürgerbeteiligung erwünscht

Mit diesen Vorhaben und anderen Ideen richtet sich Weißwasser als „eine in extremen Brüchen erprobte Stadt“ neu aus. Auf einen entsprechenden Aufruf hin bekundeten zehn Planungsbüros aus Berlin, Dresden, Leipzig, Cottbus und Radeberg ihr Interesse und reichten ihre Portfolios ein. Daraus wurden fünf Büros ausgewählt. Sie haben nun noch bis zum 9. Juli Zeit, ein verbindliches Angebot abzugeben.

Baureferatsleiterin Dorit Baumeister hat bei den fünf favorisierten Büros „ein gutes Gefühl“. Ihr sei die Frage ganz wichtig, wie gut die Spezifik der Stadt Weißwasser von dem jeweiligen Büro erfasst werde. „Es muss der Wille erkennbar sein, sich individuell in die Stadt hineinzubegeben und nicht bloß eine Schablone drüber zu legen wie über jede x-beliebige andere Stadt“, sagte sie. Zudem lege sie den Fokus auf die Erfahrungen der jeweiligen Planer im Umgang mit schrumpfenden Städten.

Der Auftrag an das auszuwählende Planungsbüro wird lauten, den derzeitigen Stand zu analysieren, Stärken und Potenziale der Stadt Weißwasser herausarbeiten, Ziele für die weitere Entwicklung zu formulieren, deren Umsetzung zu planen sowie den dafür erforderlichen Finanzbedarf und Fördermöglichkeiten zu ermitteln. Auch strebt die Stadt eine breite Bürgerbeteiligung an, etwa in Form von Befragungen, Arbeitsgruppen und Workshops. Denn nur mit einer gut informierten Bürgerschaft seien Akzeptanz und Identität mit den Zielen der Stadtentwicklung zu erreichen. Mitgewirkt haben die Bürger der Stadt zum Beispiel 2015 an der Erarbeitung des Leitbilds „Vision Weißwasser 2035“.

Fertiges Konzept bis Herbst 2022

Wie OB Torsten Pötzsch im Stadtrat betonte, sollen in das neue Insek andere Konzepte einfließen. Als Beispiele benannte er das Handelskonzept und das Wirtschaftsförderkonzept. Das werde bei der Vergabe noch intensiver zu besprechen sein, sagte er. Und nicht zuletzt soll dem Volkshaus eine besondere Rolle in der Innenstadtentwicklung zukommen, wie es der Stadtrat in der gleichen Sitzung beschlossen hat.

Aus den fünf Angeboten werden drei Büros ausgewählt, die nach Wirtschaftlichkeit, der strategischen Herangehensweise sowie der Art der Bürgerbeteiligung bewertet werden. Danach erfolgt durch ein Gremium die Entscheidung, welches Büro den Zuschlag erhält, sowie die Beauftragung durch den OB. Das betreffende Büro wird sich im September im Stadtrat vorstellen. Das mehrmals abgestimmte Gesamtkonzept ist spätestens im 3. Quartal 2022 dem Stadtrat zur Beschlussfassung vorzulegen.

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