merken
PLUS Sachsen

"Der Nobelpreis macht vergessene Krisen sichtbar"

Der Dresdner Benjamin Scholz arbeitet für das UN-Welternährungsprogramm – dem neuen Friedensnobelpreisträger. Er erlebt, wie Corona zu mehr Hunger führt.

Benjamin Scholz, in Dresden aufgewachsen, war für das Welternährungsprogramm schon in Mwetchi in der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz. Jetzt arbeitet er in Jordanien.
Benjamin Scholz, in Dresden aufgewachsen, war für das Welternährungsprogramm schon in Mwetchi in der Demokratischen Republik Kongo im Einsatz. Jetzt arbeitet er in Jordanien. © WFP /Christelle Mputu

Donald Trump, Greta Thunberg und Alexej Nawalny waren für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert, wurde spekuliert. Doch die Auszeichnung, die heute im kleinen Rahmen in Oslo überreicht wird, ging an das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (UN WFP) – als Anerkennung für die Bemühungen, den Einsatz von Hunger als Waffe in Kriegen und Konflikten zu verhindern.

Jemand, der hautnah erlebt, was das bedeutet, ist Benjamin Scholz. Der 31 Jahre alte Dresdner leitet die Einheit Studien und Gutachten im UN WFP-Büro in Amman in Jordanien. Erfahren hat er die Nachricht am 9. Oktober von seinem Vater, denn er hatte an diesem Tag kaum Kontakt zu anderen Menschen. Der Tag der Bekanntgabe des Preisträgers war ein Freitag. Da ist in Jordanien als muslimischem Land Wochenende und da herrscht eine strikte Ausgangssperre. „Mein erster Gedanke war: Wow, was für eine wichtige und auch mutige Entscheidung des Nobelpreiskomitees“, sagt Benjamin Scholz bei einem Zoom-Gespräch zwei Monate später. Er sitzt auf einem Flughafen in Südkorea, wartet auf den Anschlussflug nach Kambodscha in den Weihnachtsurlaub und erzählt von dem „herzerwärmenden Gefühl“, dass die Entscheidung bei ihm auslöste.

njumii – Das Bildungszentrum des Handwerks
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.
Erfolg ist mein Ziel. Wissen mein Weg.

njumii ist der Ausgangsort für individuelle Karrieren. Im Handwerk. Im Betrieb. Im Mittelstand. In der Selbstständigkeit.

Gerade in dieser Zeit, wo es eine Vielfalt von globalen Krisen gibt, könne das Nobelpreiskomitee mit diesem Preis entscheiden, worauf es die Aufmerksamkeit lenken will. „Die Entscheidung ist wichtig, weil sie den Problemen, an denen das Welternährungsprogramm arbeitet wie Hunger und Unterernährung, mehr Sichtbarkeit zu verleihen“, so Scholz. Seine Aufgabe ist es, die Situation der Ernährungssicherheit n in Jordanien zu analysieren, um zu bestimmen, wie viele Bedürftige auf Unterstützung angewiesen sind. Das Welternährungsprogramm zahlt dort jeden Monat umgerechnet etwa 26 Euro pro Person an bedürftige Haushalte zum Kauf von Lebensmitteln. In Jordanien leben derzeit rund 750 000 Flüchtlinge, überwiegend aus Syrien. Mit einer Bevölkerung von knapp elf Millionen Einwohnern ist Jordanien damit das Land mit der zweit größten Flüchtlingsdichte auf der Welt. Also schon ohne die Folgen der Corona-Pandemie lastet ein enormer Druck auf den sozialen Systemen.

UN-Hilfsorganisationen und weitere Partner hätten es geschafft, die Situation der Flüchtlinge zu stabilisieren und zu verbessern. Aber mit Ausbruch der Corona-Pandemie hat sie sich wieder erheblich verschlechtert. Viele verloren ihre Arbeit infolge der wohl striktesten Ausgangssperren der Welt. Von März bis Juli war in Jordanien quasi alles zu. „Die Unterstützung, die die Familien von uns bekommen, wurde in dieser Zeit noch überlebenswichtiger für sie“, berichtet Scholz. Eine Folge von Covid 19 sei, dass die 26 Euro nun zunehmend gebraucht werden, um andere Bedarfe abzudecken wie etwa Mietausgaben oder den Kauf von Medikamenten und Hygieneartikel. Das geht zu Lasten der Ernährungssicherheit. Die letzte Studie vom September kam zum Ergebnis, dass in den beiden größten Flüchtlingscamps Zaatari und Asrak Hunger und Armut so groß sind wie seit sechs Jahren nicht mehr. Dabei ist die Lage in den Camps noch besser als außerhalb, wo 80 Prozent der Flüchtlinge oft unter sehr widrigen Bedingungen leben. Denn im Camp werden Grundbedürfnisse wie Unterkunft und kostenloser Schulunterricht gestellt. Das erleichtert einerseits das Leben, andererseits wohnen die Menschen dort in Containern, erklärt der UN-Mitarbeiter.

Mehr Hunger bei Flüchtlingen in Jordanien

Für die Vereinten Nationen zu arbeiten, war schon immer ein Kindheitstraum von Benjamin Scholz, wie er erzählt. Nach dem Abitur hat er an der Universität in Marburg den Studiengang „International Development Studies“ absolviert. „Ein toller Studiengang, der wirklich viele Pforten öffnet“, wirbt er nebenbei. Zum Beispiel die zur Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit, kurz GIZ, für die Scholz in Kambodscha zum Thema Ernährungssicherheit arbeitete. In diesem Zusammenhang lernte er das UN-Welternährungsprogramm kennen, von deren Mission „Zero Hunger – Eine Welt ohne Hunger“ und Selbstverständnis er nach eigenen Worten sehr angetan ist. Seit Sommer 2016 war er im Auftrag der UN erst in Panama tätig, dann folgten Einsätze in Haiti, im Kongo, Kamerun und nun Jordanien.

Dort ist die Versorgungslage mit Lebensmitteln nur noch für zwölf Prozent der 750.000 Flüchtlinge stabil und gesichert, hat Scholz in seinem letzten Gutachten festgestellt. Vor zwei Jahren galt das noch für jeden fünften Flüchtling. Die Zahl der bedürftigen Haushalte sind seit 2018 von 14 auf 21 Prozent gestiegen. Eine Ursache war der starke Anstieg der Lebensmittelpreise nach Ausbruch der Pandemie im Frühjahr und das bei gleichzeitig steigender Arbeitslosigkeit. Die Preise sind inzwischen wieder gesunken, aber ein anderes Problem besteht: Die Schulen sind seit März geschlossen und damit fällt die Schulspeisung weg, die auch über das Welternährungsprogramm mitfinanziert wird. Die Familien müssen jetzt noch täglich eine Mahlzeit mehr für ihre Kinder besorgen, das erhöht die finanziellen Lasten. Besonders leiden darunter die von Frauen geführten Haushalte und Kinder. In ihrer Not würden Familien zunehmend Jungen zum Arbeiten schicken und Mädchen unter 18 Jahren verheiraten, weiß Scholz zu berichten.

Die westliche Welt ist mit sich und der Bewältigung der Pandemie beschäftigt. Fühlen sich die Menschen vergessen? „In den Flüchtlingscamps hat die Stimmung einen absoluten Tiefpunkt erreicht“, sagt Scholz. Es gi.t 1000 Corona-Infizierte, die in Quarantäne müssen und ihre Unterstützung nicht mehr abholen können. Die WFP-Mitarbeiter verteilen die Bargeldhilfen deshalb jetzt unter den Betroffenen von Tür zu Tür. „Wir haben vor Covid-19 einen gewissen Optimismus gespürt. Es gab auch Flüchtlinge, die zurück in die Heimat sind. Das hat sich völlig eingestellt“, so der Dresdner.

Nobelpreis soll Zahlungskürzungen verhindern

Was kann der Friedensnobelpreis an dieser Situation ändern? Die Befürchtung ist, dass die Zahlungen großer Geberländer wie die USA, Deutschland und Großbritannien sich im kommenden Jahr verringern werden, weil sie ihre eigenen Kämpfe gegen Covid-19 zu schlagen haben. „Wir hoffen, dass der Preis deutlich macht, dass Menschen, die schon vorher in einer prekären Situation waren, es jetzt noch viel mehr sind und mehr denn ja auf Hilfe angewiesen sind“, sagt Scholz. Laut Schätzungen werden allein im Mittleren Osten durch die Corona-Pandemie zusätzlich 14,3 Millionen Menschen unter die Armutsgrenze gedrängt werden. Der Preis kann seiner Meinung nach aber auch mehr Aufmerksamkeit auf die vergessenen Krisen in Kamerun, im Libanon und in der Sahelzone lenken.

Gefragt nach seinen Gedanken, wenn er die Debatte in Sachsen um die Corona-Politik verfolgt, meint er, dass die Corona-Krise das Leben aller verändert und jeder betroffen ist. „In Deutschland und auch in Sachsen gibt es ein großes Bewusstsein für die Flüchtlingsthematik und ich hoffe, dass dies nicht durch die Pandemie verschwindet“.

Benjamin Scholz wird noch ein bis zwei Jahre in Jordanien bleiben. Und sollten die staatlichen Zahlungen tatsächlich sinken, wird auch er vor Herausforderungen stehen. „Dann müssen wir ganz stark überlegen und priorisieren, welche Haushalte unsere Unterstützung bekommen können. Das erfordert viel analytische Arbeit, um es gerecht zu gestalten“. Gerade Deutschland als zweitwichtigstes Geberland sei ein sehr verlässlicher Partner.

Mehr zum Thema Sachsen