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Dem Fahrradhändler fehlen Räder

Obwohl es Lieferprobleme gibt, expandiert Fahrrad XXL am Standort in Kesselsdorf. Hier entstehen ein neues Lager und neue Jobs.

Von Maik Brückner
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Der Geschäftsführer von Fahrrad XXL, Hamid Ameli, steht vor dem neuen Erweiterungsbau im Kesselsdorfer Gewerbegebiet Zschoner Ring. Im Februar soll die Halle fertig sein.
Der Geschäftsführer von Fahrrad XXL, Hamid Ameli, steht vor dem neuen Erweiterungsbau im Kesselsdorfer Gewerbegebiet Zschoner Ring. Im Februar soll die Halle fertig sein. © Norbert Millauer

Fahrräder über Fahrräder. Hamid Ameli zeigt auf die Kartons, in denen Zweiräder gelagert sind. Und dann schwenkt sein Blick auf die vielen anderen Regale, die im Kesselsdorfer Lager seines Unternehmens stehen. Sie sind leer. Eigentlich würden dort auch Räder stehen. Doch die Hersteller können nicht liefern.

Deshalb kann sein Unternehmen Fahrrad XXL, das in Dresden zwei große Fachgeschäfte betreibt, derzeit nicht jeden Wunsch sofort erfüllen. Das Nachsehen haben die, die im Onlineshop bestellen wollten. Denn sein Unternehmen versucht, in den vier stationären Geschäften den Kunden möglichst viel Auswahl zu bieten.

Fahrradboom in Italien

Dass es zu wenige neue Fahrräder gibt, hat verschiedene Gründe, sagt der 50-jährige Fahrradhändler. Nicht nur in Deutschland, sondern in vielen anderen Ländern der Welt ist die Nachfrage nach Fahrrädern gestiegen - so zum Beispiel in Italien und Australien. "Händlerkollegen in Italien haben mir berichtet, dass sie im letzten Jahr in einem Monat so viel Fahrräder verkauft haben, wie zuvor in einem ganzen Jahr", sagt Ameli.

Die Gründe sind vielfältig: Manche steigen aus ökologischen Gründen um, andere wollen damit die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel vermeiden, wieder andere haben die Lust am Fahrrad für sich entdeckt. Und dann gibt es noch die, die mit dem Radfahren etwas für ihre Gesundheit und Fitness tun wollen. Das Problem: Die Hersteller kommen aber mit der Produktion der Fahrräder nicht mehr hinterher - und produzieren zu wenig.

Julia Köcher, Bauleiterin in der Firma Goldbeck, ist zufrieden mit dem Bauverlauf der 2.200 Quadratmeter großen Halle der Firma XXL in Kesselsdorf. Anfang nächsten Jahres werden die Bauarbeiten abgeschlossen sein.
Julia Köcher, Bauleiterin in der Firma Goldbeck, ist zufrieden mit dem Bauverlauf der 2.200 Quadratmeter großen Halle der Firma XXL in Kesselsdorf. Anfang nächsten Jahres werden die Bauarbeiten abgeschlossen sein. © Norbert Millauer

Diese Einschätzung teilt auch der Zweirad-Industrie-Verband, die Interessenvertretung von rund 100 Fahrrad-, E-Bike-, Komponenten- und Zubehörherstellern. Hätte man mehr importieren und produzieren können, hätten nach Einschätzung des Verbandes deutlich mehr Fahrräder und E-Bikes verkauft werden können.

So wurden im ersten Halbjahr 2021 deutschlandweit rund 1,55 Millionen Fahrräder verkauft, 26 Prozent weniger als im Vergleichshalbjahr des Vorjahres. Ähnlich sei es bei den E-Bikes. Nach Einschätzung des Verbandes werden in diesem Jahr rund 1,9 Millionen E-Bikes verkauft. "Dies entspräche einem leichten Rückgang von rund minus 2,6 Prozent", so der Verband.

Entspannung erst Ende 2022 in Sicht

Dass die Hersteller nicht mehr liefern können, liegt an der Corona-Pandemie. Es gab Werke, die nach der Erkrankung von Mitarbeitern für mehrere Wochen schließen mussten. Handelt es sich um Hersteller von bestimmten Teilen - wie Federgabeln oder Schaltungen -, betrifft der nachfolgende Teilemangel oft dann die ganze Branche, sagt Ameli. Auch bestimmte Rohstoffe werden knapp. Der Zweirad-Industrie-Verband rechnet nicht damit, dass sich die Situation schnell bessert. "Eine Entspannung wird voraussichtlich erst gegen Ende des nächsten Jahres zu erwarten sein."

Der Erweiterungsbau von Fahrrad XXL in Kesselsdorf hat eine Fläche 2.200 Quadratmetern. Die bisherige Lagerfläche ist 4.000 Quadratmeter groß, die Montage verfügt über 2.000 Quadratmeter Platz.
Der Erweiterungsbau von Fahrrad XXL in Kesselsdorf hat eine Fläche 2.200 Quadratmetern. Die bisherige Lagerfläche ist 4.000 Quadratmeter groß, die Montage verfügt über 2.000 Quadratmeter Platz. © Norbert Millauer

Das glaubt auch Hamid Ameli. Er ist aber zuversichtlich, dass der Trend zum Fahrradfahren anhält. Vor allem der E-Bike-Bereich ist ein Wachstumsmarkt. Mit den Rädern mit Tretunterstützung - vor allem mit E-Mountainbikes - konnten neue Interessentengruppen gewonnen werden.

Hoch im Kurs stehen auch die Gravels, ein Zwitter aus Mountainbike und Rennrad. Und dann gebe es auch den Trend dazu, dass sich viele für jeden Einsatzzweck ein extra Rad kaufen. Das sind Gründe, weshalb der Fahrradhändler trotz der angespannten Situation investiert.

Wilsdruff stellt Baugrund zur Verfügung

Seit dem Sommer wird das Lager in Kesselsdorf erweitert - sichtbar für jeden, der täglich zwischen Dresden und Freiberg unterwegs ist. Direkt an der B173 entsteht eine neue Halle, in der Fahrrad XXL künftig bis zu 13.000 Fahrräder lagern kann. Das ist die Hälfte von dem, was jetzt schon gelagert werden kann.

Dass die Erweiterung möglich ist, habe man der Stadt Wilsdruff zu verdanken, die dem Unternehmen das Grundstück verkaufte. Um die Halle auf gleicher Höhe wie das bisherige Lager errichten zu können, mussten 13.500 Kubikmeter Erde bewegt werden. Auch die Regenwasserentwässerung sei nicht leicht zu bewerkstelligen gewesen. Zudem gab es Lieferschwierigkeiten bei den Paneelen, erinnert sich Ameli.

Doch letztlich habe man alle Probleme lösen können. Allerdings habe das zu einem Zeitverzug geführt. Eigentlich sollte die neue Halle schon im November bezugswertig sein. Das sei nicht mehr zu erreichen. Ameli rechnet damit, dass sein Unternehmen die Halle im Februar beziehen kann. Glück habe man mit dem Bauunternehmen Goldbeck einen guten Partner. Dieses habe dafür gesorgt, dass der Investitionsrahmen von 2,8 Millionen Euro gehalten werden kann. Der reine Bau macht davon übrigens rund zwei Millionen Euro aus.

Neue Mitarbeiter werden eingestellt

Steht die Halle, wird XXL am Standort neue Mitarbeiter einstellen. Denn in Kesselsdorf wird nicht nur gelagert, sondern hier werden die von den etwa 15 Herstellern gelieferten Räder endmontiert. Das gilt auch für die Räder, die XXL unter eignem Label herstellen lässt. Unter anderem werden hier Sattel oder Räder anmontiert. "Alle Schrauben werden kontrolliert und festgedreht, außerdem werden Schaltung und Bremsen eingestellt. Im Prinzip wird das Fahrrad fahrbereit für den Endkunden gemacht", erklärt Hamid Ameli.

Auch der Onlinehandel wird mit der Erweiterung ausgebaut. Die zwei bestehenden Stationen werden um zwei weitere Stationen erweitert. Aktuell liefert Fahrrad XXL nur deutschlandweit. "Wir planen ab 2022 und 2023 die Expansion in andere EU-Länder." Dabei arbeitete der Dresdner Händler mit sieben anderen Familienunternehmen zusammen, die ebenfalls unter dem Label Fahrrad XXL Räder verkaufen und die gemeinsam Firmen betreiben, unter anderem für den Onlinehandel. Gemeinsam wolle man nun auch Filialen betreiben - die erste soll in Berlin eröffnen, kündigt Ameli an.

Gegenwärtig beschäftigt der 2000 gegründete sächsische Ableger von XXL 300 Mitarbeiter. Knapp 50 Mitarbeiter arbeiten am Standort Kesselsdorf, die anderen in den Fachläden in Halle, Chemnitz und den beiden Dresdner Geschäften. Durch die Erweiterung in Kesselsdorf wird XXL drei bis vier Fahrradmonteure einstellen.