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Die Renaissance der Ost-Autos

Im Kreis Bautzen fahren wieder mehr Trabis, Saporoshez und andere Autos aus DDR-Zeiten. Ein Wolga-Besitzer erzählt, warum ihn der Sowjet-Schlitten fasziniert.

Ost-Autos liegen wieder im Trend: Jens Mörbe aus der Nähe von Bautzen fährt mit seinem Wolga, Baujahr 1980, gern zu Oldtimer-Treffen.
Ost-Autos liegen wieder im Trend: Jens Mörbe aus der Nähe von Bautzen fährt mit seinem Wolga, Baujahr 1980, gern zu Oldtimer-Treffen. © SZ/Uwe Soeder

Bautzen. So ein Auto möchte er später mal fahren! Das stand für Jens Mörbe schon fest, da war er noch ein Knirps. Wenn er mit den Eltern mit dem Zug verreist war, nahm sich die Familie für die letzten Kilometer nach Hause vom Bautzener Bahnhof immer ein Taxi. Noch heute erinnert sich der mittlerweile 50-Jährige, wie ihn die großen Autos beeindruckten. Es waren Wolgas, gebaut in der sowjetischen Stadt Gorki. Sie ähnelten durchaus den amerikanischen Straßenkreuzern, die es in der DDR nur auf Bildern zu sehen gab.

Heute steht Jens Mörbes Kindheitstraum in einer Garage ein paar Kilometer östlich von Bautzen. Ein schwarzer Wolga, Baujahr 1980, mit glänzendem Chrom an Front und Heck. Zwischen vorderer und hinterer Stoßstange liegen fast fünf Meter. Die Sitze hat Jens Mörbe mit rotem Leder bespannen und das ganze Fahrzeug neu lackieren lassen. Dem Auto ist die liebevolle Pflege anzusehen. Rund 13.000 Euro hat der Junge von einst in das gute Stück investiert, davon 3.000 für den Kauf.

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Im Westen kannte dieses Auto niemand

Das war vor zwölf Jahren. Ein Kumpel, der selbst einen Oldtimer fuhr, gab Jens Mörbe den entscheidenden Tipp. Der Oberlausitzer fuhr nach Neumünster in Schleswig-Holstein. Dort wollte der Vorbesitzer den Wolga loswerden. Er hatte zwar einerseits eine russische Frau, es aber andererseits auch satt, immer und überall Neugierigen erklären zu müssen, was er für ein Auto fährt. Den Schlitten aus der Sowjetunion kannte dort halt niemand.

"Das Auto ist für den Export gebaut worden", erklärt Jens Mörbe. Er erkennt das am goldfarbenen Handschuhfach. Für das sowjetische Inland reichten schwarze Handschuhfächer.

Die Sitze seines rollenden Schmuckstücks aus Gorki, seit 1990 wieder Nishni Nowgorod, hat Jens Mörbe mit rotem Leder polstern lassen. Auf dem Lenkrad prangt der Schriftzug Wolga - lesbar nur für Leute, die Russisch gelernt haben.
Die Sitze seines rollenden Schmuckstücks aus Gorki, seit 1990 wieder Nishni Nowgorod, hat Jens Mörbe mit rotem Leder polstern lassen. Auf dem Lenkrad prangt der Schriftzug Wolga - lesbar nur für Leute, die Russisch gelernt haben. © SZ/Uwe Soeder

Für den täglichen Arbeitsweg oder zum Einkaufen setzt sich Jens Mörbe nicht hinter das große Lenkrad mit dem russischen Schriftzug. Dafür steht ein Skoda auf dem Hof. Aber zu diversen Oldtimer- oder Fantreffen holt er sein Schmuckstück gern aus der Garage und fährt damit zum Beispiel nach Cunewalde, Lawalde oder Magdeburg. Kürzlich war er auf einem Treffen in Bronkow südlich von Berlin.

Ersatzteile finden Liebhaber im Internet

Auf der Autobahn schaffe der Wolga durchaus seine 160 "Sachen", ausgelegt ist er eigentlich bis Tempo 145. Und was schluckt der Gute? "Zehn Liter auf 100 Kilometer sind normal, in der Stadt etwas mehr", erklärt der Besitzer. Er tankt Super bleifrei, den in den 1980er-Jahren üblichen Blei-Zusatz mischt er selbst dazu.

Größere Reparaturen seien in den zwölf Jahren nicht nötig gewesen. Demnächst stünden mal neue Bremsen an, aber das sei es dann auch schon. Mit Ersatzteilen helfen sich Oldtimerfreunde gegenseitig, es gibt auch Angebote in Fachzeitschriften und Händler im Internet. "Man kriegt alles", weiß der Wolga-Fahrer. "Manches nicht von heute auf morgen, aber man kriegt es."

In Mörbes Garage steht einer von 16 Wolgas, die derzeit im Landkreis Bautzen zugelassen sind. Vor zehn Jahren waren es nur fünf. Auch bei anderen Ost-Marken gehen die Zahlen laut Zulassungsstelle des Landratsamtes nach oben: Waren vor zehn Jahren 384 Trabants zugelassen, sind es jetzt 900. Von vor 1990 gebauten Skodas waren vor zehn Jahren 17 zugelassen, jetzt sind es 44. Und selbst der tuckernde Saporoshez, seinerzeit gern als "Chruschtschows Rache" verspottet, erfreut sich mit aktuell acht Zulassungen gegenüber fünf vor zehn Jahren wieder mehr Beliebtheit.

Rückbesinnung und ein kleiner Boom

Die historischen Autos würden jetzt wieder aus Scheunen, Schuppen oder Garagen geholt, fahrtüchtig gemacht und zugelassen, sagen Fachleute zu den steigenden Zahlen. „Wartburg und Trabi haben nicht nur Kult- sondern jetzt auch Oldtimerstatus erlangt“, sagt der Geschäftsführer der Kölner BBE Automotive GmbH, Gerd Heinemann. Ein Teil von ihnen trage auch das H-Kennzeichen für Oldtimer - wie der Wolga von Jens Mörbe.

Gerd Heinemanns Beratungsunternehmen legt jährlich unter anderem eine Studie zum Oldtimer-Markt für den Verband der Automobilindustrie (VDA) und andere Organisationen vor. Nach seiner Einschätzung wird der Markt für Ost-Oldies noch wachsen. „Weil es sich lohnt, sie fahrtüchtig zu machen. Das ist eine Art Rückbesinnung und fast schon ein kleiner Boom.“ Für einen Trabant in Topzustand würden durchaus wieder 10.000 Euro gezahlt.

Die letzten Generationen der Kenner

Auch die bundesweit tätige Werkstattkette A.T.U. bestätigt den Trend zu alten Ost-Autos. "In unseren Werkstätten merken wir das aber nur eingeschränkt, da viele dieser Autobesitzer selbst an ihren Fahrzeugen schrauben und diese restaurieren. Gerne werden aber Prüfungen und Einstellungen, zum Beispiel Scheinwerfer, Bremse oder Spur bei uns in Anspruch genommen. Die Ersatzeilverfügbarkeit ist je nach Fahrzeug und Modell unterschiedlich, aber für die Ostmodelle im Allgemeinen gut", sagt Pressesprecher Markus Meißner.

Wolga-Besitzer Jens Mörbe vermutet aber, dass die Renaissance der Ost-Autos mit den Jahren auch wieder nachlassen wird. "Wir sind jetzt die letzten Generationen, die diese Marken noch kennen und mit ihnen etwas anfangen können", sagt der 50-Jährige.

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