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"Polen kann Turów nicht einfach stilllegen"

Der frühere Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz Rainer Hampel über die Instrumentalisierung des Turów-Streits und die Blackout-Gefahr.

Der frühere Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz und Kraftwerks-Experte Rainer Hampel ärgert sich über den Turów-Streit.
Der frühere Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz und Kraftwerks-Experte Rainer Hampel ärgert sich über den Turów-Streit. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Wenn Rainer Hampel die Forderungen zur sofortigen Schließung der Grube Turów hört, oder über die laufende tschechische Klage vor dem Europäischen Gerichtshof nachdenkt, dann ist Unverständnis sehr wohlwollend ausgedrückt. Der Lückendorfer, von 2003 bis 2010 Rektor der Hochschule Zittau/Görlitz, kennt sich mit Energiegewinnung, Kraftwerken und Technik bestens aus - wenngleich er vorrangig mit Kernkraftwerken zu tun hatte. Dennoch rät er im Streit um Turów zu mehr Augenmaß und weniger Emotion:

Herr Hampel, Sie kritisieren die tschechische Klage gegen Polen und auch die Forderungen einiger, die Grube so rasch wie möglich stillzulegen. Warum?

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Hampel: Weil das nicht einfach so geht, dass Polen die Grube stilllegt. Wenn die Grube zu ist, ist auch das Kraftwerk zu. Denn es ist nicht machbar und sinnvoll, die Kohle aus anderen Tagebauen nach Turów zu transportieren, um sie dann hier zu verstromen. Mit jedem Kraftwerk, das vom Netz geht, wächst außerdem die Gefahr von Blackouts in Europa.

Sie sorgen sich um die Energiesicherheit, weil Turów abgeschaltet wird?

Hampel: Ja, auch. Dass das EU-Netz instabiler geworden ist, kann man an den verfügbaren Daten der Deutschen Netzagentur nachvollziehen. Allein in diesem Jahr hat es nach meiner Kenntnis größere Störungen gegeben, bei denen wir knapp an einem Blackout vorbeigeschrammt sind. Einen durch einen Schaltfehler in einem Kraftwerk in Rumänien und einen vor Kurzem in Polen, durch ein Problem in Kattowice. Da ist das EU-Strom-Netz zusammengesackt und konnte nur gerettet werden, weil unter anderem Österreich seine Reserven hochgefahren hat. Generell gibt es solche stabilisierende Eingriffe ins Netz inzwischen fast täglich.

Das liegt aber nicht nur an der Abschaltung eines Kohlekraftwerks...

Hampel: Nein, aber im Gegensatz zu Kohle- und Kernenergie wird Wind- und Sonnenenergie nicht durchgehend in gleichem Maß erzeugt. Wenn weder Wind noch Sonne da ist, müssen die traditionellen Kraftwerke ausgleichen. Je mehr vom Netz gehen, desto schwieriger wird es. Wenn beispielsweise in Deutschland Strom-Mangel herrscht, dann speisen auch die Polen ein, um es auszugleichen - sie speisen ohnehin mehr ein als Deutschland.

Das Kraftwerk in Turów deckt zwischen fünf und sieben Prozent - zwei bis drei Millionen Haushalte - am polnischen Stromverbrauch. Sehen Sie da so große Folgen?

Hampel: Ich habe es mal hochgerechnet: Das abrupte Abschalten von Grube und damit auch Kraftwerk wäre so, als würden Sie einem Einfamilienhaus die Stromleitung kappen und dann sagen: "Stellen Sie sich doch ein Windrad in den Garten." Man sollte solche Forderungen nicht einfach so stellen, sondern die Folgen bedenken und über Lösungen nachdenken. Ich habe bei der jüngsten Demo in Zittau Kinder gesehen, die Schilder hochhielten, auf denen die Schließung von Grube und Kraftwerk in Turów gefordert wurde. Ich finde es verwerflich, dass hier Kinder für Forderungen missbraucht werden, die sie gar nicht verstehen können.

Rechtfertigt das aber, dass den Menschen im tschechischen Grenzgebiet zu Turów das Wasser abgegraben wird? Abgesehen davon vermisst man auch in Deutschland die polnische Kooperation...

Hampel: Was die polnische Seite versäumt hat, kann ich nicht im Detail beurteilen, ich will auch nicht abstreiten oder leugnen, dass Polen Fehler gemacht hat. Aber sich gegenseitig zu verklagen, ist gerade für das Dreiländereck eine unnötige Belastung zwischen den Nachbarn. Die Probleme, die es gibt, sind technisch lösbar. Ja, das kostet Geld und ist nicht für "'n Appel und 'n Ei" zu haben. Aber darüber sollte man verhandeln und sich nicht gegenseitig mit Klagen überziehen.

Dazu hätte die polnische Seite die Chance gehabt...

Hampel: Ja, ich glaube auch, dass es hier ein grundlegendes Problem in der Kommunikation gegeben hat. Dennoch finde ich es fatal, wenn solche Probleme jetzt für unrealistische Forderungen und Stimmungsmache genutzt werden, beispielsweise von Gruppen wie Greenpeace oder auch aus der Politik. Für mich entsteht außerdem der Eindruck, dass dieses Thema immer mehr als Generationenkonflikt gesehen wird, nach dem Motto: Die Alten haben alles falsch gemacht und die Jungen müssen es nun ausbaden. So ist es nicht: Die Generation nach dem Krieg hat etwas aufgebaut, wovon wir jetzt profitieren. Es gibt Probleme, ja, aber wir sollten alles daran setzen, dass junge Leute heranwachsen, die diese Probleme lösen können.

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Hampel: (lacht) Was glauben Sie, warum ich damals zur Kernenergie gegangen bin? Kohle, Öl, Gas - das ist alles endlich, wir brauchen diese Rohstoffe zudem auch in der Industrie. Ich bin sehr dafür, den Verbrauch der fossilen Brennstoffe zu reduzieren - aber man muss einen Weg aufzeigen, wie das vernünftig gehen kann und den ein Großteil der betroffenen Menschen mitträgt.

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